Stuttgart, 1. April 2019. Einen neuen Behandlungsfehler-Rekord verzeichnet die Techniker Krankenkasse (TK) in Baden-Württemberg: 550 Versicherte haben sich 2018 an die Krankenkasse gewendet, weil sie bei sich einen Behandlungsfehler vermuteten. Das sei ein Anstieg um fast 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

"Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Behandlungen schlechter geworden sind. Die Versicherten sind allerdings heute wesentlich kritischer und informierter als früher", erklärt Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung. Außerdem bestehe in der modernen, komplexen und leistungsfähigen Medizin das Risiko immer neuer Fehlerquellen.

Bundesweit gingen im letzten Jahr fast 6.000 Beschwerden ein: Die Meisten gab es über Behandlungen beim Chirurgen (33 Prozent der Verdachtsfälle). Danach folgten Zahnärzte (16 Prozent), Allgemeinmediziner (12 Prozent) und Orthopäden (6 Prozent). Fünf Prozent der Behandlungsfehler wurden nach einer Behandlung beim Internisten gemeldet. Bei Geburtshilfe, Gynäkologie und Augenärzten waren es jeweils vier Prozent.

Behand­lungs­fehler

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Die meisten Beschwerden gab es über Behandlungen bei Chirurgen, danach folgten Zahnärzte und Allgemeinmediziner.

Vogt betont, dass sich nicht jeder Verdachtsfall im Laufe der Überprüfung bestätigt: "Für medizinische Laien ist es häufig schwer einzuschätzen, ob ein Krankheitsverlauf schicksalhaft ist, oder ob er auf einen Fehler des Arztes oder der Pfleger zurückzuführen ist."

Etwa bei jedem dritten Fall erhärte sich im Laufe des Gesprächs und der späteren Überprüfung die Hinweise auf einen Behandlungsfehler, sodass ein Gutachten beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Auftrag gegeben werde. Gleichzeitig geht die TK davon aus, dass es noch eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Behandlungsfehlern gibt. "Viele Versicherte kommen gar nicht auf die Idee, sich bei der Krankenkasse zu melden und sich Hilfe zu holen", so der TK-Leiter.

Die deutschen Gesetze müssten nach Vogts Ansicht wesentlich stärker die Patienten schützen: "Es ist in den meisten Fällen der Versicherte, der beweisen muss, dass Ärzte oder Pfleger schuldhaft gegen die anerkannten Regeln von Wissenschaft und ärztlicher Praxis verstoßen haben. Oft kann er das nicht leisten."

Auch der Patientenschutz bei Medizinprodukten wie künstlichen Gelenken, Herzschrittmachern oder Brustimplantaten sei ungenügend. Für diese Hochrisikoprodukte gibt es bislang keine wirksame Sicherheitsprüfung oder zentrale Beobachtung der Langzeitwirkung. "Für mehr Sicherheit in der medizinischen Versorgung müssen wir endlich die Interessen der Patienten in das Zentrum des deutschen Rechts stellen und nicht länger die Interessen der Hersteller", fordert Vogt.

Das Klären von Behandlungsfehler-Vorwürfen ist ein in der Regel zeitaufwändiges, komplexes und oft auch schwieriges Verfahren. Alleine von der Anforderung aller notwendigen medizinischen Unterlagen bis zum Erstellen eines erforderlichen Gutachtens können mehrere Monate verstreichen. Häufig müssen die Betroffenen mehrere Jahre warten, bis klar ist, ob sie Schadenersatz erhalten.

Aus Sicht der TK müssten die Verfahren viel schneller abgewickelt und die Betroffenen frühzeitig entschädigt werden, da in schweren Fällen Versicherte nach einem Behandlungsfehler oftmals berufsunfähig und dadurch in ihrer finanziellen Existenz bedroht sind.

Die TK unterstützt ihre Versicherten mit einer Beratungshotline (040 - 46 06 61 21 40), sowie einem Wegweiser Behandlungsfehler und einer Beratungsbroschüre im Internet.