TK spezial: Herr Köpke, die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Zukunft weiter steigen. Doch schon heute fehlen die Fachkräfte in der Pflege. Für viele ist es nicht attraktiv, diese verantwortungsvolle Tätigkeit langfristig auszuüben oder nach einer Auszeit in den Beruf zurückzukehren. Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um gut ausgebildete Pflegekräfte langfristig im Beruf zu halten?

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Prof. Dr. Sascha Köpke

Prof. Dr. Sascha Köpke: Das ist im Moment tatsächlich die zentrale Frage, wenn wir über die pflegerische Versorgung und damit insgesamt über die Versorgung im deutschen Gesundheitssystem sprechen. In diesem komplexen System gibt es eine kaum überschaubare Zahl von Stellschrauben und Interessen, so dass es leider keine einfachen Lösungen geben kann. Dennoch gibt es zweifellos verschiedene Möglichkeiten die Situation akut und langfristig zu verbessern.

An erster Stelle steht für mich dabei eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen Pflegender. Dazu gehört, neben einer angemessenen Vergütung, die Erhöhung bzw. der Erhalt der Attraktivität des Pflegeberufes, um zu verhindern dass engagierte und motivierte Pflegende frustriert den Beruf verlassen oder, nicht weniger problematisch, frustriert ihren Beruf ausüben. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, viele Kolleginnen zurückzuholen, aber es gibt trotz der öffentlich diskutierten schwierigen Situation in der Pflege weiterhin viele junge Menschen, die einen Pflegeberuf erlernen wollen. Da müssen wir ansetzen. Es muss gelingen diesen Menschen die Freude an dem prinzipiell hoch attraktiven Beruf zu vermitteln und zu erhalten.

Dazu gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, wobei die Bezahlung, das wissen wir inzwischen recht gut, nur ein Faktor unter vielen ist und sicher nicht der wichtigste. Am wichtigsten: Pflegende müssen die Möglichkeit haben ihren Beruf auszuüben, d.h. sie müssen sich um die ihnen anvertrauten Menschen kümmern können und deren Bedürfnissen gerecht werden können. Sie müssen in der Lage sein, den Ansprüchen, die an sie gestellt werden und die sie selber an sich stellen, gerecht zu werden. Dazu braucht es zwingend eine verlässliche, dem Bedarf angepasste Personalstärke. Ich hoffe, dass die Bemühungen um Mindestpersonalstandards nicht zwischen den unterschiedlichen Interessenvertretungen aufgerieben werden, sondern dass es gelingt, verbindliche Standards zu schaffen und zwar möglichst nicht nur für vermeintlich pflegesensitive Bereiche.

Weiterhin sollten Pflegende möglichst wenig durch prinzipiell pflegefremde, delegierbare Aufgaben belastet werden. Schließlich braucht es eine wissensbasierte Pflege auf Basis methodisch angemessen entwickelter Instrumente. Die Expertenstandards sind dazu sicher nicht geeignet, wie das Beispiel des Expertenstandards "Förderung der Mobilität" eindrucksvoll beweist, der trotz nachgewiesener Unwirksamkeit möglicherweise in Kürze verpflichtend eingeführt werden wird. Wir sollten diesen Irrweg möglichst schnell verlassen und das international bewährte Instrument der Leitlinien für die Pflege in Deutschland etablieren um Pflegenden zu ermöglichen, nachvollziehbar Evidenz-basiert arbeiten zu können. Hierfür braucht es akademisch qualifizierte Pflegende, die in der Lage sind, die vorhandene Evidenz aufzufinden, aufzubereiten und in die Praxis zu implementieren. Die Ausbildung sollte unbedingt nicht nur an Fachhochschulen, sondern auch an Universitäten und zwar bevorzugt an medizinischen Fakultäten stattfinden. Nur hier können alle Gesundheitsberufe einschließlich der Medizin gemeinsam lernen, um das Ziel einer interprofessionellen Gesundheitsversorgung zukünftig realistisch zu erreichen. Deutschlandweit findet sich derzeit nur an der Universität zu Lübeck ein Modell der parallelen und gemeinsamen Ausbildung aller wichtigen Gesundheitsberufe.

Ich bin davon überzeugt, dass wir es in der jetzigen Situation noch schaffen können, die Weichen für eine zukünftige qualitativ hochwertige pflegerische Versorgung zu stellen. Hierfür sind jedoch kurzfristige Aktivitäten nicht geeignet. Vielmehr braucht es einen langfristig ausgerichteten Plan zur nachhaltigen Professionalisierung der Pflege. Hierzu braucht es eine verlässliche Personalquote, die akademische Ausbildung von Pflegefachkräften und bundesweit etablierte Pflegekammern. Dies wird nicht ohne massive finanzielle Anstrengungen und das Aufbrechen bestehender Strukturen möglich sein, aber angesichts der unhaltbaren Situation in der Pflege sollte es doch möglichsein ein paar alte Zöpfe abzuschneiden.

TK spezial: CDU/CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag ausgehandelt, das Thema Gesundheit und Pflege stark zu fördern. Sind die dort vorgesehenen Maßnahmen aus Ihrer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung um die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen perspektivisch sicherzustellen? Welcher Maßnahmen bedarf es darüber hinaus?

Prof. Dr. Sascha Köpke: Ich denke, dass die bereits in der letzten Legislaturperiode geplante generalistische Ausbildung unbedingt konsequent im Sinne einer gemeinsamen möglichst akademischen pflegerischen Ausbildung zu Ende gedacht werden sollte. Das teilweise Herausnehmen pflegerischen Leistungen aus dem DRG-System ist sicher auch ein wichtiger Schritt, der allerdings noch klarer auszugestalten ist. Ansonsten braucht es, wie schon erwähnt, Pflegekammern, verbindliche Quoten und strukturelle Maßnahmen, wie die Schließung von Krankenhäusern und ein klares Bekenntnis zur Etablierung erweiterter pflegerischer Aufgaben im Sinne einer Advanced Nursing Practice, die angesichts der derzeitigen Gesetzeslage kaum umsetzbar ist. Hier ergeben sich, wie praktisch in allen westlichen Ländern etabliert, Karrieremöglichkeiten für hochqualifizierte Pflegende, die wiederum dazu dienen könnten, motivierte Praktikerinnen in der direkten pflegerischen Versorgung zu halten.

TK spezial: Pflegende Angehörige versorgen in Deutschland einen Großteil der Pflegebedürftigen. Welche konkreten Unterstützungsangebote sind notwendig, um die pflegenden Angehörigen zu entlasten und so eine Pflege von Menschen in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen?

Prof. Dr. Sascha Köpke: Ich denke, dass hier in den letzten Jahren bereits einiges passiert ist. In Schleswig-Holstein gibt es jetzt endlich in allen Kreisen einen Pflegestützpunkt. Beratungs- und Schulungsangebote für pflegende Angehörige sowie "Pflegeurlaub" sind zumindest eingerichtet worden, auch wenn davon noch nicht ausreichend Gebrauch gemacht wird. Das vom Berufsverband DBfK verfolgte Konzept zur Einführung sogenannter Family Health Nurses scheint mir prinzipiell ein sinnvoller Weg. Auch hier braucht es einer klaren Verpflichtung aller Beteiligten für ein solches Konzept inklusive der Schaffung gesetzlicher Vorgaben für die Übernahme erweiterter Aufgaben durch Pflegende und der Schaffung akademischer Ausbildungsgänge.

TK spezial: Die TK fordert, dass Technik-Lösungen, die das Wohnen im eigenen Haushalt länger ermöglichen, über die Pflegekasse unterstützt werden sollten. Bislang finanziert die Pflegeversicherung über die "wohnumfeldverbessernden Maßnahmen" den barrierefreien Umbau der Dusche - nicht jedoch sensorenbasierte Systeme, die etwa bei einer Schwindelattacke oder einem Sturz für Hilfe sorgen. Kann die Digitalisierung in der Pflege die Selbständigkeit im eigenen Zuhause verlängern und pflegende Angehörige entlasten?

Prof. Dr. Sascha Köpke: Ja, unbedingt! Allerdings waren in Deutschland bisherige Bemühungen z.B. zum "Ambient Assisted Living (AAL)" nur mäßig erfolgreich trotz der übereuphorischen Erwartungen. Das hat verschiedene Gründe. Technisch ist sicher noch Luft nach oben, um tatsächlich die versprochenen Verbesserungen für Pflegebedürftige, Angehörige und professionell Pflegende zu gewährleisten. Einerseits braucht es Technik, die der Zielgruppe angepasst intuitiv zu bedienen ist und andererseits darf der Fokus nicht auf Kontrolle, Assessment und Überwachung liegen. Bislang ist es nur vereinzelt gelungen Technik aus der Perspektive der Pflegenden und der Pflegebedürftigen zu betrachten.

Die Grenzen technischer Innovationen wurden und werden nicht ausreichend thematisiert. So sind Techniklösungen eher nicht für die komplexen Bedarfe schwer pflegebedürftiger Menschen geeignet. Technik soll unterstützen und entlasten, kann aber Pflege nicht ersetzen. Technik kann zum Beispiel beim Übergang zum Verlust der Selbständigkeit sinnvoll sein und somit bestenfalls den Bedarf an zugehenden Hilfen hinauszögern, aber auch das ist bislang nicht überzeugend gelungen. Die Förderinitiative des BMBF zur Schaffung von Pflegeinnovationszentren scheint mir hierfür ein geeigneter Schritt.

Wir arbeiten zurzeit in zwei Projekten ebenfalls an der Entwicklung und Evaluation technischer Möglichkeiten zur Entlastung Pflegender vor allem durch erleichterte und verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten. An der Universität zu Lübeck sind hierfür die Bedingungen ideal, da pflegewissenschaftliche, Informations-technische und medizinische Expertise an einer Universität mit prinzipieller medizinischer Ausrichtung vorhanden ist.

TK spezial: Das Präventionsgesetz sieht auch Gesundheitsförderung in der Pflege vor. Welchen Stellenwert hat Gesundheitsförderung für Pflegefachkräfte, pflegende Angehörige und auch bei Pflegebedürftigen? Worauf kommt es an?

Prof. Dr. Sascha Köpke: Die Frage ist einfach zu beantworten. Natürlich ist Prävention von besonderer Bedeutung und es sollte, wenn möglich. immer zuerst präventiv vorgegangen werden. Allerdings müssen auch Präventionsprogramme mit angemessenen Methoden auf ihren Nutzen und Schaden geprüft werden. Viel zu häufig werden Programme eingeführt mit der Maßgabe, dass Prävention stets sinnvoll ist. Das ist natürlich ein Trugschluss, da nutzlose Programme Ressourcen verschlingen, die anderweitig besser eingesetzt werden sollten. Aktionismus ist in der Regel keine sinnvolle Strategie. Vielmehr sollten mehr Ressourcen in die angemessene Entwicklung und Evaluation von Präventionsprogrammen fließen. Dies ist im Rahmen des Präventionsgesetzes derzeit leider kaum möglich, auch wenn die Ressourcen eigentlich zur Verfügung stünden.

Zur Person

Prof. Dr. Sascha Köpke ist seit 2011 Professor für Forschung und Lehre in der Pflege an der Universität zu Lübeck. Er leitet dort den 2014 gestarteten Bachelor-Studiengang "Pflege".
Nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger arbeitete er auf Intensivstationen in Hamburg und Glasgow und studierte Gesundheitswissenschaften und Anglistik an der Universität Hamburg und promovierte dort 2007.
Seine Forschungsthemen liegen in der klinischen Pflegeforschung insbesondere im Bereich der geriatrischen Pflege.