Jeder will das Krankenhaus in seiner Stadt erhalten. Doch würden sich auch alle dort operieren lassen, wenn es um einen Eingriff geht, denn dieses Haus nur selten vornimmt? Der Landeschef der Techniker-Krankenkasse, Jörn Simon, bezweifelt das. Im Gespräch mit der Allgemeinen Zeitung, Mainz, sagt er, dass die ländliche Versorgung erhalten werden kann, wenn in den Städten unsinnige Angebote eingespart würden.

Allgemeine Zeitung: Herr Simon, die Krankenhaus-Gesellschaft hat vor einem Kahlschlag gewarnt. Wenn die Notfallversorgung neu geregelt würde, müssten zwei von drei Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz geschlossen werden. Befürchten Sie das auch?

Jörn Simon: Dieses Szenario ist gewiss übertrieben. Der Gemeinsame Bundesausschuss berät im April über ein sogenanntes Vier-Stufen-System, in dem den Kliniken Standards für die stationäre Notfallversorgung vorgegeben werden Die Notfallversorgung kann dann an Kliniken bleiben, die über ausreichend Ärzte verfügen sowie über die technischen Voraussetzungen. Anschließend ist es Aufgabe der Politik zu entscheiden, welche Maschengröße man sich leistet. Also welche Entfernungen den Menschen zu einem Krankenhaus zumutbar sind. Aber wir dürfen bei der Krankenhauslandschaft nicht nur an die flächendeckende Versorgung denken.

AZ: Sondern?

Jörn Simon: Die Qualität muss eine größere Rolle spielen. Im Notfallbereich haben wir eine katastrophale Situation. In vielen Krankenhäusern, die Notfallversorgung anbieten, fehlt gewissermaßen ein Empfangsbereich, in dem die Patienten gleich zu Beginn der für sie richtigen Versorgungsstruktur zugeordnet werden. Das führt dazu, dass Patienten, die beispielsweise auch ambulant behandelt werden könnten, dennoch in der stationären Notaufnahme landen.

AZ: Wie würden Sie das ändern?

Jörn Simon: Die TK schlägt vor, in den Kliniken, die sich an der Notfallversorgung beteiligen, Portalpraxen einzurichten, in denen entsprechend qualifiziertes Personal diese Auswahl trifftt. Das Geld, das vorhanden ist, könnten wir besser und effizienter für die stationäre Versorgung der Menschen einsetzen, beispielsweise indem wir uns mehr an dem tatsächlichen Bedarf orientieren. Auch über die Notfallversorgung hinaus müssen wir die Strukturen verbessern. Und das gilt auch für die Krankenhäuser.

AZ: Wo ließe sich sparen?

Jörn Simon: Es geht nicht um sparen, sondern darum, durch Strukturveränderungen in Qualität zu investieren. Die Einhaltung von Mindestmengen für schwierige planbare Operationen ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal und führt zu mehr Sicherheit für den Patienten. Derzeit gibt es diese nur in sieben sogenannten Indikationen. In vielen anderen Behandlungsfeldern wären sie aber auch sinnvoll. Und da geht es nicht um eine Sparmaßnahme, sondern schlicht darum, dass der Operateur über ausreichend Praxis verfügt.

AZ: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Jörn Simon: In Rheinland-Pfalz wird der Herzinfarkt in 82 Kliniken behandelt, unter Qualitätsaspekten wäre es aber sinnvoller, wenn lediglich zehn bis 15 Standorte sich auf die Versorgung des Infarkts spezialisiert hätten. Infarkte sollten nur in Klinken behandelt werden, die auch einen Herzkathedermessplatz haben. Damit ließe sich die Sterblichkeitsrate deutlich senken. Dänemark hat seine Krankenhauslandschaft so radikal umgebaut. Das Konzept wäre auf Deutschland teilweise übertragbar.

AZ: Wird das politisch durchsetzbar sein? Wenn ein Krankenhaus von der Schließung bedroht ist, heulen die Politiker vor Ort doch so lange auf, bis die Landesregierung nachgibt und nach Lösungen sucht.

Jörn Simon: Sie haben zwar recht, dass sich die Bevölkerung mobilisieren lässt, wenn ein Krankenhaus vor Ort von der Schließung bedroht ist. Jeder hat gerne ein Krankenhaus in seiner Nähe. Doch die gleiche Bevölkerung wird sich auch gut überlegen, ob sie eine planbare Operation in einem schlecht ausgestatteten lokalen Krankenhaus durchführen lässt – oder in einem gut ausgestatteten, zentralen Haus. Denn die Menschen wissen, dass der Unterschied in der Behandlung massiv sein kann.

AZ: Zum Beispiel?

Jörn Simon: Ein Qualitätsziel lautet: Ein Eierstock sollte nur dann entfernt werden, wenn er entartet ist. Raten unter 20 Prozent gelten als unauffällig. Es gibt Krankenhäuser, die bei mehr als der Hälfte ihrer Patientinnen den Eierstock entfernen, obwohl er nicht entartet ist. Das ist Frauen eigentlich nicht zumutbar. Ein anderer Faktor, der zukünftig die Krankenhauslandschaft mitbestimmt, wird übrigens der Fachkräftemangel sein.

AZ: Wieso das?

Jörn Simon: Es gibt einfach nicht mehr genug Fachpersonal, um Angebote an so vielen Standorten vorzuhalten. Eine Bereinigung der Krankenhauslandschaft wird daher unvermeidbar sein. Wir müssen diese nur so gestalten, dass dabei eine flächendeckende Versorgung soweit wie möglich erhalten bleibt.

AZ: Wie soll das gehen?

Jörn Simon: Wir müssen an Doppelstrukturen ran - insbesondere in Ballungszentren. Da gibt es einigen Spielraum. Außerdem müssen wir über die Landesgrenzen hinausschauen und Kliniken in anderen Bundesländern bei der Planung stärker mitberücksichtigen.

Das Interview führte
Mario Thurnes.