Das Beispiel illustriert ein Problem, auf das die Bertelsmann Stiftung und andere seit Jahren hinweisen: Es gibt große regionale Unterschiede bei der Häufigkeit einiger Operationen, die sich weder medizinisch noch soziodemografisch erklären lassen. In Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung zu unterschiedlichen Eingriffen nimmt Thüringen Spitzenpositionen ein.

Dass die Thüringer überdurchschnittlich häufig stationär im Krankenhaus aufgenommen werden, bestätigen Abrechnungsdaten der Krankenkassen seit Jahren.

Weitere Beispiele: Die Zahl von Operationen, bei denen Wirbelteile entfernt werden, die den Rückenmarkskanal verengen, sogenannte "knöcherne Dekompressionen", hat sich in Thüringen innerhalb von 2007 bis 2015 verdreifacht.

Bandscheibenoperationen werden im Unstrut-Hainich-Kreis im bundesweiten Landkreis-Vergleich am dritthäufigsten durchgeführt, hinter den hessischen Nachbarkreisen Hersfeld-Rotenburg und Fulda.

Künstliche Kniegelenke für unter 60-Jährige

Ebenso überdurchschnittlich häufig erhalten Thüringer Knieprothesen. Mit 243 Eingriffen je 100.000 Einwohner wurden 2016 im Freistaat die zweithäufigsten Erst-Operationen durchgeführt. In Berlin mit 153 Eingriffen die wenigsten.

"Knieprothesen-Operationen sind für die Kliniken lukrativer geworden, seitdem ab 2013 eine zentrale Fallpauschale mehrfach erhöht wurde. Außerdem fragen offenbar mehr Patienten nach künstlichen Kniegelenken. Niedergelassenen Ärzten scheint darüber hinaus nicht genügend Budget für konservative Therapieansätze wie Physiotherapie zur Verfügung zu stehen", schreibt die Bertelsmann Stiftung in ihrem Aufsatz als Erklärung.

Ambulante Alternativen schwierig

Ja, dass Geld für die Kliniken eine Rolle spielt, ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der OP-Häufigkeit, ebenso wie der sogenannten Hospitalisierungsrate und der im Freistaat bundesweit höchsten Bettendichte aller Flächenländer. Im Jahr 2016 gab es in Thüringen 733 Krankenhausbetten je 100.000 Einwohner. Der Bundesdurchschnitt lag bei 605,6 Betten. Diese hohe Dichte muss mit ausreichend Patienten begründet und betriebswirtschaftlich gesichert werden. Die wenig spezialisierten Häuser kämpfen um möglichst viele Fälle.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Krankenhausaufenthalte in einigen Regionen des Landes zur logischen und praktikabelsten Lösung bei zum Beispiel Rücken- und Knieschmerzen werden. Dann nämlich, wenn ambulante Versorgung nicht mehr so funktioniert, wie es eigentlich sein sollte.

In Thüringen sind dafür strukturelle Gründe, vor allem die verhältnismäßig geringe Zahl der niedergelassenen Ärzte, ebenso verantwortlich wie die Tatsache, dass ambulante, konservative Behandlungen besser vergütet werden müssen, um eine echte Alternative zu sein.

Das wird zum Beispiel im Vergleich zum Nachbarland Sachsen deutlich, das eine erheblich niedrigere Bettendichte, aber auch höhere Kassenausgaben im ambulanten Bereich aufweist. Hinzu kommen deutlich höhere Heilmittelausgaben, beispielsweise für Physiotherapien, als hierzulande. Die Patienten, die dort im Vergleich zu Thüringen weniger auf dem OP-Tisch liegen, sind nicht weg. Sie werden nur an anderer Stelle versorgt.

Mehr Steuerung über Krankenhausplan nötig

Laut Bertelsmann Stiftung ist ein weiteres Problem, dass besonders bei Rückenbeschwerden klare medizinische Leitlinien fehlen. Wissenschaftlich sei belegt, dass die regionalen Unterschiede bei Operationen in solchen Fällen besonders hoch sind. Dann könnten lokale Versorgungsgewohnheiten und Vorlieben greifen.

So fehlen für Wirbelsäulen- und Rückenerkrankungen beispielsweise Mindestmengenvorgaben, die die Behandlung auf weniger, aber dafür spezialisiertere Abteilungen zentralisieren würden. Ebenso sollte es klare Kriterien für die indikationsbezogene Notwendigkeit und die Qualität diagnostischer und operativer Leistungen geben.

Die Bertelsmann Stiftung sieht deswegen die Landesregierungen in der Pflicht, über den Krankenhausplan entsprechende Vorgaben zu definieren.

Zweitmeinung: Schadet nie, hilft häufig

Solange Steuerungsmechanismen von offiziellen Stellen fehlen oder nicht helfen, bleibt Patienten nur, vor planbaren OP kritisch nachzufragen. Da jede Operation naturgemäß Risiken birgt und in der Regel belastend ist, sollten Alternativen geprüft werden.

Das Versorgungsstärkungsgesetz, in Kraft seit 2015, regelt, dass Patienten bei sogenannten mengenanfälligen planbaren Eingriffen einen Rechtsanspruch auf Zweitmeinung haben. Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, Patienten zehn Tage vor einer Gebärmutterentfernung oder einer Mandel-OP auf die Möglichkeit einer Zweitmeinung hinzuweisen. Dieses Verfahren muss bei deutlich mehr Eingriffen zum Standard werden.

Bis dahin bleibt der Appell an Patienten, selbst aktiv zu werden. Denn ein Recht auf eine zweite Fachmeinung haben sie, sind aber selbst in der Verantwortung, daran zu denken. Oft helfen Krankenkassen dabei. Die TK unterstützt zum Beispiel beim Einholen einer Zweitmeinung vor Rücken-, Knie-, Hüft- und Schultergelenk-OPs.