TK spezial: Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD fällt der Weiterentwicklung der Pflege im Krankenhaus, in der Altenpflege und im ambulanten Bereich ein großes Gewicht zu. Sofortmaßnahmen für eine bessere Personalausstattung, eine vollständige Refinanzierung von Tarifsteigerungen im Krankenhaus und die Etablierung einer „Konzertierten Aktion Pflege“ sind u. a. geplant. Wo sehen Sie das größte Potenzial, um zeitnah Verbesserungen zu bewirken, und was fehlt?

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Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer: Dass der Weiterentwicklung der Pflege im Koalitionsvertrag ein großes Gewicht zufällt, ist sicher zu relativieren. In dem etwa 170 Seiten umfassenden Papier nimmt das Kapitel „Pflege“ zwei Seiten ein. Im Vergleich zum Thema Digitalisierung ist Pflege eher unterrepräsentiert. Aber immerhin. Schnelle Maßnahmen zur Verbesserung der Pflegepersonalausstattung in den Krankenhäusern müssen dringend erfolgen, ebenso wie Maßnahmen der nachhaltigen Sicherstellung einer angemessenen Personalausstattung inklusive einer Ausbildungsinitiative.

Ob die Personaluntergrenzen einen relevanten Beitrag zur Schaffung der tatsächlich benötigten Stellen zur bedarfsgerechten Personalausstattung erbringen, darf hingegen bezweifelt werden. Der GKV Spitzenverband (GKV SV) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die noch von Bundesgesundheitsminister Gröhe beauftragt wurden, einen Vorschlag zu erarbeiten, haben in ihrem kürzlich veröffentlichten Zwischenbericht Untergrenzen definiert, die den zehn bis 25 Prozent am schlechtesten mit Personal ausgestatteten Kliniken entsprechen. Somit scheint das Instrument eher der Schadensbegrenzung zu genügen und kaum geeignet, eine Anhebung der Pflegepersonalausstattung zu erreichen.

Vor dem Hintergrund der schlechten Personalausstattung deutscher Krankenhäuser, die im internationalen Vergleich deutlich unterdurchschnittlich ist, scheint dieses Vorgehen nicht ausreichend und schon gar nicht zukunftssichernd. Verbindliche Rahmenbedingungen sind entscheidend für die Attraktivität des Pflegeberufes! Immerhin ist im Koalitionsvertrag erkannt, dass es bei der Personalausstattungsdebatte nicht ausreicht, ausschließlich bestimmte sogenannte pflegesensitive Bereiche im Krankenhaus zu berücksichtigen, sondern dass alle Bereiche pflegeintensiv sein können. Hoffen wir, dass der GKV SV und die DKG diese Erkenntnis in ihrem Vorschlag berücksichtigen. Die Pflege selbst bzw. ihre fachliche und berufsständische Vertretung ist im Übrigen leider nicht regelmäßig in die Verhandlungen eingebunden.

Laut Koalitionsvertrag sind 8000 neue Stellen in Pflegeheimen geplant. Das sind 8000 Fachkräfte für die insgesamt 13 600 Pflegeeinrichtungen. Das ist tatsächlich nicht mehr als ein symbolischer Akt. Wo diese Personen herkommen und wie sie eingesetzt werden sollen, ist bislang unklar. Bezahlt werden sollen sie laut Koalitionsvertrag aus der GKV; eine Beteiligung der PKV ist nicht erwähnt. Es steht außer Frage, dass es sofortiger Maßnahmen und sehr zeitnaher konzertierter Anstrengungen bedarf, die Attraktivität des Altenpflegeberufes entscheidend zu steigern und das Ansehen der Krankenpflege und Altenpflege anzugleichen, das Einkommen von Altenpfleger/-innen anzuheben und Ungleichheiten im Einkommen zwischen den Pflegeberufen und Regionen aufzuheben.

Die Sicherung der professionellen Altenpflege durch multiple Maßnahmen und nicht weniger die Konsolidierung häuslicher Pflegearrangements mit pflegenden Angehörigen, ist eine Aufgabe höchster Dringlichkeit. Dies vor dem ungebrochenen Trend der Zunahme pflegebedürftiger Menschen und sinkender familialer Pflegepotenziale und zunächst geringeren Arbeitskräftepotenzials.
Wie dramatisch sich der zusätzliche Bedarf an ambulanter Pflege zuspitzen wird, zeigen Schätzungen der drohenden Versorgungslücke für das Jahr 2030. Diese belaufen sich auf 260 000 fehlende Vollzeitstellen bis fast 500 000. Dabei wird es ausgeprägte Unterschiede zwischen Bundesländern, Regionen und Kommunen geben. Ich bin gespannt, ob die im Koalitionsvertrag versprochenen Maßnahmen tatsächlich in der Lage sind, den seit wirklich langer Zeit vorhergesagten Engpässen in der Pflege zu begegnen.

Zur Person

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer ist seit 2013 Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Präsidentin des Europäischen Netzwerkes für Pflegewissenschaften. Zudem ist sie schriftführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Forschungsschwerpunkte in der klinischen und epidemiologischen Pflegeforschung sind Versorgung und Pflege bei Demenz, Mobilität und Gelenkkontrakturen, Vermeidung von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen und die Entwicklung und Evaluation komplexer Interventionen.

TK spezial: Der Koalitionsvertrag will pflegerische Versorgung mit Hilfe digitaler Möglichkeiten weiterentwickeln. Für die Menschen, die möglichst lange in ihrer Häuslichkeit bleiben möchten, bietet dies das Potenzial, die Autonomie im eigenen Heim zu unterstützen. Solche Smart-Home-Lösungen werden derzeit jedoch nicht im Leistungskatalog der Pflegeversicherung berücksichtigt. Können Sie sich vorstellen, dass diese Technologien zukünftig bisher Bekanntes ersetzen?

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer: Ich kann mir Vieles vorstellen für die Zukunft. Die Betonung liegt aber auf Zukunft. Im Koalitionspapier wird angekündigt, man wolle international führend werden im Hinblick auf Digitalisierung. Im Moment sind wir teilweise weit entfernt von der erforderlichen Infrastruktur, die Voraussetzung ist, um neue Technologien zu nutzen. So beginnt in vielen Gebieten der Bundesrepublik gar erst der Glasfaser-Ausbau. Ich finde es sehr richtig, Lösungen weiter zu entwickeln und zu beforschen, die eine Pflegebedürftigkeit hinausschieben könnten und Unabhängigkeit in den eigenen vier Wänden stärken könnten.

Neben Anwendungs- und Akzeptanzforschung muss auch die Wirksamkeit und Sicherheit von technikunterstützten Wohnumgebungen untersucht werden. Wenn soziale Teilhabe und auch gesundheitliche Ergebnisse der Betroffenen und ggf. auch ihrer Angehörigen positiv beeinflusst werden, dann sollten die Lösungen auch erstattungsfähig werden. Menschliche Zuwendung und Pflege wird damit sicher nicht abgelöst.

TK spezial: Neuerungen und ein Mehr-an-Leistungen in der Pflege haben ihren Preis. Das spüren die Angehörigen von Pflegebedürftigen an den steigenden Kosten für die stationäre Betreuung. Wie kann die Akzeptanz hierfür erhöht werden? Wie kann man gegensteuern? Und ist dies eine Entwicklung, die nicht nur auf den Schultern der zu Pflegenden und ihrer Angehörigen abgelegt werden sollte?

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer: Es ist inakzeptabel, dass die Mehrleistungen auf Kosten der Angehörigen gehen. Es gilt, für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige eine erschwingliche Pflege zu garantieren; Dies muss als grundlegende nationale Aufgabe der Daseinsfürsorge verstanden werden! Es war falsch und ist gefährlich, Pflegeheime marktgängig gemacht zu haben, so dass sie interessant wurden für die Gewinnmaximierung und sich als Spekulationsmasse eignen. Die Sorge um Menschen in ihrer letzten Lebensphase ist der Auftrag einer zivilisierten Gesellschaft, an die Ausgestaltung sind ethische Maßstäbe anzusetzen und nicht primär ökonomische. In Diskussionen wird oft das Argument bemüht, man könne die Altenpflegerinnen nicht besser bezahlen, da ansonsten der Eigenanteil bzw. die Belastung der Familien zunehmen würde. Das ist eine absurde Logik! In unserem wirtschaftlich außerordentlich gut aufgestellten Land ist genug Geld da. Wie es in die Pflegetöpfe fließt, ist eine nachgeordnete Fragestellung, die durch mutige Politik zu treffen ist.

TK spezial: Zum Wintersemester 2016 startete an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg der Bachelor - Studiengang „Evidenzbasierte Pflege“. Wie ist die Resonanz auf dieses bisher bundesweit einmalige Angebot? Sehen Sie - z. B. mit Blick auf die Struktur des Studiengangs - Nachbesserungsbedarf?

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer: Auf einen reichen Erfahrungsschatz können wir ja noch nicht zurückschauen, denn wir haben erst den zweiten Jahrgang immatrikuliert. Unser Studiengang ist tatsächlich noch immer der einzige seiner Art in Deutschland, da wir ein vom BMG und BMFSFJ genehmigtes Modellprojekt nach § 63 Abs. 3c SGB V realisieren. In dem Studiengang wird ein Bachelor erlangt und ein Berufsabschluss als Gesundheits- und Krankenpfleger/-in. Außerdem werden heilkundliche Kompetenzen vermittelt, die es den Absolventinnen und Absolventen ermöglichen, Patientinnen und Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 und chronischen Wunden eigenständig und selbstverantwortlich heilkundlich zu versorgen.

Die Studierenden werden gut in der Pflegepraxis angenommen und vom Kollegium als reflektiert wahrgenommen. Selbstverständlich wohnt nicht jedem Anfang nur ein Zauber inne, sondern es hakt auch mal hier und da in Absprachen und Inhalten. Wir werden durch ein unabhängiges Institut begleitend evaluiert und von einem externen Expertengremium begleitet. Wir haben eine dichte Gesprächskultur entwickelt mit allen Akteuren, die den Studiengang gestalten, Das sind nicht nur Lehrende der Medizin und Pflege der Medizinischen Fakultät, sondern unter anderem auch Praxisanleiterinnen.

Das öffentliche Interesse an unserem Studiengang ist groß, wir erhalten Nachfragen anderer Hochschulstandorte und werden häufig geladen zu Symposien und anderen Veranstaltungen. Die Übertragung von Heilkunde wird aus der Selbstverwaltung der Ärzteschaft weiterhin sehr kritisch beäugt. Die Bundesärztekammer lehnt die Substitution (einschließlich der Verantwortungsübernahme) ärztlicher Leistungen durch Pflegende kategorisch ab. Delegation, bei der die Verantwortung beim Arzt bzw. der Ärztin bleibt, hingegen ist akzeptiert und das neue Berufsbild des Physician Assistant wird protegiert, auch durch ein eigenes Curriculum der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Meines Erachtens handelt es sich beim Physician Assistant um eine unattraktive berufliche Sackgasse und keinesfalls um ein modernes Berufsprofil für Pflegende und Vertreter/-innen anderer Gesundheitsfachberufe mit Hochschulzugangsberechtigung.

Wünschenswert wäre, wenn politisch mehr Druck ausgeübt würde, dass in Modellprojekten die gesetzlich eingeräumte Möglichkeit der selbstständigen Ausübung definierter heilkundlicher Tätigkeiten durch Berufsangehörige der Kranken- und Altenpflege erprobt wird, anstatt eine neue Berufsgruppe zu konzipieren, die keinesfalls dem namentlich US-amerikanischen Vorbild des Physician Assistant mit seinen Befugnissen entspricht.