TK: Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff werden Demenzerkrankte besseren Zugang zu Pflegeleistungen bekommen. Was halten Sie davon?

Wilz: Es ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Gerade im beginnenden Stadium einer Demenz ist Unterstützung sehr bedeutsam. Es geht dann noch nicht um konkrete Pflege, sondern vor allem um Unterstützung in der Selbstständigkeit, da die Orientierungslosigkeit der Erkrankten aufgefangen werden muss. Angehörige erwarten hier zahlreiche neuen Rollen und Aufgaben, die sie mit zu erledigen haben.

TK: Die da wären?

Wilz: Nicht selten kommt es vor, dass Angehörige in ihrer neuen Rolle beispielsweise einen Führerschein machen müssen, sich nun allein um die Finanzen kümmern, Anträge stellen, Entscheidungen alleine fällen müssen. Solche und viele weitere Unterstützungsleistungen geschehen zuerst, ehe es an die eigentliche Pflege im Sinne von Unterstützung beim Waschen, Anziehen oder Essen geht.

TK:  Man kann also von mehr Entlastung für die pflegenden Angehörigen sprechen?

Wilz: Ich würde es als ein sehr wichtiges Puzzleteil bezeichnen, das zur Entlastung der pflegenden Angehörigen beiträgt. Aber es gehört natürlich mehr dazu.

TK:  Mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Was sind die Herausforderungen, denen pflegende Angehörige entgegen sehen?

Wilz: In Bezug auf die Hauptgruppe der Pflegebedürftigen - die Menschen mit Demenz - kommt es wie erwähnt beispielsweise zu Herausforderungen, was die Alltagsstrukturen angeht. Hinzu kommt, dass neben Aufgaben, die komplett für den Anderen übernommen werden müssen, auch ein stetiges sich Kümmern abverlangt wird.

Aus der demenzbedingten Orientierungslosigkeit folgen zum Beispiel die Fürsorge, wie der Demenzerkrankte beschäftigt und in den Alltag einbezogen werden kann und auch die Beaufsichtigung, damit beispielsweise keine Unfälle oder Weglaufen passieren.

Und dann sind da noch viele Belastungen, wie das tägliche Erleben von Verlust: die Persönlichkeit der Erkrankten verändert sich, Kommunikation wird zunehmend schwierig, gemeinsame Zukunftspläne schwinden dahin. Angehörige müssen also auch permanent mit Trauer und Frust umgehen. 

TK:  Sind pflegende Angehörige von an Demenz erkrankten Personen stärkeren Anforderungen und Belastungen ausgesetzt als andere pflegende Angehörige?

Wilz: Definitiv. Es ist nicht abzustreiten, dass die Pflege von Menschen mit Demenz ein wesentlich höheres Belastungs- und Konfliktpotenzial birgt. Es gibt teils massive Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Misstrauen oder Aggressivität. Die Aufsicht und Betreuung von Demenzkranken ist ein 24-Stunden-Job, der bis hin zur sozialen Isolation führen kann.

TK: Was gibt es für Unterstützungsangebote?

Wilz: Es gibt niedrigschwellige Angebote, wie die Betreuung durch Ehrenamtliche. Dann gibt es die ambulanten Dienste, die spezifische Unterstützung bei beispielsweise Tätigkeiten wie Waschen, Anziehen oder anderen Pflegeleistungen bieten. Viel Entlastung für Angehörige bieten auch Einrichtungen der Tagespflege. Zum gegenseitigen Austausch gibt es Selbsthilfegruppen, auch telefonische und persönliche Beratung für Angehörige durch die Alzheimer Gesellschaften oder Pflegestützpunkte kann viel leisten. Insgesamt ist aber zu sagen, dass die Angehörigen bei der Inanspruchnahme dieser verschiedenen Angebote große Barrieren haben.

TK:  Barrieren? Bitte beschreiben Sie das näher.

Wilz: Oftmals ist es einfach Unwissen. Aber auch Vorbehalte spielen eine Rolle. Zudem lehnen manche Menschen mit Demenz die Hilfe von Fremden ab. Viele Angehörige erleben es aber auch als zusätzliche Belastung, beispielsweise an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Ihnen fehlt einfach die Zeit, bzw. sie können die Demenzkranken schlicht nicht allein lassen.

TK: Ihr Projekt "Tele.TAnDem" bietet telefonische Unterstützung. Dazu muss man die zu Pflegenden nicht allein lassen.

Wilz: Das stimmt. Viele Angehörige empfinden diese psychotherapeutische Unterstützung als extrem hilfreich. Die Angehörigen werden zu verabredeten Zeiten regelmäßig angerufen und sprechen dann mit einer Psychotherapeutin. Dabei ist die anrufende Therapeutin immer die jeweils selbe, sodass sich eine individuelle und vertraute beraterische Beziehung aufbauen kann.

Es werden dann beispielsweise Themen wie der Umgang belastenden Gefühlen wie Trauer, Wut, Ärger, Schuld- oder Schamgefühlen besprochen. Aber auch Fragen der Selbstfürsorge sind wichtig. Denn pflegende Angehörige müssen sehr darauf achten, nicht auch selbst krank zu werden durch die zusätzliche Belastung. Es geht auch darum, Belastungsgrenzen zu erkennen.

TK: Wann sind für Angehörige die Grenzen der häuslichen Pflege erreicht?

Wilz: Die sind dann erreicht, wenn die pflegenden Angehörigen in einen dauerhaften Erschöpfungszustand geraten. Oft ist das verbunden mit depressiven Verstimmungen. Auch wenn es zu impulsiven Handlungen kommt, sowohl verbaler als auch körperlicher Natur, sind Grenzen erreicht bzw. überschritten. Oder aber, wenn Doppelbelastungen auftreten. Das ist beispielsweise bei pflegenden Angehörigen, die selbst kleine Kinder haben, häufig der Fall. Dann ist es ratsam, sich Gedanken über die Inanspruchnahme institutioneller Pflege zu machen.

TK: Welche Chancen bietet die Telemedizin in der Pflege?

Wilz: Auf der Grundlage mehrjähriger Erfahrung sage ich klar und deutlich: Die telefonische Unterstützung für pflegende Angehörige ist am besten geeignet. Es besteht trotz persönlichem Kontakt eine gewisse Anonymität, die es erlaubt, auch über unangenehme Themen wie beispielsweise Schuldgefühle oder Wut und Ärger zu sprechen.

Auch die Beratung per Mail funktioniert - sogar besser als ich das erwartet hätte. Ich sehe trotz alledem eine Versorgungslücke, wenn es um die Unterstützung pflegender Angehöriger geht. Und die sollte darin bestehen, pflegende Angehörige individuell und über einen längeren Zeitraum psychotherapeutisch zu begleiten und zu beraten. Das heißt nicht, dass pflegende Angehörige psychisch krank sind. Aber sie sind enormen psychischen Belastungen ausgesetzt. Da gilt es, anzusetzen und Hilfe zu leisten.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Gabriele Wilz ist Professorin für Klinisch-Psychologische Intervention an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In Marburg studierte sie Psychologie und promovierte im Jahr 1998. Sie ist approbierte psychologische Psychotherapeutin für Kognitive Verhaltenstherapie, Supervisorin und leitet die Hochschulambulanz sowie das Weiterbildungsprogramm Psychologische Psychotherapie an der Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Psychotherapie im Alter, Interventionskonzepte für pflegende Angehörige, Ressourcenaktivierung in der Psychotherapie und therapeutisches Schreiben.

"Tele.TAnDem": ein bundesweit einmaliges Projekt mit Vorbildwirkung

Das Projekt "Tele.TAnDem" hat zum Ziel, die Versorgungssituation pflegender Angehöriger und Demenzerkrankter zu verbessern. Weitere Zielsetzung ist, pflegende Angehörige im Umgang mit den Herausforderungen, die ihnen die Pflege von Demenzkranken bereitet, zu unterstützen.

Während sich die Angehörigen oftmals in erster Linie um das Wohlergehen anderer kümmern, sollen sie selbst nicht auf der Strecke bleiben. Bei "Tele.TAnDem" werden sie von qualifizierten Psychologinnen und Psychologen individuell beraten. Telefonisch und über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg, jeweils von ein und demselben Therapeuten.

Pflegende Angehörige sind nicht psychisch krank, wohl aber besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt, die zu psychischen Erkrankungen wie beispielsweise depressiven Episoden führen können. Die Ursache darin liegt in der Pflege von Menschen mit Demenz. Diese birgt Konfliktpotenziale, die sich aus den Symptomen der Demenzkrankheit ergeben. Mit dem Projekt "Tele.TAnDem" wird geholfen, auch für sich selbst weiterhin zu sorgen und Belastungsgrenzen zu erkennen.

Durch die Beratung am Telefon können pflegende Angehörige selbst entscheiden, wann sie angerufen werden wollen. In 50-minütigen Gesprächen erhalten sie individuelle Beratung, beispielsweise im Umgang mit Trauer, Frust und Verlust.

Bei "Tele.TAndem" geht es darum, mit belastenden Emotionen besser umgehen zu lernen und die eigenen Werte und Bedürfnisse dabei nicht zu vernachlässigen. Zudem geht es um das Annehmen der Situation des erkrankten Angehörigen mit allen Konsequenzen. Die Angehörigen werden bei Sorgen und Problemen im Pflegealltag unterstützt, erhalten Informationen zu Pflegethemen und Wissen zur Demenzerkrankung.

Projekt "Tele.TAndem"

Bei dem bundesweit einmaligen Projekt handelt es sich um eine wissenschaftliche Forschungsstudie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Interessierte Angehörige können sich melden unter Telefon 036 41 - 94 59-48 (Mo 14-15 Uhr) oder 036 41 - 94 51-74  (Mittwoch 15-16 Uhr  und Donnerstag 10-11 Uhr) oder per Mail an teletandem@uni-jena.de.