TK spezial: Sie haben in der Medizin und in der Forschung Standards gesetzt, insbesondere in den Bereichen Leber- und Darmerkrankungen und in der Transplantationsmedizin. Was motiviert Sie, sich als Präsident der MHH ganz anderen Themen und Herausforderungen wie MHH-Neubau, Gesundheitscampus oder Exzellenzinitiative zu stellen?

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Professor Michael Manns
Foto MHH / Karin Kaiser

Prof. Michael Manns: Ich glaube, dass wir alle in unserem Berufsleben gewisse Stadien durchlaufen. Klinikdirektorinnen und -direktoren an einer Universitätsklinik sind als Mentoren gefordert, dazu gehört es Talente zu entdecken, zu beraten, zu lenken und zu Führungspersönlichkeiten auszubilden, zum Beispiel als Hochschulprofessoren oder Chefärzte an Krankenhäusern. Das hat mir immer  Freude bereitet. Und genau diese Eigenschaften werde ich auch als MHH-Präsident brauchen.

Beim Großprojekt MHH-Neubau und der Entwicklung eines Gesundheitscampus müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen und alle Kräfte bündeln – eine große Herausforderung aber auch eine einzigartige Chance für den Standort und somit die ganze Region.

Bei der Exzellenzinitiative gilt es die neu bewilligten Exzellenzcluster mit Leben zu füllen. Darüber hinaus steht Ende März die Vor-Ort-Begutachtung der Leibniz Alliance Hannover an, ein Verbundantrag von MHH und Leibniz Universität für den Status einer Exzellenzuniversität.

TK spezial: Die MHH steht vor vielen Herausforderungen, die Digitale Transformation ist eine davon: Wie kann es gelingen, eine Balance zwischen Innovation und Tradition zu halten? Braucht es dazu eine veränderte Kultur der Zusammenarbeit, insbesondere im Hinblick auf die Veränderungen des Berufsbildes des Arztes? Wenn ja, welche?

Prof. Manns: Bei uns hat Innovation Tradition! Die MHH galt bei ihrer Gründung vor 54 Jahren als Modell für die Zukunft für eine eigenständige medizinische Universität. Ziel war es, praxisnahe und wissenschaftsbasierte Ausbildung zur Ärztin oder zum Arzt zu realisieren. Dieser Tradition sind wir bis heute verpflichtet. Mit dem 2007 gegründeten Peter L.  Reichertz Institut für Medizinische Informatik, einer gemeinsamen Einrichtung mit der Technischen Universität Braunschweig leben wir die Zusammenarbeit auch im Bereich der Digitalwissenschaften. Und genau darum geht es auch beim ärztlichen Berufsbild: Die Kooperationen untereinander und mit weiteren Berufsgruppen müssen noch viel weiter ausgebaut werden.

TK spezial: Die Telestroke-Netzwerke gelten in Deutschland als große Erfolgsgeschichte. Die MHH hat auch ein solches Netzwerk, mit dem die MHH die Akutversorgung von Schlaganfallpatienten auch in Nachbarregionen sicherstellt. Kann das Telestroke-Netzwerk der MHH insgesamt als Blaupause der Telemedizin für die Verbesserung der ländlichen Versorgung in Niedersachsen herangezogen werden? Für welche weiteren Erkrankungen ist der Einsatz ggf. noch vorstellbar?

Prof. Manns: Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen wird der Anteil der Telemedizin wachsen. Das von Ihnen angesprochene Telestroke-Netzwerk ist ja sogar ein Teleneurologie-Netzwerk für weitere neurologische Erkrankungen. Als weltweit führendes Zentrum für Cochlea-Implantate haben wir schon vor Jahren telemedizinische Methoden bei der Anpassung und Kontrolle der Hightech-Hörhilfen eingeführt. Und im Innovationsprojekt NTx360° zur Weiterentwicklung der Versorgung nach Nierentransplantation spielt das Werkzeug der Telemedizin eine entscheidende Rolle. Immer wenn Ärztinnen und Ärzte vor Ort auf besondere Expertisen zurückgreifen müssen, ist die Telemedizin eine Alternative.

TK spezial: Transplantation: Wie sieht die Zukunft der Organtransplantationen aus, wenn man z.B. an technische Entwicklungen wie Kunstherzen oder die Nachbildung von Organen mittels Biodruck aus dem 3D Drucker denkt? Sehen Sie in diesen Entwicklungen die Lösung für die relativ geringe Zahl von Organspendern?

Prof. Manns: Sowohl in der Krankenversorgung als auch in der Forschung ist der Bereich Transplantation / Regeneration / Organersatz ein Schwerpunkt der MHH. Mit dem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Transplantation (IFB Tx) haben wir Strukturen geschaffen, die in unser neues Transplantationszentrum gemündet sind. Zum einen geht es darum, ein möglichst langes Transplantat- und Patientenüberleben sowie eine Reduktion von behandlungsbedürftigen Komplikationen zu erreichen. Zum anderen wollen wir Ersatztherapien entwickeln, die Transplantationen herauszögern oder unter Umständen auch überflüssig machen. Und natürlich haben wir auch das Thema künstliche Organe auf der Agenda. Das alles wird aber nicht ausreichen, die zu geringe Zahl von Organspenden zu kompensieren. Wir müssen alles daran setzen, das Vertrauen der Menschen in die Organspende zu stärken.

TK spezial: In vier pflegesensitiven Krankenhausbereichen gelten seit dem 1. Januar 2019 Pflegepersonaluntergrenzen. Die Untergrenzen werden als maximale Anzahl von Patienten pro Pflegekraft festgelegt. Führen diese Maßnahmen aus Ihrer Sicht zu der gewünschten Verbesserung der Behandlungsqualität und Patientensicherheit?

Prof. Manns: In den Bereichen Intensivmedizin, Geriatrie, Unfallchirurgie und Kardiologie gibt es jetzt diese Grenzen. Man wird aber sicher nicht alles gesetzlich regeln können - was ist zum Beispiel mit der Neurologie, der Onkologie oder Transplantationsmedizin? Es kommt auch darauf an, dass jede Klinik verantwortungsbewusst mit den Patientinnen und Patienten umgeht, die sich ihr anvertrauen. Natürlich muss Medizin auch auf die Kosten achten, aber im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Und der will beste Behandlungsqualität bei höchstmöglicher Sicherheit. Das muss unser Ziel sein.

TK spezial: Vielen Dank!

Zur Person

Seit 1. Januar 2019 ist Professor Dr. med. Michael P. Manns (67) Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).Er ist ein weltweit angesehener Wissenschaftler mit einer herausragenden Expertise in der Leber-Forschung.

Professor Manns leitet seit 1991 als Direktor die Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der MHH, zuvor arbeitete er in Berlin, San Diego und Mainz, Von  2015  bis 2018 war er Klinischer Direktor des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) Braunschweig und Gründungsdirektor des Zentrums für Individualisierte Infektionsmedizin (CIIM) Hannover.

Als Vorstandsvorsitzender leitet er seit 2006 die Geschicke der Deutschen Leberstiftung, war 2013/2014 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 2016/ 2017 Präsident der United European Gastroenterology (UEG) und ist seit 2015 Mitglied im Scientific Panel for Health (SPH) der Europäischen Kommission.

Professor Manns ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Töchtern – und bekennender Hannover 96-Fan.