TK: Hessens Kliniken haben sich in der Coronakrise innerhalb kürzester Zeit völlig neu aufstellen müssen. Was war dabei die größte Herausforderung?

Prof. Steffen Gramminger: Das gesamte Krankenhausgefüge wurde von heute auf morgen auf den Kopf gestellt. Die größte Herausforderung lag und liegt in der Komplexität. Mit dem emotionalen Schreiben unseres Bundesgesundheitsministers vom 13. März und der italienischen Notlage vor Augen, musste gehandelt werden. Und die Krankenhäuser haben gehandelt.

In erster Linie gab es hier natürlich die medizinischen Herausforderungen, angefangen von der Kontaktaufnahme zu den Patienten mit geplanten stationären Behandlungen, weiter über die schwierige Frage der medizinischen Indikation einer nicht zu verschiebenden stationären Behandlung bis hin zur großen Unbekannten "COVID-19-Erkrankung". Anstieg der Infektionsrate, Entwicklung der Hospitalisierungsquote, Schwere und Verlauf der Erkrankung, Anzahl der notwendigen Intensiv- und Beatmungsbehandlungen, der medizinische Output, die Angst vor Hotspots in Krankenhäusern - all dies waren nur einige der vielen unberechenbaren Faktoren. 

Prof. Steffen Gramminger

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Geschäftsführer der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) e. V.

Natürlich durften wir dabei unsere Non-COVID-Patienten nicht aus den Augen verlieren. Hier musste vor allem auf die Trennung von COVID-/ und Non-COVID-Patienten geachtet werden. Gerade Letzteres stellten unsere Krankenhäuser vor allem in den Notaufnahmen und Intensivstationen vor große Herausforderungen. Und dann gab es noch die Engpässe hinsichtlich der persönlichen Schutzausstattungen. Die Einkaufsabteilungen der Krankenhäuser haben rund um die Uhr alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Schutzmaterial zu organisieren. Personal wurde nur zu diesem Zweck abgestellt und oft musste zu völlig überzogenen Preisen eingekauft werden. 

Kommen wir zu den wirtschaftlichen Herausforderungen: Wie oben schon erwähnt, haben die Krankenhäuser ab dem 13. März unverzüglich gehandelt. Man ist in allen Bereichen ohne zu zögern in Vorlage gegangen. Alles was man hatte, war das Wort von Frau Merkel und Herrn Spahn: "Es wird kein Krankenhaus aufgrund der Corona-Pandemie in ein wirtschaftliches Defizit rutschen". Glauben Sie mir, trotz dieser verbalen Zusage kann kein Krankenhausgeschäftsführer mehr ruhig schlafen, wenn man 50 Prozent der Krankenhausbehandlungen und somit 50 Prozent der Erlöse herunterfährt, ohne eine einzige gesetzliche Absicherung in der Hand zu haben. Wie kann ein leistungsorientiertes Abrechnungssystem wie das DRG-System im Krisenmodus funktionieren? Wie wird der "Schutzschirm" tatsächlich aussehen? Was bedeutet das für mein Krankenhaus? Wie weit kann ich in Vorlage gehen und reichen die liquiden Mittel? Zugegeben, 14 Tage später am 27. März wurde das Krankenhausentlastungsgesetz im Bundesgesetzblatt veröffentlicht und viele Maßnahmen sorgten dafür, dass die Krankenhäuser in keine Liquiditätsengpässen gekommen sind.

An vielen Stellen wird aber auch deutlich, dass man mit Pauschalen nur schwierig allen Situationen gerecht werden kann und neben der Budgetsicherung 2020 auch für die Zeit nach dem 30. September noch dringlicher Handlungsbedarf angezeigt ist. Hier kommt dem Covid-19-Beirat nach §24 des Krankenhausentlastungsgesetzes als Beratungsgremium für das Bundesministerium eine große Rolle zu.

TK: Die Hessische Landesregierung hat entschieden, dass die stationäre Versorgung der COVID-19-Patienten nicht von der HKG zentral, sondern von sechs einzelnen Maximalversorgern koordiniert wird. Die Behandlung der Schwersterkrankten konzentriert sich ebenfalls auf diese sechs Standorte. Was halten Sie von diesem Konzept? 

Gramminger: Das Konzept hat sich in der Praxis bewährt. Einerseits müssen die regionalen Besonderheiten berücksichtigt werden, andererseits müssen die Kapazitäten in ganz Hessen optimal genutzt werden. Das Konzept gewährleistet genau diesen Spagat. Durch die Netzwerkstruktur "Hessisches Ministerium - Planungsstab - Krisenstäbe - Koordinierende Häuser - Kooperierende Häuser" ist die Kommunikation vom Ministerium bis auf Krankenhausebene gesichert. Durch die Einbindung u.a. des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, der Landesärztekammer, der Pflegeverbände, der Kassenärztlichen Vereinigung und natürlich durch Einbindung der Hessischen Krankenhausgesellschaft ist auch die notwendige bereichsübergreifende Abstimmung gewährleistet.

TK: Einige Menschen haben in und nach der ersten Coronawelle befürchtet, sich in Kliniken mit dem Coronavirus anzustecken. Das hatte zur Folge, dass teilweise sogar schwer Erkrankte, die z.B. einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten, den Gang in die Notaufnahme gemieden haben. Wie kann verhindert werden, dass sich dieses Verhalten in einer möglichen zweiten Infektionswelle wiederholt?

Gramminger: Ja, dieses Phänomen ist natürlich eine Katastrophe. Wir haben immer betont, dass auch in der "Akutphase" der Corona-Pandemie, die Behandlung aller Patienten - auch von Non-COVID-Patienten - gesichert war und die Krankenhäuser insbesondere für schwer Erkrankte immer Behandlungskapazitäten mit maximalen Schutz vor einer Corona-Infektion vorgehalten haben. Aber wen wundert es, wenn bei den vielen Unsicherheiten und dem medialen Interesse an unterschiedlichsten "Fachmeinungen" die Angst vor einer Corona-Infektion in der Bevölkerung überwiegt? Hier müssen wir mit dem "Hochfahren" der medizinischen Leistungen in den nächsten Wochen den Bürgerinnen und Bürger durch Transparenz und klare Aussagen ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens in unsere Ärzte, Praxen und Krankenhäuser vermitteln. Der Umgang mit Infektionskrankheiten in unseren Praxen und Einrichtungen in Hessen gehört zum Arbeitsalltag, und durch das professionelle Arbeiten unserer Mitarbeiter ist eine möglichst große Patientensicherheit auch im Corona-Zeitalter gewährleistet.

TK: In der Vergangenheit war die Zusammenarbeit zwischen der HKG und der Kassenärztlichen Vereinigung nicht immer spannungsfrei. Wir hatten das Gefühl, dass in der Krise Differenzen beigelegt wurden. Wie haben Sie das geschafft, und wie stellen Sie sicher, dass es so bleibt?

Gramminger: Das ist nicht ganz richtig. Bereits im Vorfeld der Corona-Pandemie suchten HKG und KV Hessen immer häufiger das Gespräch und suchten patientenorientiert nach Lösungen. Als Beispiele wären hier die gemeinsamen Hinweise zu Einweisungen ins Krankenhaus oder die Erarbeitung eines hessischen Modells zur ambulanten Notfallversorgung zu nennen. Natürlich intensivierten sich unsere Gespräche im Rahmen der Corona-Pandemie, und das bestätigte allen Beteiligten, dass die zukünftigen Herausforderungen unseres Gesundheitswesens nur gemeinsam zu meistern sind. Gerade die letzten Wochen haben gezeigt, was alles möglich ist, wenn man an einem gemeinsamen Strang zieht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass diese positive Zusammenarbeit weit über das Corona-Zeitalter hinaus fortgeführt wird. Nach dem Corona-Virus werden die Herausforderungen nicht weniger, sie werden nur andere sein.

Zur Person

Prof. Steffen Gramminger studierte Medizin an der Universität Heidelberg. Von 2014 bis 2018 war er als Ärztlicher Geschäftsführer im Klinikum Darmstadt tätig. 2018 wechselte er als Geschäftsführer in die Hessische Krankenhausgesellschaft. Seit 1. Februar 2020 ist er deren Geschäftsführender Direktor.