TK: Mit welchen Fragen zur Pflege kommen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen am häufigsten auf Sie zu?

Prof. Dr. Peter Bauer: Seit meinem Amtsantritt am 27. November 2018 sind in meiner Geschäftsstelle weit mehr als 600 Anfragen - entweder schriftlich oder telefonisch - eingetroffen. An mich wenden sich sowohl Patienten, Pflegebedürftige, deren Angehörige oder auch Pflegekräfte.

Mein Credo der Beratung lautet: Ernst nehmen, zuhören, kümmern und "Hilfe zur Selbsthilfe" anbieten. Das heißt, meine Geschäftsstelle und ich versuchen, den Ratsuchenden Anlaufstellen oder Ansprechpartner zu benennen, die weiterhelfen können. Beim Thema Pflege geht es sehr oft um das Landespflegegeld, um die Gutachten des MDK, die Feststellung der Pflegegrade, die Gewährung von Hilfsmitteln, die Leistungen der Pflegeversicherung allgemein und immer häufiger auch Angebote zur Unterstützung im Alltag oder Hilfe zur Pflege.

Prof. (Univ. Lima) Dr. Peter Bauer

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Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung

TK: Was sind aus Ihrer Erfahrung als Pflegebeaufragter die größten Baustellen in der Pflege?

Prof. Bauer: Leider gibt es mehrere große "Baustellen" in der Pflege. Die drängendste Herausforderung ist in meinen Augen der Fachkräftemangel. Denn ohne Personal muss das System irgendwann unweigerlich zusammenbrechen. Hier müssen wir dringend anpacken und Lösungen aufzeigen! Seit Langem bin ich bemüht, Verbesserungen voranzutreiben. Dabei denke ich insbesondere an eine Aufwertung des Pflegeberufes - ich nenne es gerne "Charme-Offensive". Denn negative Berichterstattung schadet dieser wertvollen Tätigkeit und hält oftmals junge Leute ab, diesen tollen Beruf zu ergreifen.

Natürlich spielen auch die Bezahlung oder die tagtägliche körperliche und psychische Belastung sowie die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte eine immens wichtige Rolle. Ausdrücklich erwähne ich hier die überbordende Bürokratie. Deshalb gilt es, alternative Ideen zu verfolgen. Ich meine unter anderem auch die Rekrutierung von Pflegekräften aus dem Ausland und die Notwendigkeit, ihren Einstieg bei uns zu erleichtern. Nennen möchte ich dabei die Sprachprüfungen, die aus meiner Sicht einer dringenden Reform bedürfen. Mehr Wertschätzung in der Gesellschaft für "die Pflege". Diese Baustelle ist mir besonders wichtig.

Die drängendste Herausforderung ist in meinen Augen der Fachkräftemangel.
Prof. Dr. Peter Bauer

TK: Was wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger, wenn sie einmal selbst gepflegt werden?

Prof. Bauer: Die meisten möchten zu Hause so lange wie möglich leben können und in ihrem gewohnten Umfeld mit vertrauten Menschen bleiben und gepflegt werden. Das kann ich gut nachvollziehen! Dafür braucht es aber mehr Personal und vor allem viel Unterstützung für pflegende Angehörige sowie eine geeignete Infrastruktur.

Ich bin froh, dass der Landtag Fördermöglichkeiten zum weiteren Ausbau von Kurzzeitpflegeplätzen bewilligt hat. Die Bürger wünschen sich auch mehr Tagespflegeplätze. Auch dieser berechtigte Wunsch wird sehr häufig an mich herangetragen. Es gibt bereits kompetente Anlaufstellen zur Beratung vor Ort, wie z. B. die Fachstellen für pflegende Angehörige, Pflegestützpunkte oder die Fachstelle für Demenz und Pflege Bayern.

Die Nachfrage nach Beratung ist sehr hoch. Das merke ich in meiner Geschäftsstelle tagtäglich. Viele Menschen sind schlichtweg überfordert und kennen ihre Rechte überhaupt nicht und verirren sich im "Pflegedschungel". Hier möchte ich Hilfe leisten und versuchen, dass es den Bürgern leichter fällt sich zurechtzufinden, wenn Pflege ein Thema wird.

TK: Wie könnte man pflegende Angehörige Ihrer Meinung nach besser entlasten?

Prof. Bauer: Meiner Ansicht nach braucht es energische Anstrengungen, um die bestehenden Beratungsstrukturen intensiver zu vernetzen und zu bündeln. Als Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung liegt mir sehr daran, dass es niedrigschwellige, bürgernahe Beratungsstrukturen vor Ort mit Einbindung der Kommunen gibt. Hierfür setze ich mich ein und unterstütze die Ziele der pflegenden Angehörigen. Dabei möchte ich gerne auch auf die Möglichkeiten der Netzwerkförderung nach §45c Abs. 9 SGB XI aufmerksam machen.

Diese Form der Kooperation halte ich für wesentlich. Nur durch das Zusammenwirken und die Absprache der Betroffen vor Ort können wir unser  Beratungsangebot noch stärker und damit noch effektiver für die Ratsuchenden machen. Damit entlasten wir vor allem die pflegenden Angehörigen. Das großartige ehrenamtliche Engagement ist für die pflegenden Angehörigen unverzichtbar. Es muss weiter gestärkt und mehr wertgeschätzt werden. Diese Ziele werde ich unterstützen.

Meiner Ansicht nach braucht es energische Anstrengungen, um die bestehenden Beratungsstrukturen intensiver zu vernetzen und zu bündeln.
Prof. Dr. Peter Bauer

TK: Roboter und digitale Hilfsmittel spielen eine immer wichtigere Rolle in der Pflege. Wie gelingt es
uns, dass die Digitalisierung auch bei den Bürgern und Pflegenden ankommt und Berührungsängste
abgebaut werden?

Prof. Bauer: Bei den Pflegenden kommt meiner Meinung nach das Thema Digitalisierung bereits an. Wichtig ist mir dabei aber, dass keine Ängste entstehen, gewisse Tätigkeiten durch Maschinen zu ersetzen. Maschinen können und sollen nur unterstützen - nicht aber ein Ersatz für Empathie, Zuwendung oder Mitmenschlichkeit sein. Roboter sind ein wichtiges Hilfsmittel, damit der Arbeitsalltag von Pflegenden entlastet wird - sowohl von professionell pflegenden Menschen als auch von denjenigen, die zu Hause, z. B. als nahe Angehörige, mit aller Hingabe pflegen.

So können moderne und innovative Pflegebetten oder Roboter die körperlich belastende Lagerung einer pflegebedürftigen Person unterstützen, die Bewegungen der Person im Bett registrieren, das Körpergewicht messen oder auch dazu beitragen, dass entsprechende Computerprogramme die Pflegedokumentation erleichtern. Solche Entwicklungen sehe ich auf jeden Fall positiv.

Was natürlich nicht entstehen darf ist Anonymität. Ebenso heißt digitale Datenüberwachung auch Beachtung des Datenschutzes. Das ist für mich als Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung sehr wichtig. Ebenso ist die Grundvoraussetzung ein gut ausgebautes und leistungsfähiges Internet in Bayern. Damit nicht Einrichtungen auf dem "Land" von den Entwicklungen abgehängt werden.

TK: Welche Projekte im Bereich Pflege und Digitalisierung treiben Sie als Pflegebeauftragter voran?

Prof. Bauer: Verschiedene Unternehmen, die neue Technologien im Bereich Pflege entwickeln, sind bereits an mich herangetreten, um ihre Neuerungen vorzustellen. Ebenso habe ich mich bei Vorort Terminen selbst überzeugt, wie die neue Technik ganz praktisch eingesetzt werden kann. Auch Pflegemessen geben seit Langem dem Thema "Digitalisierung" ein immer größeres Forum. Diese Messen besuche ich seit Jahren.

Ich selbst befürworte die Innovationen, wie z. B. die Telemedizin, wenn - wie gesagt - der Mensch weiterhin im Mittelpunkt bleibt und das Recht auf Datenschutz gewährleistet ist. Besonders voranbringen will ich ein innovatives Pflegebett, welches kinderleicht, auf Knopfdruck, von einem Liegebett in einen "Sessel" umgewandelt werden kann. Des Weiteren sind mir höhenverstellbare Waschtische und Toiletten wichtig. Deren Einsatz möchte ich für zu Hause und in den Einrichtungen fördern.

Besonders voranbringen will ich ein innovatives Pflegebett.
Prof. Dr. Peter Bauer

Pflege ist aus meiner Sicht eben kein Beruf wie jeder andere. Pflege ist vielmehr eine Berufung, im wahrsten Sinne des Wortes! Pflegekräfte müssen viel geben, bekommen jedoch ein Vielfaches davon zurück. Es gilt, den Balanceakt zwischen hilfreicher und nachteiliger, vielleicht sogar gefährlicher Digitalisierung, zu meistern. Dafür setze ich mich ein.

Zur Person

Prof. Dr. Peter Bauer wurde 1949 in Schönwald/Oberfranken geboren. Der Zahnmediziner, der sich an der Staatsuniversität Federico Villarreal Lima/Peru über ein wissenschaftliches Programm der UNO habilitierte, arbeitete bis 2009 selbstständig in eigener Praxis. Seit 2008 ist er Mitglied des Landtages. Bauer ist außerdem pflegepolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Freien Wähler, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Pflege und Frankensprecher. Seit dem 1. April 2019 ist Prof. Dr. Bauer Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung.