In Hamburg haben die ersten 22 vollausgebildeten Notfallsanitäter (NotSan) bei der Berufsfachschule der Feuerwehr Hamburg ihre Ausbildung nach dem Notfallsanitätergesetz (NotSanG) abgeschlossen. Das Gesetz verfolgt die Grundidee, die Qualität im Rettungsdienst zu erhöhen. Weiterhin soll durch den Einsatz von Notfallsanitätern die Zeit bis zur ärztlichen Behandlung überbrückt werden, da diese zumeist vor den Notfallärzten eintreffen.

Seit 2014 dürfen daher Notfallsanitäter auf dem Rettungswagen auch ohne einen Arzt bestimmte medizinische Hilfe leisten. Allein in Hamburg hat die Qualifizierung und Ausbildung der Rettungskräfte bislang mehr als 20 Millionen Euro gekostet, die von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wurden.

TK: Was ist der wesentliche Unterschied zwischen der bisherigen Ausbildung zum Beruf des Rettungsassistenten und der zum Notfallsanitäter?

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Maren Puttfarcken

Puttfarcken:  Zuallererst unterscheidet sich die Ausbildung zum Notfallsanitäter in der Ausbildungsdauer. Während Rettungsassistenten zwei Jahre lernen mussten, dauert die Ausbildung zum Notfallsanitäter drei Jahre. Außerdem wurde bundesweit eindeutig festgelegt, welche Aufgaben Notfallsanitäter im Einsatz übernehmen sollen. Nach Abschluss der Ausbildung sind die Notfallsanitäter dazu qualifiziert, zum Beispiel auch invasive Maßnahmen eigenständig durchzuführen. Die Kompetenzen gehen über die eines Rettungsassistenten weit hinaus.

Die Ausbildung wurde auch dahingehend geändert, dass die Notfallsanitäter im Berufsalltag eigenverantwortlich handeln können. Bisher konnten die Rettungsassistenten zwar venöse Zugänge legen, intubieren und ausgewählte Medikamente verabreichen, obwohl diese Maßnahmen grundsätzlich Ärzten vorbehalten sind - allerdings nur im Rahmen der Notkompetenz, also wenn ein rechtfertigender Notstand nach §34 StGB vorliegt. Oft variierte die Liste der Maßnahmen aber örtlich sehr stark.

Die Neuregelung sollte also die Kompetenzen vereinheitlichen und die Erstversorgung durch qualifiziertes Personal verbessern. Sie zielte aber auch darauf ab, die Zahl der Notarzteinsätze insgesamt zu verringern - insbesondere um nicht erforderliche Einsätze.

TK: Im Berufsalltag soll der Notfallsanitäter aufgrund der Ausbildung eigenständig rettungsdienstliche Tätigkeiten ausüben. Was bedeutet das in der Praxis?

Puttfarcken: Die Notfallsanitäter dürfen im Notfalleinsatz vor allem medizinische Maßnahmen der Erstversorgung bei Patienten durchführen. Sie wenden dabei das an, was sie in der Ausbildung erlernt haben. Dazu gehört, bei einem lebensgefährlichen Zustand auch invasive Maßnahmen zu ergreifen, um einer Verschlechterung der Situation des Patienten bis zum Eintreffen des Notarztes oder einer weiteren ärztlichen Versorgung vorzubeugen.

2014 wurde hierfür die rechtliche Grundlage geschaffen. Ein Notfallsanitäter sollte sein Tun nicht mehr durch das Vorliegen eines rechtfertigen Notstandes nach § 34 StGB begründen - dies ist der entscheidende Unterschied zu einem Rettungsassistenten.

TK: Was heißt das genau?

Puttfarcken: Der ärztliche Leiter eines Rettungsdienstbereiches kann nun festlegen, dass die Notfallsanitäter auch außerhalb von Situationen der schweren Gesundheitsgefahr oder Lebensgefahr für den Patienten regelhaft eigenständig heilkundliche Maßnahmen erbringen können.

Begleitend wurde dafür der sogenannte Pyramidenprozess etabliert. Darin hat der Berufsverband Rettungsdienst gemeinsam mit Notarztverbänden festgelegt, welche invasiven Maßnahmen Notfallsanitäter in welchen Fällen durchführen oder welche Medikamente sie geben sollten. Es existiert also theoretisch ein deutschlandweiter Rahmen, der die Kompetenzen von Notfallsanitätern festlegt.

TK: Wie sieht die Praxis in Hamburg aus?

Puttfarcken: In der Praxis sind die Verbesserungen bisher leider kaum spürbar. So hat sich die Zahl der Notarzteinsätze bislang nicht verringert; die Ziele des Bundesgesetzgebers wurden leider nicht erreicht.

Denn die Entscheidung über die Kompetenzen der Notfallsanitäter trifft der ärztliche Leiter (ÄLRD) des jeweiligen Rettungsdienstträgers  - und somit in Hamburg die Feuerwehr Hamburg. Sie kann also lokal unterschiedlich sein.

Bislang können die rund 600 Notfallsanitäter bei der Feuerwehr Hamburg die neuen Kompetenzen nach dem Notfallsanitätergesetz noch nicht vollumfänglich anwenden, da diese durch den Rettungsdienstträger - die Feuerwehr - bisher nicht freigegeben wurden. Die Grundidee des Gesetzes, die Qualität im Rettungsdienst durch zeitnahe invasive Maßnahmen zu erhöhen, wird also in Hamburg derzeit nicht erfüllt. Und das, obwohl die Notfallsanitäter die Maßnahmen grundsätzlich erlernt haben und beherrschen.

Die Hamburger Hilfsorganisationen sind hier bereits etwas weiter und haben durch angepasste Standard Operating Procedures (kurz SOP), die vom ärztlichen Leiter freigegeben und verantwortet werden, die Kompetenzen der Notfallsanitäter erweitert.

Standard Operating Procedure

kurz: SOP, ist ein standardisiertes Vorgehen, also eine verbindliche Beschreibung der Abläufe von Vorgängen einschließlich der Prüfung der Ergebnisse und deren Dokumentation insbesondere in Bereichen kritischer Vorgänge mit potentiellen Auswirkungen auf Gesundheit und Sicherheit.

TK: Was müsste aus Sicht der TK passieren?

Wir sehen einen dringenden Handlungsbedarf - im Sinne der Patienten, zur Verbesserung der Qualität im Rettungsdienst und auch zur Absicherung der Notfallsanitäter, wenn sie eigenverantwortlich im Berufsalltag bei der Feuerwehr Hamburg handeln sollen.

Da sich die Feuerwehr Hamburg bisher dagegen sträubt, die Kompetenzen der Notfallsanitäter zu erweitern, muss aus unserer Sicht nun die Politik tätig werden. Nur so können die Notfallsanitäter ihre neu erlangten Kompetenzen und Befugnisse auch in der Praxis beim Patienten vollumfänglich anwenden, um so auch die Versorgungsqualität im Rettungsdienst zu erhöhen.

Dies könnte einerseits im Rahmen der Novellierung des Hamburgischen Rettungsdienstgesetzes geschehen. Hier sollte klar festgelegt werden, welche Maßnahmen Notfallsanitäter ergreifen dürfen. Einen bundesweiten Rahmen gibt es dafür ja bereits. Andererseits könnte bei der Feuerwehr - ähnlich wie bei den Hilfsorganisationen - ebenso eine Festlegung der Kompetenzen in entsprechenden SOP erfolgen.

Das Ergebnis  wäre, dass - wenn nun ein Lagebild vorliegt, zu dem die ÄLRD ein SOP festgelegt haben - der Notfallsanitäter die heilkundliche Maßnahme somit nicht zur Überbrückung bis zum Eintreffen eines Notarztes durchführt, sondern anstelle des Notarztes. Andere Bundesländer haben das in sogenannten Ausführungsbestimmungen festgelegt, um das Gesetz einheitlich umzusetzen.