Diese Fragen wurden bei der Fachdiskussion Zur Sache: Reform der Notfallversorgung  der Landesvertretung Hamburg der Techniker Krankenkasse (TK) am 21. November diskutiert.

Grundlage für die Diskussion waren das Gutachten 2018 des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) und die neue TK-Position zur Notfallversorgung in Hamburg. Im Gutachten werden auch umfassende Reformvorschläge zur Notfallversorgung vorgelegt. Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des SVR, stellte die Empfehlungen an diesem Abend vor.

Im Interview erklärt Gerlach die zentralen Ergebnisse des Gutachtens, welche Empfehlungen daraus für die Notfallversorgung resultieren und warum die Reform der Notfallversorgung ein "Eisbrecherprojekt" für die sektorenübergreifende Versorgung sein könnte.

Herr Prof. Dr. Gerlach, was sind die zentralen Ergebnisse des Gutachtens?

Gerlach: Unsere Analysen lassen erkennen, dass es trotz vielfältiger Reformgesetze weiterhin – nebeneinander – Über-, Unter- und Fehlversorgung im deutschen Gesundheitssystem gibt. Wir empfehlen daher, hier mit einem Bündel von Maßnahmen gegenzusteuern.

Es geht uns dabei nicht notwendig um mehr, sondern um gezieltere Steuerung. Wichtig ist, dass die Selbstbestimmung des Patienten geachtet und gefördert wird. Die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Versicherten ist deshalb eine wichtige Forderung des Rates. Wir sehen die Notwendigkeit, die Patienten besser durch das sehr komplexe Gesundheitssystem zu lotsen. Diese Rolle sollen primär – im Rahmen eines gestuften Versorgungssystems – entsprechend qualifizierte Hausärzte übernehmen.

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Prof. Dr. Ferdinand Gerlach (Fotograf: Michael Fuchs)

Was sind die drei wichtigsten Empfehlungen aus dem Gutachten für die Ausgestaltung der Notfallversorgung?

Gerlach: Alle Bürger sollen zukünftig rund um die Uhr Integrierte Leitstellen (ILS) erreichen können. In ILS sollen akute Notrufe (112) und Anrufe für den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte (116 117) zusammenlaufen. Erfahrene Fachkräfte und erstmals auch Ärzte sollen eine qualifizierte Ersteinschätzung (Triage) vornehmen und gegebenenfalls Telefonberatung anbieten.

In Integrierten Notfallzentren (INZ), die an besonders geeigneten Kliniken ebenfalls rund um die Uhr erreichbar sind, sollen niedergelassene Ärzte und Klinikärzte Hand in Hand zusammenarbeiten.

Eine einheitliche Dokumentation und digitale Vernetzung soll eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen. Mehrsprachige Patienteninformationen, auch über soziale Medien, Apps und Informationsportale, sollen die Steuerung zu der für den Patienten optimalen Versorgung unterstützen.

Im Gutachten geht es auch um Fehlanreize. Worin bestehen diese?

Gerlach: Sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich drehen sich Hamsterräder. Im Interesse der Patienten und auch aller im Gesundheitswesen Tätigen möchten wir diese bremsen beziehungsweise anhalten. Um die extrem hohe Zahl von Arzt-Patient-Kontakten in ambulanten Praxen und die ebenfalls sehr hohe Zahl und Dauer von Krankenhausaufenthalten zu begrenzen, müssen insbesondere vergütungsbedingte Mengenanreize reduziert werden. Für Kliniken sollte etwa die Zahl und Bedeutung der DRGs, zugunsten pauschaler Vergütungselemente sowie einer separaten Finanzierung von Vorhaltekosten, reduziert werden. Auch angesichts unzureichender Investitionsmittel der Länder schlagen wir unter anderem eine differenzierte Monistik vor, die durch einen mit Steuermitteln des Bundes ausgestatteten und gestärkten Strukturfonds ergänzt werden sollte.

Was wäre der erste Schritt für eine Umsetzung in einem Ballungszentrum wie Hamburg?

Gerlach: In Hamburg sollte das Versorgungsangebot möglichst gut auf den tatsächlichen Bedarf der in der Stadt und im umgebenden Einzugsraum lebenden Bevölkerung abgestimmt werden. Dafür ist eine sektoren- und länderübergreifende Betrachtung notwendig. In der Notfallversorgung ist zum Beispiel die Bildung einer mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein abgestimmt tätigen, Integrierten Leitstelle (ILS) sinnvoll. Auch sollte baldmöglichst geklärt werden, welche Kliniken zukünftig als leistungsstarke Integrierte Notfallzentren (INZ) fungieren können. Da die senatorische Behörde auch bundesweit zu den gesundheitspolitischen Schrittmachern gehört, bin ich optimistisch, dass die Neuordnung der Notfallversorgung in Hamburg zu einem Pilot- beziehungsweise Eisbrecherprojekt für die sektorenübergreifende Versorgung der Zukunft werden kann.