München, 10. September 2018. "Die Frage, wie wir in Zukunft die Pflege gestalten, welche Erwartungen wir an die Pflege haben und wieviel uns die Pflege auch finanziell wert ist, müssen wir als Gesellschaft insgesamt beantworten", so Dr. Dr. Markus Schick, Präsident des neuen Landesamtes für Pflege (LfP) in Amberg.

Im Interview mit der Techniker Krankenkasse (TK) erläuterte er, wie es gelingen kann, die Vielfalt der Pflegeanforderungen betreuungsbedürftiger Menschen fachlich und menschlich zu organisieren: "Digitale Hilfsmittel können Pflegekräfte und pflegende Angehörige entlasten." Außerdem benötige Bayern innovative Lösungen in den Bereichen Wohnen, Bauen und Zusammenleben zwischen den Generationen.

Pflegeversicherung um Smart-Home-Lösungen erweitern

Als Beispiel nannte Schick das Modellprojekt "DeinHaus4.0", das das bayerische Pflegeministerium in allen sieben bayerischen Regierungsbezirken fördert. "Das Projekt präsentiert intelligente Assistenztechnik, die einen längeren Verbleib in den eigenen vier Wänden auch bei Einschränkungen im Alter ermöglicht. Beispiele dafür sind Hebevorrichtungen und Sturzsensoren", so der LfP-Präsident.

Die TK fordert, dass der der Leistungskatalog der Pflegeversicherung um Smart-Home-Lösungen erweitert wird. "Die Leistungen für 'wohnumfeldverbessernde Maßnahmen' sollten im Bereich der technischen Hilfen im Haushalt auch für technische Assistenz- und Überwachungssysteme eingesetzt werden dürfen", so der Leiter der TK-Landesvertretung Bayern, Christian Bredl.

66 Prozent würden Roboter-Technik in Anspruch nehmen

Eine aktuelle repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der TK (TK-Meinungspuls Pflege 2018) zeigt: Die Offenheit, sich im Pflegefall digitale oder technische Unterstützung zu holen, ist groß - vor allem in Bayern: Auf die Frage "Könnten Sie sich vorstellen, auch die Hilfe von Roboter-Technik in der Pflege in Anspruch zu nehmen" antworten 66 Prozent der Befragten in Bayern mit Ja, bundesweit sind es 58 Prozent.

Und es muss nicht immer gleich der Roboter sein. Mittlerweile gibt es auch die so genannte Smart-Home-Technik, etwa Sensoren, die Stürze melden oder Registrieren ob ein pflegebedürftiger Mensch morgens aufsteht. Immerhin wollen 83 Prozent der Menschen in Deutschland im Falle eigener Pflegebedürftigkeit in den eigenen vier Wänden bleiben, in Bayern sind es sogar 89 Prozent.

Übrigens: Auch die Senioren-WG scheint laut TK-Meinungspuls neben der Pflege zu Hause ein attraktives Modell für die Bayern zu sein. 73 Prozent der Befragten aus Bayern würden in einer Senioren-WG wohnen wollen, wenn sie dort alle pflegerische Unterstützung bekämen, die sie benötigen. Bundesweit wünschen sich diese Lösung nur 59 Prozent.

Digitalisierung in der Pflege unverzichtbar

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Bayern steigt stark an. Prognosen gehen im Jahr 2030 von bis zu 3,4 Millionen Menschen bundesweit aus, die Pflege benötigen werden. "Die Digitalisierung ist auch im Bereich der Pflege unverzichtbar. Doch bei allem technischen Fortschritt werden Computer und Roboter Menschen und menschliche Zuwendung nie ersetzen können", sagte Schick im TK-Interview.

Um mehr Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen, brauche es beste Berufsperspektiven mit guter Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen sowie eine moderne und attraktive Ausbildung.

Eine der erfolgreichen Maßnahmen der bayerischen Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml sei laut Schick die Herzwerker-Kampagne, mit der seit dem Schuljahr 2009/2010 für den Altenpflegeberuf geworben wird. "Die Schülerzahlen konnten in den letzten Jahren um über 30 Prozent gesteigert werden", sagte Schick. Außerdem habe die Bayerische Staatsregierung in den letzten Jahren die Entbürokratisierung vorangetrieben, Verbesserungen bei den Personalschlüsseln unterstützt und eine einheitliche Finanzierung der Ausbildung erreicht und das Schulgeld abgeschafft.

Wertschätzung muss sich in der Bezahlung widerspiegeln

Die TK begrüßt das Engagement der Staats- und Bundesregierung, die Pflege ins Zentrum der Reformen zu stellen. "Die Wertschätzung der Gesellschaft für die Ausübung des Berufes müssen sich in den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung der Pflegenden widerspiegeln", sagte Christian Bredl. Aber auch die pflegenden Angehörigen dürfe man nicht aus den Augen verlieren.

Dr. Dr. Markus Schick fügte hinzu: "Privat war ich in die Pflege meiner Großeltern über unser sogenanntes 'Enkel-Modell' eingebunden: ein Jahr lang habe ich vier Nächte die Woche meine stark pflegebedürftigen Großeltern betreut. Das war für mich eine sehr prägende, bewegende und wichtige Zeit, die mir auch bei meiner neuen Aufgabe helfen wird."

230.000 Anträge für Pflegegeld

Als erstes großes Projekt werde das LfP die Abteilung für das neue bayerische Landespflegegeld aufbauen. Mit dem Landespflegegeld in Höhe von 1.000 Euro jährlich werden Menschen unterstützt, die in Bayern leben und mindestens Pflegegrad 2 haben. Aktuell liegen bereits rund 230.000 Anträge für das Pflegegeld vor.

Hinweis an die Redaktion

Im Auftrag der TK befragte Forsa im April 2018 für den TK-Meinungspuls Pflege bevölkerungsrepräsentativ 1.007 Menschen in Deutschland zum Thema Pflege. In computergestützten Telefoninterviews wurden in Privathaushalten lebende Personen ab 18 Jahren befragt. Die Stichprobe ist nach Region, Geschlecht, Alter und Bildung gewichtet.