Reinhild Wörheide hat das Konzept "Begleitung im Andersland" entwickelt, die zugehörige Kursreihe findet auch in Erfurt statt. Ziel ist es, die Lebenswelt von Demenzkranken zu verstehen und Hilfe für die individuelle Situation zu geben.

Die Politik sollte die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf stärker in den Fokus rücken.
Reinhild Wörheide

Demenz stellt infrage, was wir als Grundlage unseres Selbst ansehen: unsere kognitiven Fähigkeiten, das Wahrnehmen, Denken und Erinnern. Wohl auch deshalb ist die Gesellschaft nur wenig sensibilisiert für die Erkrankung. Hinzu kommt, dass Demenz für Außenstehende nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Oft fehlen deshalb die nötige Empathie im Umgang mit Erkrankten  sowie die gesellschaftliche Anerkennung für pflegende Angehörige.

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Reinhild Wörheide (Foto: Aileen Rogge)

Seit inzwischen 16 Jahren findet die Kursreihe "Begleitung im Andersland" statt. Der Austausch und die Kommunikation zwischen den Angehörigen von Demenzkranken stehen dabei im Vordergrund. In je sieben Sitzungen bekommen Teilnehmer die Möglichkeit, aus der eigenen Lebenssituation zu erzählen. Persönliche Erfahrungen können eingebracht, Fragen gestellt sowie individuelle Problemlösungen diskutiert werden. Neben der Vermittlung von Informationen geht es vor allem um die soziale Komponente. Im Interview berichtet die Diplom-Gerontologin von ihren Erfahrungen.

TK: Frau Wörheide, Ihre Kursreihe richtet sich an Angehörige von Menschen mit Demenz. Wie  unterscheidet sie sich von normalen Pflegekursen?

Reinhild Wörheide: In normalen Pflegekursen werden vorrangig Pflegetechniken vermittelt, in meiner Kursreihe spielen solche Techniken eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es darum zu erklären, wieso sich Demenzkranke plötzlich ganz anders verhalten als erwartet. Das persönliche Erleben steht im Vordergrund. Die Teilnehmer bekommen die Möglichkeit, ihre Gefühle zu reflektieren, um festzustellen, ob und wie sie mit der Belastung umgehen können. Für Angehörige von Menschen mit Demenz ist der Austausch über die eigene Situation besonders wichtig, denn oft überwiegt die emotionale Belastung gegenüber der körperlichen Belastung. Letztere kommt zudem in der Regel erst später hinzu, wenn pflegerische Tätigkeiten in größerem Umfang notwendig werden. Zu diesem Zeitpunkt kann ein normaler Pflegekurs eine sinnvolle Ergänzung sein.

TK: Viele Thüringer wünschen sich, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Was ist die bessere Betreuung für Demenzkranke: daheim oder im Heim?

Reinhild Wörheide: Aus Sicht des Erkrankten ist es zunächst sinnvoll, die Lebensbedingungen im gewohnten Umfeld möglichst lange beizubehalten. Menschen mit Demenz fühlen sich sicher, wenn sie in einer vertrauten Umgebung sind. Allerdings sollte bei der Frage nach der Unterbringung auch stärker darauf geachtet werden, was aus Sicht der Angehörigen die bessere Lösung ist. Die Pflege
eines Angehörigen mit Alzheimer-Demenz ist extrem kräftezehrend, im späten Stadium teils kaum zumutbar. Die Unterbringung in einer Einrichtung nimmt Angehörigen einen Teil ihrer Sorgen, denn sie wissen dann, dass der Erkrankte gut versorgt wird.

TK: In einer Umfrage erklärten sich 73 Prozent der Thüringer bereit, einen Menschen mit Demenz mehrere Stunden pro Woche zu betreuen. Können die Menschen Ihrer Erfahrung nach einschätzen, was auf sie zukommt?

Reinhild Wörheide: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Bereitschaft zur Pflege sehr groß ist. Die Angehörigen wissen allerdings nicht, worauf sie sich einlassen. Im Gegensatz zu anderen Krankheiten lassen sich der Verlauf und die Dauer einer Demenz-Erkrankung kaum voraussagen. Alzheimer kann Betroffene bis zu zwanzig Jahre begleiten. Solange die Hauptpflegeperson nur in Teilzeit berufstätig ist, lässt sich die Pflege eines Angehörigen oftmals noch organisieren. Muss die
Berufstätigkeit allerdings aufgegeben werden, treibt das Pflegende häufig in die Altersarmut. Hier sollte die Politik die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf stärker in den Fokus rücken. Sie ist ebenso wichtig wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Kindererziehung. Ein weiteres Problem sehe ich in der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Wer zum Beispiel einen Angehörigen mit einer Krebserkrankung pflegt, bekommt viele positive Rückmeldungen. Im Gegensatz zu solchen somatischen, also körperlichen Erkrankungen, ist Demenz unsichtbar. Deshalb wissen die wenigsten, vor welchen Herausforderungen pflegende Angehörige stehen, und folglich mangelt es hier an Empathie und Anerkennung.

TK: Sie haben vor 16 Jahren begonnen, die Kurse bundesweit anzubieten. Wie hat sich die Nachfrage seitdem entwickelt? Stellen Sie regionale Unterschiede fest?

Reinhild Wörheide: In eher ländlich geprägten Bundesländern wie Thüringen sind die Kurse in der Regel stärker besucht als in städtischen Gebieten. Zudem ist die Nachfrage nach den Kursen in der Vergangenheit kontinuierlich gestiegen, parallel zu der insgesamt steigenden Anzahl an Demenzkranken. Hinzu kommt, dass auch Menschen, die nicht offiziell pflegende Angehörige sind, zu den Kursen kommen - auch Freunde oder "Mitbewohner" eines Seniorenheims interessieren sich zum Beispiel dafür, wie sie mit Demenzkranken umgehen sollten.

Zur Person

Reinhild Wörheide ist Diplom-Gerontologin und Geschäftsführerin von WÖRHEIDE Konzepte. Ihre wissenschaftliche Kompetenz als Diplom-Gerontologin sowie die jahrelangen persönlichen Erfahrungen waren die Basis für das Kurskonzept "Begleitung im Andersland", eine Kursreihe für Angehörige von Menschen mit Demenz. Seit 16 Jahren und mit über 200 qualifizierten und erfahrenen Dozenten bundesweit führt WÖRHEIDE Konzepte "Begleitung im Andersland" durch
und konnte bis heute bundesweit 32.000 Angehörige erreichen und erfolgreich unterstützen.