Eine optimale Notfallversorgung ist ein wesentlicher Aspekt der Daseinsvorsorge und wichtig für eine gute medizinische Versorgung. Doch wer in Hamburg akut schnelle medizinische Hilfe benötigt, muss schon Experte in eigener Sache sein, um die richtige Versorgungsebene in der Notfallversorgung ansteuern zu können. Denn neben dem Rettungsdienst unter der Rufnummer 112 gibt es ambulante Notfallpraxen, die Hotline des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 (Arztruf Hamburg) und die Notaufnahmen in den Krankenhäusern.

Den eigenen Behandlungsbedarf und die Frage nach dem richtigen Behandlungsort einzuschätzen, ist aber naturgemäß für medizinische Laien schwer. Die Folge in Hamburg, wie auch andernorts, ist, dass oft leicht erkrankte Patienten die Notaufnahmen der Krankenhäuser füllen und schwerer Erkrankte lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Viele fordern deshalb seit langem, das System der Notfallversorgung so umzubauen, dass Hilfesuchende frühzeitig dorthin gelotst werden, wo sie medizinisch gesehen hingehören. 

Das ist auch der Kern des nun von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgelegten Gesetzentwurfs zur Reform der Notfallversorgung

Neue Struktur soll Abhilfe schaffen

Die TK begrüßt den Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums, der darauf abzielt, die Notfallversorgung sektorenübergreifend zu reformieren und die Versorgung klarer zu strukturieren. Gleichzeitig ist beabsichtigt, Patienten gezielter in die richtige Versorgungsebene zu steuern. 

Aus Sicht der TK ist gerade in der Notfallversorgung ein koordiniertes Vorgehen notwendig: Die unterschiedlichen Träger und Zuständigkeiten - ambulante Notfallpraxen und fahrender Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen, öffentlicher Rettungsdienst und Notaufnahmen der Krankenhäuser - arbeiten heute nicht selten unabgestimmt nebeneinander her. Daher ist es richtig, dass die geplante Reform der Notfallversorgung eindeutigere Strukturen für die Hilfesuchenden schafft. Zu nennen ist hier die Einrichtung von Gemeinsamen Notfallleitstellen (GNL), in denen Notfallanrufe eingehen, sowie die Integrierten Notfallzentren (INZ), die an bestimmten Krankenhäusern eingerichtet werden sollen. Sie sollen hilfesuchenden Patienten als erste Anlaufstelle im medizinischen Notfall dienen und rund um die Uhr geöffnet sein. 

Funktionierende Strukturen in Hamburg nutzen

Hamburg hat in der Vergangenheit gute Grundlagen für eine sektorenübergreifende Notfallversorgung geschaffen. Ganz oben auf der Agenda standen die Errichtung der ambulanten Notfallpraxen in den Krankenhäusern sowie die Schaffung einer "Ein-Tresen-Lösung". Dies ist bereits in mehreren Kliniken, wie etwa am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, am Marienkrankenhaus sowie an der Asklepios Klinik Harburg, gelungen. Diese bewährten Konzepte und Strukturen in Hamburg darf die Bundesgesetzgebung nicht gefährden.

Das Marienkrankenhaus in Hamburg hat ein Zentrum für Notfall- und Akutmedizin mit einer "Ein-Tresen-Lösung" eingerichtet. Auf Wir Techniker spricht Chefarzt Dr. Michael Wünning im Interview über die Hürden, die es zu überwinden gilt - und warum es sich trotzdem lohnt.

Die Notfallpraxen in den Kliniken sind gut auffindbare Anlaufstellen für die Patienten. Aus Sicht der TK in Hamburg sollten die bereits bestehenden ambulanten Notfallpraxen in den Hamburger Kliniken nach und nach zu Integrierten Notfallzentren (INZ) weiterentwickelt werden. Weitere ambulante Notfallpraxen sollten an Krankenhäusern eingerichtet werden, die nach den Kriterien des vom G-BA beschlossenen Notfallstufenplans der höchsten Notfallstufe entsprechen. Weiterhin sollte eine sinnvolle Verteilung über das Stadtgebiet Hamburgs stattfinden. 

Wichtig ist dabei, dass die Kriterien und Standards für eine Ersteinschätzung und die Weiterleitung in die richtige Versorgungsebene überall dieselben sind - in den Notfallpraxen genauso wie in der Gemeinsamen Notfallleitstelle. Das heißt: Der Ort, an dem ein Patient zuerst Hilfe sucht, sollte nicht darüber entscheiden, wo er seine weitere Behandlung erhält.

Mit der Neufassung des Rettungsdienstgesetzes hat der Senat in Hamburg in der vergangenen Legislaturperiode endlich auch ein Vorhaben angepackt, das zuvor fast zehn Jahre lang auf Eis gelegen hatte. Positiv ist, dass es mit dem neuen Hamburgischen Rettungsdienstgesetz nun möglich sein wird, eine Gemeinsame Notfallleitstelle zu schaffen, in der sowohl Anrufe der 112 als auch der  116 117 auflaufen und wo alle Einsätze disponiert werden. Andere Bestimmungen sind aus Sicht der TK dagegen eher enttäuschend: Nach wie vor hat der Senat keine Hilfsfristen festgelegt, und auch die Mitwirkungsmöglichkeiten der Krankenkassen bei den Gebührenverhandlungen wurden drastisch beschnitten. 

Was bei der Reform der Notfallversorgung besonders wichtig ist 

Lotsenfunktion für Patienten übernehmen

Viele Menschen können nur schwer einschätzen, ob bei ihnen ein medizinischer Notfall vorliegt oder nicht. Häufig sind sie auch unsicher, an wen sie sich wenden sollen. Deshalb ist es sinnvoll, dass eine Stelle die Patienten in die für sie angemessene Versorgungsebene leitet. Dabei muss der jeweilige Behandlungsbedarf mithilfe von einheitlichen qualitätsgesicherten Kriterien eingeschätzt werden. 

Maren Puttfarcken

Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

Eine gute Notfallversorgung zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich am Bedarf der Hilfesuchenden orientiert. Maren Puttfarcken

Eine koordinierte Notfallversorgung setzt aus Sicht der TK auf zwei Ebenen an: Zum einen gibt es die Patienten, die zu Fuß die Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen. Dort sollten sie auf einen gemeinsamen Tresen der Notaufnahme und der ambulanten Notfallpraxis treffen. Hier entscheidet medizinisches Fachpersonal, ob der Patienten im Krankenhaus als Notfall aufgenommen werden muss oder, ob eine ambulante Behandlung, etwa durch einen Allgemeinmediziner ausreicht. Dadurch können Fehlsteuerungen und in der Folge Überlastungen der Notaufnahmen der Kliniken vermieden werden. 

Mit der Errichtung einer Gemeinsamen Notfallleitstelle (GNL) bzw. der Zusammenführung der Rufnummern 112 und 116 117 landet der Hilfesuchende immer bei speziell geschultem Fachpersonal - egal, welche Rufnummer er angerufen hat. Entscheidend ist, dass die Leitstellen mit einem einheitlichen Informationssystem und maximaler Transparenz zusammenarbeiten. Auch hier wird im Gespräch festgestellt, ob ein dringlicher Versorgungsbedarf besteht und der Rettungsdienst oder der ärztliche Bereitschaftsdienst ausrücken muss. Wenn der Behandlungsbedarf des Anrufers nicht dringend ist, wird er an einen Haus- oder Facharzt verwiesen. 

Digitale Chancen auch in der Notfallversorgung nutzen

Da Notfallversorgung und Rettungsdienst klassischerweise mehrere Versorgungsbereiche berühren, ist eine gute Koordination und Kooperation besonders wichtig. Deshalb sind gerade in der Notfallversorgung die Chancen der Digitalisierung konsequent zu nutzen - auch unter dem Gesichtspunkt der Patientensicherheit. Die Qualität des Erstkontakts eingehender Fälle - ob telefonisch oder persönlich - würde durch ein software-gestütztes Verfahren vereinheitlicht werden.

Weiterhin sollten sich alle kooperierenden Partner digital vernetzen und zum Beispiel auf die Falldaten aller Einsätze in Echtzeit zugreifen können. Nicht immer ist das nächstgelegene Krankenhaus auch das am besten geeignete, um einen schwer erkrankten Patienten im Notfall zu versorgen. Um zu gewährleisten, dass ein Patient immer in genau die Klinik gebracht wird, die aktuell am besten für ihn geeignet ist und freie Kapazitäten hat, sollte die Transparenz über die verfügbaren Behandlungskapazitäten einheitlich und digital abrufbar sein. Ein solches digitales Informationssystem würde einen Quantensprung für die Qualität der Notfallversorgung bedeuten.

Eine solche digitale Plattform zur Verknüpfung des Notfallrettungsdienstes mit dem Aufnahmekrankenhaus - wie etwa IVENA - wird bereits in einigen Bundesländern erfolgreich eingesetzt. Auch diese Möglichkeiten müssen in Hamburg künftig viel konsequenter umgesetzt werden, damit sich Krankenhäuser optimal auf den eintreffenden Notfall vorbereiten können.

TK-Position Notfallversorgung

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