Frankfurt, 30. Juni 2020. Jedes Jahr kommen in Hessen rund 58.000 Kinder zur Welt. In der überwiegenden Zahl der Geburten verläuft die Versorgung von Mutter und Kind sehr gut. Aber manchmal passieren im Kreißsaal trotz aller Vorsicht Missverständnisse, die vermeidbar gewesen wären und die ihre Ursache oftmals in einer unzureichenden Kommunikation zwischen den werdenden Müttern und dem Geburtshilfe-Team haben. Um die Kommunikation aller an der Geburt Beteiligten weiter zu verbessern, untersucht das Frankfurter Universitätsklinikum in einer Forschungsstudie gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse (TK), der Jacobs University Bremen und weiteren Partnern, wie eine vertrauensvolle Verständigung helfen kann, Missverständnisse rund um die Geburt zu vermeiden und die werdende Mutter möglichst einfühlsam zu betreuen und zu unterstützen. Frauen, die ihr Kind am Frankfurter Universitätsklinikum gebären werden, können ab sofort an der TeamBaby-Studie teilnehmen. Die Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt ist das führende Perinatalzentrum für anspruchsvolle Geburten - wie etwa Früh- oder Mehrlingsgeburten - in Hessen. Insgesamt kommen hier über 2.200 Babys pro Jahr zur Welt.

"Viele Frauen wünschen sich eine selbstbestimmte Geburt, bei der ihre Wünsche berücksichtigt werden und in der sie vom gesamten Geburtshilfe-Team gut unterstützt werden. Jede Geburt ist aber auch eine ganz besondere Herausforderung für die werdende Mutter und ihre Angehörigen. Geburten folgen ihrer eigenen Logik und es kann nicht jede Situation, die entsteht, vorab geplant werden. In dieser Lage fühlen sich die Frauen deutlich sicherer, wenn sie ihre Bedürfnisse und Fragen möglichst selbstsicher und präzise äußern können und das Geburtshilfe-Team diese auch wahrnimmt“, sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen. 

Unsicherheiten während der Geburt

Unsicherheiten können bei der werdenden Mutter beispielsweise entstehen, wenn sie sich im Vorfeld eine natürliche Geburt gewünscht hat, im Verlauf der Geburt dann aber aus medizinischen Gründen entschieden werden muss, das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu holen. "Ein Kaiserschnitt ist eine Ausnahmeerfahrung für die Frau, aber absolute Routine für das Krankenhauspersonal. In dieser Situation darf das Behandlungsteam nicht zu knapp kommunizieren, sondern sollte im Gespräch mit der Patientin die Entscheidung so ausführlich verständlich machen, wie die Situation es erlaubt“, sagt Johanna Dietl, Projektleiterin des TeamBaby-Projekts am Universitätsklinikum Frankfurt. "Genauso wichtig ist es, dass sich Ärzte, Hebammen, Krankenschwestern und -pfleger in der Kommunikation mit viel Empathie auf die werdende Mutter und deren Angehörige einstellen und unter anderem deren persönliche Vorgeschichte, Sprache oder besondere kulturelle Gepflogenheiten beachten“, so Projektkoordinatorin Cristina Bernardo. 

Offener Austausch im Geburtshilfe-Team

Je größer ein Team ist - und in der Geburtshilfe müssen viele verschiedene Fachkräfte herangezogen werden - desto wichtiger ist auch innerhalb des Geburtshilfe-Teams ein verlässlicher und offener Austausch. Idealerweise sollten alle wichtigen Informationen und Bedürfnisse der Patientinnen bekannt sein sowie bei Schicht-Übergaben korrekt weitergegeben werden. "Ein klarer Austausch der Mitarbeiter ist für das jeweils eigene Verständnis und für die Patientensicherheit essentiell. Insbesondere bei chronisch erkrankten Müttern könnte eine unsichere Kommunikation unserer Geburtshilfe-Teams sowohl die Mutter selbst als auch das Kind gefährden“ sagt Professor Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Frankfurt. "Unsere Mitarbeiter wurden bereits in einem intensiven Training zu einer sicheren und offenen Kommunikation geschult und haben dabei zum Beispiel gelernt, ihre Verbesserungsvorschläge oder eigene Bedenken über Fachgebiete und Hierarchien hinweg unerschrocken zu äußern, wenn Sie eine Situation anders einschätzen. Dadurch können viele kleine Informationen beachtet werden, die man sonst vielleicht übersehen hätte - und die Mütter und Kinder ggf. gefährdet hätten“, so Louwen. 

Wie bedeutsam vermeintliche Kleinigkeiten sein können, zeigt ein Beispiel: "Es entspricht der Unternehmenskultur unseres Klinikums, dass sich unsere flachen Hierarchien auch in einer einheitlichen Berufskleidung ausdrücken. Damit und mit dem zurzeit üblichen Mundschutz sehen wir aber auf den ersten Blick alle gleich aus, was den Kontakt zur werdenden Mutter zunächst einmal distanzierter macht. Umso mehr achten wir daher darauf, dass sich alle handelnden Personen im Kreißsaal ausreichend Zeit nehmen, sich der werdenden Mutter mit Name und Funktion vorzustellen. So spüren die Patientinnen und ihre Angehörigen nicht nur, dass wir uns ihnen zuwenden. Sie wissen dann zudem ganz genau, ob nun der Oberarzt, der Arzt, die Hebamme oder die Hebammenschülerin mit ihnen spricht“, so Johanna Dietl.

Onlineschulung auch für werdende Mütter

Damit sich die Kommunikation aller Beteiligten verbessern kann, werden auch die werdenden Mütter und deren Angehörige in ihrer Rolle und in der Kommunikation mit dem medizinischen Personal gestärkt. Die Frauen, die an der Studie teilnehmen möchten, können in einer kleineren Gruppe schwangerer Frauen an einem Online-Kommunikationstraining teilnehmen. In diesen Schulungen werden die Frauen unter anderem darin bestärkt, während der Geburt ihre eigenen Bedürfnisse zu äußern. "Manche Frauen wünschen sich eine intensive Unterstützung der Hebamme, andere möchten mehr für sich selbst sein. Im Onlinekurs können sie lernen, wie sie für Situationen wie diese die richtigen Worte finden“, so Dietl. Die nächste Onlineschulung, an der auch die Angehörigen teilnehmen können, findet am Dienstag, 14. Juli, statt.

Weitere Studie geplant: App für Mitarbeiter und werdende Mütter

Alle relevanten Inhalte und Erkenntnisse sowohl der Schulungen für die Klinikmitarbeiter als auch der Onlineschulungen für die werdenden Mütter werden in einer weiteren Studie in eine digitale App einfließen. "Diese App wollen wir in einem nächsten Schritt den werdenden Müttern und den Mitarbeitern aus den Behandlungsteams ergänzend zur Verfügung stellen, damit sie unabhängig von festen Schulungsterminen die Möglichkeit haben, ihre Kompetenzen in der Kommunikation zu üben und ihr Wissen zu vertiefen“, so Projektleiterin Dietl.

Internationale Studien zeigen, dass in der Medizin und auch in der Geburtshilfe mehr als zwei Drittel (72 Prozent) der sogenannten unerwünschten Ereignisse, die als vermeidbar eingestuft werden, auf Fehler in der Kommunikation zurückgeführt werden können. Daher erhoffen sich alle Partner von dem Projekt, dass Missverständnisse rund um die Geburt deutlich seltener werden, so dass die Patientinnen mit der Begleitung ihrer Geburt zufriedener sind und sie sich während der Geburt in den am Projekt beteiligten Kliniken gut aufgehoben fühlen.

Über das TeamBaby-Projekt

An der TeamBaby-Studie können zwölf Monate lang - von Ende Juni 2020 bis Mai 2021 - mehr als 400 werdende Mütter teilnehmen. Unter anderem wird im Forschungsprojekt untersucht, wie wirkungsvoll die Kommunikationstrainings für die Schwangeren und deren Angehörige sind. Die Trainings werden von Seiten des Frankfurter Universitätsklinikums von erfahrenen Kommunikationstrainern aus der Geburtshilfe, den Hebammen für Patientensicherheit und Kommunikationstrainern von Dr. Weinert Communications begleitet. Alle werdenden Mütter, die an der Studie teilnehmen möchten, werden entweder der Schulungsgruppe oder der sogenannten Kontrollgruppe zugeordnet. Die Frauen aus der Kontrollgruppe erhalten keine Schulung, jedoch im weiteren Projektverlauf Zugang zur digitalen App.

Weitere Informationen zur wissenschaftlichen Studie im Rahmen des TeamBaby-Projekts sowie ein Video mit Chefarzt Prof. Frank Louwen gibt es auf den Internetseiten des Frankfurter Universitätsklinikums

Der Flyer zum Projekt TeamBaby beinhaltet Informationen zu den Kommunikationstrainings für werdende Mütter und die Kontaktdaten des begleitenden Projektteams.

Das Projekt TeamBaby wird vom bundesweiten Innovationsfonds über drei Jahre mit insgesamt ca. 1,9 Millionen Euro gefördert. Die Konsortialführung des Projekts liegt bei der Jacobs University Bremen. Weitere Projektpartner sind neben der Techniker Krankenkasse (TK) und dem Universitätsklinikum Frankfurt das Universitätsklinikum Ulm sowie das Aktionsbündnis Patientensicherheit in Berlin.