Die Pflegesituation in Deutschland ist angespannt. Das hat die Coronakrise dieses Jahr noch einmal besonders deutlich gemacht. Täglich finden sich in der Presse Schlagzeilen, die von zur Verfügung stehenden Betten berichten - das Pflegepersonal zur Betreuung fehlt aber. Daher suchen zahlreiche Kliniken Helfer zur Entlastung und Unterstützung. 

Aber auch schon vor Corona war der sogenannte Pflegenotstand ein großes Problem. Die Politik um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in Form von Gesetzen und Initiativen versucht, sich diesem anzunehmen. Das ist wichtig und richtig, aber sind die Bemühungen ausreichend? 

Kaum Zeit zum Essen und Trinken

Ich bin selbst gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und habe nach meiner Ausbildung 2 Jahre auf einer großen Intensivstation gearbeitet - seitdem bin ich Aussteigerin und das hat viele Gründe. Krankenpflege ist ein sehr menschlicher und schöner Beruf. Das wird allerdings dadurch überschattet, dass für diese wesentlichen menschlichen Komponenten kaum Zeit bleibt. Als wandelnde Schnittstelle zwischen Medizin, Patienten, Angehörigen und Bürokratie bleibt sehr oft kaum Zeit zum Essen und Trinken, geschweige denn, sich adäquat um Menschen zu kümmern. Wir versuchen trotzdem, die hohen Erwartungen an uns zu erfüllen, denn die haben nicht nur Patienten und deren Angehörige, sondern auch wir Pflegekräfte selbst. Anerkennung gibt es dafür aber nur selten. Die zusätzliche Belastung durch den Schichtdienst tut dann ihr Übriges. Endgültig ausgestiegen bin ich, als ich Kinder bekommen habe. Die Dienstzeiten sind sehr schwer mit Familie und den Betreuungszeiten in Einklang zu bekommen, auch wenn durch erste an den Schichtdienst angepasste Konzepte Besserung in Sicht ist. 

Katja Schertler

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TK-Landesvertretung Saarland

Dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine dastehe, zeigt unter anderem die RN4CAST Studie von 2015. 46 Prozent der befragten deutschen Pflegekräfte gaben an, mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden zu sein. 36 Prozent wollten innerhalb des folgenden Jahres den Job wechseln - davon sogar die Hälfte in eine komplett andere Branche.

Zeitmangel als Frustfaktor

Ein großer Faktor ist die hohe Belastung durch den Personalmangel. 87% aller befragten Pflegekräfte gaben an, dass zu wenig Personal vorhanden ist um die Arbeiten fachgerecht durchzuführen. Auch ich bin häufig an meine körperlichen und psychischen Grenzen gestoßen. Es ist frustrierend die originär erlernten Werte nicht umsetzen zu können oder durch Zeitmangel keine evidenzbasierte Entscheidung treffen zu können, die zum jeweiligen Patienten passt. Zwischen all den Anforderungen und der Angst, in der Hektik einen Fehler zu machen, sind wir auch eine emotionale Stütze für die Patienten und deren Angehörigen. Und wir sind oft diejenigen, die auch auf dem letzten Weg bei den Pflegebedürftigen sind. Das ist eine mentale Belastung, für die es zu meiner Zeit kaum institutionelle Unterstützung gab.

Für mich ist ein wichtiger Ansatzpunkt die Anerkennung - und damit ist nicht gemeint, dass für uns geklatscht wird.

Der hohe Druck zeigt sich in der gesundheitlichen Verfassung des Pflegepersonals, wie Zahlen aus dem Gesundheitsreport der TK von 2019 belegen. Durchschnittlich fehlen Erwerbstätige im Saarland jährlich 17,8 Tage aufgrund einer Arbeitsunfähigkeit, das Pflegepersonal 24,3 Tage. Die häufigsten Erkrankungen, die bei Pflegepersonal zu Krankschreibungen führen sind psychische Störungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen. Auch die Aussagen der befragten Alten- und Krankenpflegekräfte, von denen mehr als ein Drittel über massive emotionale Erschöpfung klagt, bekräftigen die Statistik.

Trotzdem sind noch immer sieben von zehn Pflegekräften froh diesen Beruf gelernt zu haben. Neben all den getroffenen Bemühungen neue Auszubildende zu gewinnen und Stellen zu generieren - und zu finanzieren - müssen dringend die Arbeitsbedingungen angepasst werden. So kann man die Fachkräfte länger im Beruf halten. Ziel sollte es daher sein die Zufriedenheit und vor allem auch Gesundheit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen dieser Branche langfristig zu steigern und das funktioniert nicht ausschließlich über das Gehalt. Die positiven Nebeneffekte einer zufriedenen Belegschaft sind niedrigere Fluktuation und geringere Fehlzeiten. Um all das umzusetzen, fordert die TK einen Masterplan Pflege .

BGM als wichtiges Instrument

Für mich ist ein wichtiger Ansatzpunkt die Anerkennung - und damit ist nicht gemeint, dass für uns geklatscht wird. Ein gutes Beispiel wären eigene Kitas mit passenden Betreuungszeiten. In meinen Augen spielt auch das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) eine große Rolle. Es muss allerdings auf die besonderen Bedingungen in der Krankenpflege angepasst werden und auch psychische Gesichtspunkte berücksichtigen. Es ist notwendig die Angebote flexibel und niedrigschwellig im Zugang zu gestalten, sodass sie zum Schichtdienst nicht als zusätzliche Belastung empfunden werden.

Generell sollten BGM-Angebote zielgerichtet eingesetzt werden, da sich die Bedarfe je nach Berufsgruppe, Einrichtung und sogar Geschlecht stark unterscheiden können. Das gelingt am besten, wenn im ersten Schritt die Bedarfe durch den Arbeitgeber erhoben werden. Ein sehr gutes Beispiel ist das Projekt PROCARE - ein Präventionsprogramm für Pflegekräfte und Pflegebedürftige in stationären Pflegeeinrichtungen. Das Projekt wird mit über 30 Einrichtungen umgesetzt und durch sieben Universitäten wissenschaftlich begleitet. Die Resonanz ist dabei durchweg positiv. 

Präven­tion für Pfle­ge­kräfte und Bewohner

TK-Infografik zum Ablauf des Präventionsprogramms PROCARE. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
PROCARE ist ein Präventionsprogramm für Pflegeeinrichtungen, das sich an Pflegekräfte und Pflegebedürftige richtet.

Dass viele Berufsanhänger den Beruf grundsätzlich gerne machen zeigt, dass die Entwicklung der letzten Jahre keine Einbahnstraße ist. Neben den schon getroffenen Maßnahmen braucht es nun Engagement, Menschen für diesen Beruf zu gewinnen - und ganz besonders sie langfristig zu halten. Als besonders wichtig für die Zufriedenheit im Job wurden von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die Selbständigkeit Entscheidungen zu treffen, persönliche Weiterentwicklungschancen, Flexibilität, Freizeitausgleich und ein gutes Arbeitsklima genannt. In diesen Aspekten steckt also zusätzlich zur finanziellen Seite noch viel Potenzial. 

Die Techniker unterstützt stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäuser dabei, gesundheitsfördernde Maßnahmen und Strukturen im Betrieb zu schaffen - für Mitarbeiter, für Patienten und für Pflegebedürftige. So kann gemeinsam ein auf die Bedürfnisse abgestimmtes Projekt zum Gesundheitsmanagement initiiert und langfristig aufgebaut werden. Hier finden sie weitere Informationen zum Antrag "Starke Pflege ".

Zur Person

Katja Schertler ist gelernte Pflegekraft. Aktuell studiert die zweifache Mutter "Management und Expertise im Pflege- und Gesundheitswesen" an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken und absolviert ihr Praktikum in der TK-Landesvertretung Saarland.