Hannover, 12. Dezember 2019. Nur die Hälfte (50,82 Prozent) der TK-versicherten Pflegebedürftigen in Niedersachsen nimmt "Entlastungsleistungen" der Pflegekasse in Anspruch. Das ergibt eine aktuelle Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK). Pflegebedürftigen stehen pro Monat 125 Euro zu, um die Pflegenden zu entlasten. Rund 75 Prozent der Pflegebedürftigen in Niedersachsen - das sind mehr als 290.000 Menschen - werden laut statistischem Bundesamt zu Hause betreut. Dabei leisten pflegende Angehörige einen zentralen Anteil. 

Entlastungsleistungen - einheitliche Regeln und mehr Flexibilität nötig

Zwar wurden Entlastungsleistungen in Niedersachsen 2019 etwas häufiger abgerufen als 2018, doch noch immer profitiert gerade einmal jeder zweite TK-versicherte Pflegebedürftige davon. Neben zu geringer Bekanntheit der Entlastungsleistungen erschweren auch strukturelle Hürden die Inanspruchnahme. Teilweise bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern, wofür diese Leistung eingesetzt werden darf und wofür nicht. "Teilweise können Angehörige die Leistung nicht nutzen, weil es vor Ort keinen Anbieter gibt, der die regionalen Bedingungen erfüllt, während andernorts die Hürden deutlich geringer sind", so Inken Holldorf, Leiterin der TK-Landesvertretung Niedersachsen. "Ob pflegende Angehörige Entlastungsmöglichkeiten bekommen oder nicht, darf nicht vom Wohnort abhängen. Hier sollte im Sinne der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen eine einheitliche Regelung her".

Aus TK-Sicht wäre es zudem sinnvoll, statt der monatlichen 125 Euro ein flexibel einsetzbares Jahresbudget von 1.500 Euro zu schaffen. Holldorf: "Wenn Versicherte bei der TK im Januar eine Rechnung über 800 Euro für Entlastungsleistungen einreichen, können wir diese nicht ohne Weiteres erstatten - kommt die Rechnung mit dem gleichen Betrag jedoch im November, ist es kein Problem. Hier brauchen wir mehr Flexibilität im Sinne der Betroffenen."

Kostendruck in der Pflege wächst - Angehörige sind Schlüsselfaktor

Betroffen sind immer mehr Menschen. Allein zwischen 2018 und 2019 (Stichtag jeweils 30. Juni) stieg die Zahl der Erstanträge von Pflegebedürftigen bei der TK in Niedersachsen um sieben Prozent. Insgesamt gibt es in Niedersachsen laut Statistischem Bundesamt fast 390.000 Pflegebedürftige. Holldorf: "Schon heute steigen die Pflegekosten für die Solidargemeinschaft viel stärker als noch vor wenigen Jahren erwartet wurde." Umso wichtiger sei es jetzt, in die Entlastung von pflegenden Angehörigen zu investieren. "Jeder Euro, den wir jetzt für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit dieser Menschen ausgeben, kann den Beitragszahlern deutlich höhere Ausgaben für die Pflege in einem Heim ersparen", so Holldorf.

Digitale Unterstützung für pflegende Angehörige

Die TK unterstützt pflegende Angehörige mit zusätzlichen Angeboten. Dazu gehört die Möglichkeit, auf www.tkpflegecoach.de einen digitalen Pflegekurs zu absolvieren. Das Kursangebot "Pflegen und pflegen lassen" ermöglicht Angehörigen, sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen, während andere die Pflege übernehmen. Die Kursreihe "Begleitung im Andersland" richtet sich speziell an Angehörige von Menschen mit Demenz und durch das Onlineangebot pflegen-und-leben.de erhalten pflegende Angehörige psychologische Unterstützung in Belastungssituationen. 

Hinweis für die Redaktion

Der Stichtag für die Datenabfrage war 2018 und 2019 jeweils der 30.6. Entlastungsleistungen nach § 45b (SGB XI): Ab Pflegegrad 1 stehen Pflegebedürftigen in häuslicher Pflege monatlich bis zu 125 Euro zu. In einigen Bundesländern, wie etwa Nordrhein-Westfalen, dürfen diese auch eingesetzt werden, wenn Einzelpersonen - statt etwa Beschäftigte von Pflegediensten - bestimmte Aufgaben für Pflegebedürftige übernehmen. In Mecklenburg-Vorpommern ist beispielsweise auch Nachbarschaftshilfe möglich, in anderen Bundesländern hingegen ausgeschlossen. Um den Entlastungsbetrag zu erhalten, muss kein gesonderter Antrag gestellt werden – jeder Pflegebedürftige, der zu Hause versorgt wird, hat automatisch Anspruch.