TK: Wie kann die Pflege von Robotern und künstlicher Intelligenz profitieren?

Berthold Bäuml: Assistenz-Roboter - ich sage ausdrücklich nicht Pflege-Roboter - werden in Zukunft einen wichtigen Beitrag leisten, um sowohl die Pflege in den eigenen vier Wänden zu erleichtern als auch in Pflegeheimen den Pflegekräften viele Arbeiten abzunehmen. Assistenz-Roboter deshalb, weil die Roboter keine direkten Pflegetätigkeiten am Menschen übernehmen, sondern unterstützende Tätigkeiten ausüben. Da geht es beispielsweise darum, Wasser aus dem Kühlschrank zu holen und ein Glas voll einzuschenken. Auch Hilfe bei Tätigkeiten wie Betten verschieben oder anheben ist möglich.    

Das hört sich unspektakulär an, braucht aber sehr viel Know-How. Einen Schraubverschluss zu öffnen ist motorisch eine große Herausforderung für eine Maschine. Da braucht es ein gutes Zusammenspiel von Planung und Sensorik. Und hier kommt auch die künstliche Intelligenz ins Spiel. Denn mit Hilfe von künstlichen neuronalen Netzen wird das sogenannte "reinforcement learning“ möglich. 

Statt durch Einprogrammieren durch den Menschen kann sich der Roboter durch  kontinuierliche Rückmeldung wie "richtig“ oder "falsch“ bzw. "besser“ oder "schlechter“ selbstständig neue Fähigkeiten beibringen und an veränderte Situationen anpassen - zum Beispiel wie eine neue Variante eines Schraubverschlusses zu öffnen ist.  

Bert­hold Bäuml

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Leiter des Labors für “Autonome, lernende Roboter” am DLR Institut für Robotik und Mechatronik

TK: Wie läuft die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine ab?

Bäuml: Da gibt es verschiedene Schnittstellen parallel. Es gibt natürlich die Kommunikation über Sprache. Sprachdienste sind ja heute schon weit verbreitet. Die Technik ist hier weit fortgeschritten. Daneben ist die Steuerung über ein Tablet wichtig. Das gilt etwa bei komplexeren Aufgaben, zum Beispiel wenn in einem Pflegeheim mehrere Roboter gleichzeitig gesteuert werden müssen. 

Wir brauchen auch die Schnittstelle zum Internet, damit die Roboter aus der Ferne gelenkt werden können. Das ist zum Beispiel wichtig bei einem medizinischen Notfall, wenn die pflegebedürftige Person schnell Hilfe benötigt. Noch bevor der Notarzt eintrifft, kann der Roboter per Fernsteuerung erste Hilfe leisten. Auch bei technischen Problemen ist es notwendig, wenn von extern auf den Roboter Einfluss genommen werden kann. 

Schließlich benötigt der Roboter auch eine Art Körpersprache. Anhand seiner Bewegungen von Kopf, Armen und Händen soll erkennbar sein, was als nächstes geschieht. Das soll möglichst natürlich wirken, nicht eckig und "roboterhaft“.

TK: In welchem Zeitraum wird der Einsatz von Robotern mit den von Ihnen beschriebenen Fähigkeiten Standard sein?

Bäuml: Wir führen demnächst im Rahmen eines bayerischen Forschungsprojektes erste Pilotprojekte in einem Altenheim durch. In etwa fünf Jahren sollte ein Roboter prototypisch im Altenheim Assistenz-Aufgaben selbstständig erledigen können. In zehn Jahren sollte die robotische Assistenz auch zu Hause Standard sein. 

Bis der Roboter in den eigenen vier Wänden die Aufgaben eines menschlichen Butlers übernehmen kann, wird es vielleicht noch 15 bis 20 Jahre dauern. Das ist unser Fernziel. Die Hardware dazu und die Sensortechnik sind jetzt schon verfügbar. 

TK: Was kann getan werden, um die Akzeptanz der Roboter bei pflegebedürftigen Menschen zu verbessern?

Bäuml: Wir erleben jetzt schon eine recht große Akzeptanz sowohl bei Fachkräften in Pflegeheimen als auch bei den pflegebedürftigen Personen selbst. Der Mangel an Pflegekräften in Heimen ist so groß, dass die Entlastung durch Assistenz-Roboter sehr gerne angenommen wird. Wenn Senioren Hilfe erfahren, die sie unabhängig von der Hilfe von fremden Personen macht und die ihnen ermöglicht, länger in den eigenen vier Wänden zu leben, ist diese ebenfalls höchst willkommen.

Vor allem Frauen haben keine Berührungsängste. Sie gehen pragmatischer mit Technik um als Männer. Frauen wissen die Hilfe zu schätzen und wollen nicht wie Männer die Technik erst im Detail verstehen. Wichtig ist, dass die Roboter nicht Menschenähnlichkeit und insbesondere Emotionen vorgaukeln, etwa durch Augenbrauen oder dergleichen, die keine Funktion haben. 

Da gibt es leider auch viel Scharlatanerie. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Akzeptanz rapide sinkt, wenn Aussehen und tatsächliche Fähigkeiten nicht zusammenpassen. Die Menschen empfinden das im Extremfall als gespenstisch. Die Roboter sollen freundlich aussehen, mehr aber nicht. Wir wissen, dass es sich hier um ein sensibles Thema handelt. Es dürfen keine Ängste und nicht erfüllbare Erwartungen geweckt werden. Deshalb arbeiten wir eng mit der Caritas und Experten in ethischen Fragen zusammen.

TK: Wie kann sichergestellt werden, dass die menschliche Zuwendung nicht verloren geht?

Bäuml: Die menschliche Zuwendung kann nicht ersetzt werden. Wir erleben aber durch Roboter nicht deren Verlust. Eher das Gegenteil ist der Fall: Dadurch, dass den Pflegekräften bestimmte Aufgaben abgenommen werden, haben sie wieder mehr Zeit für die eigentliche Pflege. Auch pflegebedürftige Menschen können davon profitieren, wenn sie mit Hilfe eines Assistenz-Roboters intensiver mit ihren Angehörigen kommunizieren oder zum Beispiel eine Partie Schach mit den entfernten Enkeln spielen können.

Schlussendlich liegt es an den Pflegekräften und Angehörigen selbst, die menschliche Zuwendung nicht zu kurz kommen zu lassen. Ein Telefon ist ein tolles Gerät. Es hindert niemanden daran, auch mal persönlich vorbei zu kommen.

TK: Welche Einsatzmöglichkeiten außerhalb der Pflege sehen Sie für Roboter bzw. für KI allgemein in der Medizin?

Bäuml: Ich denke da an die Rehabilitationsrobotik. Wenn Patienten beispielsweise nach einer Knie-OP mobilisiert werden müssen, können Roboter sehr nützlich sein, wenn sie vom Physiotherapeuten gut auf die jeweilige Person eingestellt werden. Unsere Roboter sind dank guter Sensorik sehr feinfühlig, deutlich feinfühliger als Menschen. Ein Beispiel: Wenn Menschen mit dem Finger über die Oberfläche eines Gegenstandes streichen, erkennen sie zu 40 Prozent aus welchem Material er besteht; Roboter schaffen 90 Prozent. 

Dank solcher Feinfühligkeit können Roboter auch bei minimalinvasiven Operationen sehr gut eingesetzt werden. Sie können das menschliche Gewebe deutlich besser beurteilen als Menschen. Dies wird auch zu massiven Verbesserungen in der Diagnostik führen. Auch hier gilt: Robotik und KI unterstützen, die eigentliche OP wird vom Arzt ausgeführt. Die Wundnaht aber zum Beispiel kann der Roboter übernehmen. 

Zur Person:

Berthold Bäuml ist Gründer und Leiter des Labors für “Autonome, lernende Roboter” am DLR Institut für Robotik und Mechatronik, sowie Dozent an der Technischen Universität München zum Thema “Advanced Deep Learning for Robotics”.

Ziel seiner Forschung ist, es Lernen als Grundprinzip für Wahrnehmung und Aktion bei humanoiden Robotern einzusetzen, um möglichst Nahe an die Fähigkeiten des Menschen bei der intelligenten und geschickten Manipulation zu heranzukommen.

Der in seinem Labor entwickelte humanoide Roboter Agile Justin ist weltweit einer der fortgeschrittensten Robotersysteme und wurde mit zahlreichen Preisen auf internationalen Fachkonferenzen ausgezeichnet und fand große Resonanz in den Medien.