Die analoge Dokumentation der pflegerischen Tätigkeiten ist für Pflegekräfte sehr zeitaufwendig und bindet erhebliche Ressourcen. Um sie effizienter zu gestalten, wurde die Dokumentation im AKH Wien komplett überarbeitet und anschließend digitalisiert. Das Ergebnis ist eine deutliche Verschlankung der Prozesse - und auch mehr Zeit für die Pflege "am Bett". Als Belohnung gab es dafür im vergangenen Jahr den Lohfert-Preis.

Was das Besondere an der digitalen Pflegedokumentation im AKH Wien ist, wie sie sich auf den Pflegealltag auswirkt und ob es bei der Einführung Gegenwind gab, erklären Renate Hadi und David Bayer im Interview.

TK: Frau Hadi, viele Kliniken klagen darüber, dass die Mitarbeitenden immer mehr Zeit für die Dokumentation aufbringen müssen. Sie haben gehandelt. Wie kam es dazu?

Renate Hadi: Wir haben erhoben, dass Pflegende im guten Glauben die gesetzlichen Vorgaben übererfüllt und gleichzeitig am pflegerischen Bedarf der Patientinnen und Patienten vorbeidokumentiert haben. Dabei galt die leitende Prämisse: "Was nicht dokumentiert ist, ist nicht gemacht." Das hat dazu geführt, dass irgendwann jeder Routinehandgriff mehrfach auf unterschiedlichste Formulare dokumentiert werden musste. Wir wollten das ändern und hatten zum Glück ein Management an unserer Seite, das diesen unorthodox anmutenden Weg von Anfang an unterstützt hat. 

TK: Was ist das Ziel bei der Einführung einer digitalen Pflegedokumentation?

Hadi: Neben den allgemeinen Zielen einer elektronischen Dokumentation (Lesbarkeit, Nachvollziehbarkeit, Wiederauffindbarkeit usw.) war es uns einerseits wichtig, ein effizientes Arbeiten im Stationsalltag zu ermöglichen und andererseits in individuellen Maßnahmenplanungen die pflegerische Qualität sichtbar zu machen. Um das zu erreichen, war der partizipative Einbezug der vor Ort Pflegenden eine wesentliche Voraussetzung. Zusätzlich achteten wir auf Usability und Layoutfragen. Unser Anbieter hat uns hier viele Freiheiten gelassen.

Uns war es einerseits wichtig, ein effizientes Arbeiten im Stationsalltag zu ermöglichen und andererseits in individuellen Maßnahmenplanungen die pflegerische Qualität sichtbar zu machen. Renate Hadi

David Bayer und Renate Hadi

David Bayer und Renate Hadi vom Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiter der Abteilung für Pflege- und Betriebsprozesse in der Pflegedirektion und Pflegeberaterin im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien. 

TK: Haben die Pflegenden durch die Digitalisierung der Dokumentation denn nun tatsächlich viel mehr Zeit - und wie macht sich das im Pflegealltag bemerkbar?

Hadi: Die Dokumentation ist dem Pflegeaufwand eines Krankenhauses angepasst: Circa ein Drittel der Patientinnen und Patienten wird nur über die Basisleistungen, ein Drittel anhand von Leitlinien und nur ein Drittel mit einer individuellen Maßnahmenplanung dokumentiert. Da auch pflegeaufwändigste Patientinnen und Patienten effizient in ihren Bedürfnissen und Ressourcen beschrieben werden können, beträgt der Zeitaufwand pro Pflegeperson im Tagdienst - die circa zehn bis zwölf Patientinnen und Patienten dokumentiert - maximal eine halbe Stunde. In der Dokumentation wird wieder Sinn erkannt - ein Zitat einer Pflegenden: "Diese Dokumentation ist kurz, prägnant und übersichtlich - somit habe ich wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten."

TK: Herr Bayer, sind Sie in Ihrer Klinik mit der Idee offene Türen eingerannt - oder gab es auch viel Gegenwind?

David Bayer: Die Sehnsucht, die Spirale der Mehr- und Mehrdokumentation einmal zu durchbrechen war zunächst eine unterschwellig-geheime: Jeder dachte: "Es muss einfach so sein". Aber wir konnten dieses Verlangen nach Änderung wecken und in etwas sehr Konstruktives wandeln, nachdem wir zugegebenermaßen initial große Verlustängste überwinden mussten. Schließlich hieß es früher immer "Wer schreibt, der bleibt." Etwas offiziell "weglassen" zu können, war für alle ein Paradigmenwechsel, für manche ein Tabubruch. Es bedurfte sehr kleinteiliger Schulungen und konsequenter Begleitung vor Ort an den Stationen - die Pflegeberaterinnen und -berater waren unser Joker!

Wir konnten dieses Verlangen nach Änderung wecken und in etwas sehr Konstruktives wandeln, nachdem wir zugegebenermaßen initial große Verlustängste überwinden mussten. David Bayer

TK: Welche Tipps können Sie Kliniken für eine erfolgreiche Einführung einer digitalen Pflegedokumentation geben?

Bayer: Es braucht ein mutiges Management, kreative Köpfe und je nach Hausgröße viel Ausdauer in der Umsetzung. Die Definition von Basisleistungen und Leitlinien muss an die Erfordernisse der eigenen Einrichtung und der Kliniken angepasst werden. Das ist anfangs eine intensive und aufwändige Arbeit, in einer Phase, in der die skeptischen Stimmen noch sehr laut sind. Partizipation ist die oberste Maxime für den Erfolg, genauso wie rechtliche und pflegewissenschaftliche Beratung: Es geht auch um Sicherheit und Risikomanagement. Möglicherweise stellt das bestehende Haus-IT-System eine Limitierung dar - da kann ein Blick über den Tellerrand nie schaden.

Hintergrund

Digitale Lösungen können dabei helfen, Pflegekräfte, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zu entlasten. In der Position " Altenpflege: Perspektiven für Hamburg " schlägt die TK Maßnahmen vor, um den technischen Wandel in der Pflege zu beschleunigen.