TK: Sehr geehrter Herr Stein, in Deutschland warten derzeit rund 10.000 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Doch die Anzahl der Organspender ist seit Jahren rückläufig. 2017 hat sie ihren bisher traurigen Tiefpunkt erreicht, mit 797 Organspendern – der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Dabei steht laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 84 Prozent der Bevölkerung der Organspende eher positiv gegenüber. Welche Erklärung haben Sie für diese Entwicklung?

Mathias Stein: Nach meinen Informationen ist die Ursache für die geringe Anzahl an Organspenden in den Krankenhäusern zu suchen. In vielen Kliniken mangelt es derzeit an den notwendigen Strukturen, um eine Organspende vorzubereiten oder in der gebotenen Kürze der Zeit durchzuführen. Oft gelingt es zum Beispiel nicht, die Patienten rechtzeitig zu identifizieren, die überhaupt für eine Organspende in Frage kommen. Zudem ist es Krankenhäusern offenbar derzeit kaum möglich, eine Organentnahme zu Spendenzwecken kostendeckend durchzuführen.

TK: Am 31.08.2018 hat das Bundesgesundheitsministerium den Referentenentwurf für ein "Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei Organspenden" vorgelegt. Ziel des Gesetzentwurfs ist es, die Strukturen in den Entnahmekrankenhäusern zu verbessern, diese angemessen zu vergüten sowie die Verantwortlichkeiten zu stärken. Insbesondere die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken soll verbessert werden. Wird das helfen?

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Mathias Stein: Definitiv ja. Unsere Fachleute in der SPD-Bundestagsfraktion gehen davon aus, dass die dringend nötige Verbesserung der Abläufe und die Stärkung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken dafür sorgen werden, dass die Zahl der Transplantationen steigt. Die Resonanz auf den Referentenentwurf in Fachkreisen ist meiner Wahrnehmung nach ebenfalls positiv.

TK: Immer wieder diskutiert wird auch der Wechsel von der in Deutschland geltenden Entscheidungslösung hin zur Widerspruchslösung, wie sie beispielsweise in unseren Nachbarländern Frankreich, Polen oder Italien gilt. Wie stehen Sie dazu?

Mathias Stein: Grundsätzlich befürworte ich das Prinzip der Organspende und besitze auch selbst einen Organspendeausweis. Eine Widerspruchslösung hingegen lehne ich ab, da ich sie aus ethischen Gründen für nicht vertretbar halte. Ich finde es wichtig, offen zu thematisieren, weshalb Menschen Sorgen bezüglich der Organspende äußern und setze mich für einen Dialog ein, der dazu ermutigt, die Spendenbereitschaft in Deutschland zu fördern. Eine Widerspruchslösung beinhaltet meines Erachtens jedoch eine bevormundende Komponente, die ich selbst so nicht mittragen möchte.

Zur Person

Mathias Stein (SPD) ist seit 2017 Mitglied im Deutschen Bundestag und dort unter anderem Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Der gebürtige Kieler machte eine Ausbildung zum Wasserbauer, bildete sich berufsbegleitend zum Bautechniker fort und absolvierte die Fachhochschulreife. Vor dem Einzug in den Bundestag war er im Personalrat der Bundesverkehrsverwaltung tätig. Mathias Stein war lange Jahre Mitglied im Landesvorstand der SPD Schleswig-Holstein und ist aktuell Mitglied im Kreisvorstand seiner Partei in Kiel.