TK: Wie wollen Sie mehr Pflegekräfte für Bayern gewinnen?

Melanie Huml: In den letzten Jahren hat sich beim Thema Pflege einiges getan - im Bund und in Bayern. Die Maßnahmen verfolgen vor allem das Ziel, die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern. Dies wollen wir schaffen unter anderem durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Images. 
 
Die auf Bundesebene vereinbarte "Konzertierte Aktion Pflege" geht zum Beispiel auf eine bayerische Forderung zurück. Hier sollen bis zum Sommer 2019 in fünf Arbeitsgruppen konkrete Maßnahmen und Empfehlungen entwickelt werden, mit denen Pflegepersonal gewonnen, gehalten und entlastet werden kann. Und auf das Sofortprogramm des Koalitionsvertrags mit 13.000 zusätzlichen Stellen setzen wir noch ein "Bayerisches Aktionsprogramm Arbeiten in der Pflege". 

Die "Konzertierte Aktion Pflege" geht auf eine bayerische Forderung zurück.
Melanie Huml
 

Was die Verbesserung der Entlohnungsbedingungen in der Pflege angeht, haben wir die Bundesregierung außerdem zu schnellem Handeln gemeinsam mit den Tarifpartnern aufgefordert. Denn klar ist: Die zusätzlich geschaffenen Stellen müssen ja erst einmal besetzt werden. Dafür ist eine angemessene Bezahlung ein entscheidender Faktor. 

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Melanie Huml, Staatsministerin für Gesundheit und Pflege

Natürlich spielt auch die neue generalistische Pflegeausbildung eine wichtige Rolle, um den Pflegeberuf langfristig aufzuwerten. Um alle Akteure ins Boot zu holen, haben wir Anfang Januar 2019 das "Bündnis für generalistische Pflegeausbildung in Bayern" geschlossen. Damit wollen wir die Ausbildung von gut qualifizierten Pflegefachkräften als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe etablieren.
 
Schon im März 2010 wurde das bayerische "Bündnis für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in der Altenpflege" geschlossen, aus dem heraus die erfolgreiche HERZWERKER-Kampagne entstanden ist.

Ein weiterer Baustein für bessere Arbeitsbedingungen ist die Entbürokratisierung. Entsprechende Prozesse begleiten wir schon seit längerem - und lassen hierbei nicht locker. 

Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte sehen wir als ergänzenden Baustein zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen an.
Melanie Huml
 

TK: Stichwort: Personalgewinnung im Ausland ...

Melanie Huml: Auch damit setzen wir uns schon länger intensiv auseinander. Die Förderung der Fachkräfteeinwanderung und Anwerbung ausländischer Pflegekräfte sehen wir als ergänzenden Baustein zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen an. Deshalb wirken wir sowohl innerhalb Bayerns als auch mittelbar in den Gremien auf Bundesebene darauf hin, die Verfahren zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse in der Pflege möglichst zu beschleunigen.

TK: Wie planen Sie, pflegende Angehörige zu entlasten?

Melanie Huml: Fast zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in Bayern werden zu Hause betreut. Es ist daher wichtig, pflegende Angehörige mit Angeboten zu unterstützen, die zu ihrer jeweiligen Lebenssituation passen. Deshalb bauen wir in Bayern die Tages- und Kurzzeitpflegeplätze weiter aus.

Außerdem gibt es seit Anfang dieses Jahres erhebliche Erleichterungen für Angebote zur Unterstützung im Alltag von Pflegebedürftigen. So können nun auch kleinere Träger mit ihrem bestehenden Personal - wie zum Beispiel Sozialpädagogen oder Pflegekräften - haushaltsnahe Dienstleistungen einfacher aufbauen. 
 
Bereits heute stehen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen in Bayern annähernd 1.000 Angebote zur Unterstützung im Alltag zur Verfügung, vor allem Betreuungsgruppen und ehrenamtliche Helferkreise. Über 670 dieser Angebote werden mit etwa 1,7 Millionen Euro jährlich gefördert.

Angehörigen in Bayern stehen annähernd 1.000 Angebote zur Unterstützung im Alltag zur Verfügung.
Melanie Huml 

Dazu gibt es bayernweit 109 Fachstellen für pflegende Angehörige, die psychosoziale Unterstützung und Beratung anbieten. 

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Melanie Huml unterzeichnet das Bündnis zur generalistischen Pflegeausbildung.

Für viele pflegende Angehörige ist es auch eine Erleichterung, sich mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen auszutauschen. Dies können sie beispielsweise in den rund 150 bayernweit existierenden Angehörigengruppen.
 
Darüber hinaus läuft gerade unser Modellprojekt Helfen und selber gesund bleiben. Ziel ist, pflegenden Angehörigen langfristige Strategien für emotionale Hilfe und Unterstützung zur Bewältigung ihrer Aufgabe zukommen zu lassen. Dafür erproben wir ein innovatives Selbsthilfekonzept. 
 
Ferner stärken wir mit dem Landespflegegeld, das Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 in Bayern erhalten, die Selbstbestimmung und die gesellschaftliche Teilhabe pflegebedürftiger Menschen. Die Pflegebedürftigen können über das Geld - 1.000 Euro im Jahr - frei verfügen und sich damit zum Beispiel auch Hilfsangebote leisten, die zu einer Entlastung der Angehörigen beitragen.

TK: Wie lassen sich die Herausforderungen in der Pflege meistern, ohne dass die Pflegeversicherung unbezahlbar wird?

Melanie Huml: Die letzte Beitragsanhebung zu Jahresbeginn war nach einem Milliardendefizit in der sozialen Pflegeversicherung unvermeidbar. Aber: Die Mehreinnahmen von rund 7,6 Milliarden Euro jährlich sollen nicht nur die gestiegenen Ausgaben infolge der Leistungsverbesserungen durch das Zweite Pflegestärkungsgesetz finanzieren, sondern auch die Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen ermöglichen.

Gleichzeitig stellt die Anhebung eine Beitragssatzstabilität bis 2022 sicher. Fakt ist: Die langfristige Stabilisierung der sozialen Pflegeversicherung bleibt ein Zukunftsthema, für das ich mich auch weiterhin einsetzen werde.
 
Aber nicht nur die Pflegeversicherung als solche muss bezahlbar bleiben, auch der konkrete Pflegefall in der Familie darf nicht unbezahlbar werden. Wir erleben derzeit insbesondere in der stationären Pflege einen ernst zu nehmenden Anstieg der von den Pflegebedürftigen zu tragenden Eigenanteile.

Der konkrete Pflegefall in der Familie darf nicht unbezahlbar werden.
Melanie Huml

Im heutigen System der sozialen Pflegeversicherung gehen Leistungsverbesserungen, die wir dringend brauchen - einschließlich einer besseren Bezahlung der Pflegekräfte -, zu Lasten der Pflegebedürftigen. Denn die Pflegeversicherung sieht als Teilleistungsversicherung feste, vom Pflegegrad abhängende Leistungsbeträge vor. 
 
Eine ergänzende private Vorsorge ist hier ebenso wichtig wie eine regelmäßige Anpassung der Leistungsbeträge in der Pflegeversicherung. Daher haben wir im Koalitionsvertrag auf Bundesebene vereinbart, die Sachleistungen in der Pflegeversicherung kontinuierlich an die Personalentwicklung anzupassen. 
 
Mir persönlich war es auch ein wichtiges Anliegen, in diesem Koalitionsvertrag zu verankern, dass auf das Einkommen der Kinder von pflegebedürftigen Eltern künftig erst ab einem Einkommen in Höhe von 100.000 Euro im Jahr zurückgegriffen werden soll. Ich möchte die Angehörigen von Pflegebedürftigen so gut wie möglich zu unterstützen.

TK: Der Einführung von Robotern im pflegerischen Bereich stehen viele Menschen in Bayern offen gegenüber, so der TK-Meinungspuls Pflege 2018 . Wie schaffen wir es diese Techniken flächendeckend einzuführen?

Melanie Huml: Mein Ziel ist es, die Digitalisierung in der medizinischen und pflegerischen Versorgung und Betreuung zum Wohle der Patienten und Pflegebedürftigen voranzutreiben. Das bedeutet aber nicht, dass technische und digitale Anwendungen und Unterstützungsangebote die Menschlichkeit aus der Pflege verdrängen. Klar ist: Der Mensch steht stets im Mittelpunkt. Digitale und technische Hilfsmittel können Pflegekräfte zwar entlasten, aber nicht ersetzen. 

Hier setzt das Projekt "Pflegeroboter Pepper" an, das wir derzeit fördern. Der Roboter soll das Personal in einer Tagespflegeeinrichtung durch die Übernahme von Routineaufgaben und von immer wiederkehrenden Abläufen entlasten, damit diese mehr Zeit für die individuelle Betreuung und Pflege haben.

Der Einsatz des Pflegeroboters "Pepper" wird wissenschaftlich begleitet. Während der Evaluation werden neue Applikationen entwickelt und deren Anwendung im Praxisbereich in der Tagespflege fortlaufend getestet.

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Melanie Huml und Bernhard Seidenath (MdL und Vorsitzender des Landtagsausschusses für Gesundheit und Pflege) mit dem Pflegeroboter Pepper und den Stundenten Selim Ben Zekri und Youssif Jirid. 

Außerdem erwarten wir uns Erkenntnisse darüber, wie sich der Einsatz von Digitalisierung, hier insbesondere der Einsatz eines Roboters, auf das Wohl von Pflegebedürftigen sowie auf die Entlastung von Pflegefachkräften auswirkt. Ein Handlungsleitfaden soll dann die Ergebnisse in die Breite tragen. Um den digitalen Fortschritt in der Pflege voranzubringen, veranstalten wir darüber hinaus im April in München die mittlerweile fünfte Fachtagung "Pflege digital" mit namhaften Experten.

TK: Ihre Prognose: Wann stehen für alle Pflegebedürftige und pflegende Angehörige in Bayern digitale Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung (Stichwort "ambient assisted living")?

Melanie Huml: Unser Leuchtturmprojekt "Vorbildliches Pflegewohnumfeld für Pflegebedürftige: DeinHaus 4.0" und das ebenfalls von uns unterstützte Projekt "Digitale medizinisch-pflegerische Versorgung und assistiertes Wohnen im Oberen Rodachtal (Digi-ORT)" zeigen schon jetzt, wie vielfältig Assistenzsysteme und intelligente Technik in der häuslichen Pflege eingesetzt werden können. 

Wir haben uns beim GKV-Spitzenverband für die Aufnahme digitaler Lösungen im Hilfsmittel-Verzeichnis stark gemacht.
Melanie Huml

Eine Hürde ist und bleibt jedoch deren Abrechenbarkeit und Refinanzierungsmöglichkeit. Beispielsweise enthält das sogenannte Pflegehilfsmittel-Verzeichnis bislang kaum technische Assistenzsysteme, sondern insbesondere mechanische Lösungen - wie etwa Rollstühle. Die Bundesregierung hat hier bereits Änderungen angedacht. Auch wir haben uns im letzten Jahr beim GKV-Spitzenverband für die Aufnahme digitaler Lösungen im Hilfsmittel-Verzeichnis stark gemacht.
 
TK: Sie planen dieses Jahr im September eine Bayerische Demenzwoche: Können Sie schon verraten, welche unterstützenden Projekte für Menschen mit Demenz und deren Angehörige Sie auf den Weg bringen werden?

Melanie Huml: Mein Ziel ist es, das Thema Demenz noch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und den Bewusstseinswandel im Umgang mit dieser Krankheit und den Betroffenen sowie deren Pflegepersonen weiter voranzubringen.

Mit der Bayerischen Demenzwoche wollen wir unter anderem auf die vielfältigen Betreuungs- und Unterstützungsangebote im Freistaat für Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen hinweisen. Wir möchten damit die gesamte bayerische Bevölkerung erreichen und landesweit für das Thema Demenz sensibilisieren.