Der Hessische Pflegemonitor - 2006 von der Landesregierung ins Leben gerufen, um den aktuellen und künftigen Bedarf an Pflegepersonal regelmäßig zu erfassen - zeigt seit vielen Jahren, dass Hessens Kliniken mehr Pflegekräfte suchen als tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind. Die Anzahl der Auszubildenden in der Krankenpflege ist in Hessen zwar kontinuierlich angestiegen, der Bedarf an Pflegekräften jedoch auch.

Vorausberechnungen im Pflegemonitor zeigen, dass im Jahr 2035 in Hessen 3.386 Krankenpflegefachkräfte mehr gebraucht werden als heute. Das entspricht einem Mehrbedarf von rund 50 Prozent. Hinzu kommt, dass ein beträchtlicher Teil der derzeit noch tätigen Pflegefachkräfte bis 2035 altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden wird. Hochrechnungen zeigen, dass deshalb über 4.000 Krankenpflegefachkräfte in Hessens Kliniken ersetzt werden müssen. 

Was passieren kann, wenn nicht ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung stehen, konnte im Spätherbst 2019 in Gießen beobachtet werden, als die Uniklinik zeitweise vier Stationen schließen musste, weil der Weiterbetrieb personell nicht mehr leistbar war.

Provokante Abwerbeaktionen

Fachkräfte in der Krankenpflege sind aktuell und zukünftig heiß begehrt. Krankenhäuser sehen sich mittlerweile nicht mehr nur in Konkurrenz um Patientinnen und Patienten, sondern auch um Pflegekräfte. In den Medien sprachen einige Klinikchefs aus Hessen bereits von heftigen Kämpfen um Personal. Dieser "Kampf" nimmt teilweise absurde Züge an. 2016 zum Beispiel erregte ein Fall aus Frankfurt Aufsehen: Damals ließ eine Klinik einen Kleinbus auf dem Parkplatz der Konkurrenz abstellen, der mit zahlreichen Sprüchen bedruckt war, die Lust darauf machen sollten, den Arbeitgeber zu wechseln. In Nordhessen war Anfang Dezember 2019 die Aufregung groß, als auf dem Parkplatz einer Klinik Handzettel unter den Scheibenwischern der dort geparkten Autos auftauchten, mit denen den Pflegekräften der Wechsel in ein anderes Krankenhaus empfohlen wurde.

Hessens Kliniken können auch kreativ

In Hessen gibt es allerdings auch viele Beispiele dafür, wie Kliniken auf weniger provokante Art und Weise auf die Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehen. Die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim beispielsweise führt unter dem Motto "Komm ins #TeamKerckhoff" regelmäßig Bewerbertage durch. Vor Ort in den Räumen der Klinik können sich Interessierte bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses über Tätigkeitsfelder und Arbeitsbedingungen informieren. Gefällt den Besucherinnen und Besuchern, was sie dort erfahren, sind sogar spontane Bewerbungsgespräche möglich. 

Das Evangelische Krankenhaus in Gießen hat einen Werbespot produzieren lassen, in dem die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um neue Kolleginnen und Kollegen werben. Der Film läuft in den Kinos der Region. Auf die eigene Belegschaft als Werbeträger setzt auch das Sana-Klinikum Offenbach: Fotos echter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen mit Sprüchen wie "Wir feiern jeden Kollegen" oder "Pflege. Weil ich's kann" zieren Werbebanner, die an verschiedenen Stellen in der Stadt aufgehängt sind. 

Die Hochtaunuskliniken haben ebenfalls eine außergewöhnliche Aktion ins Leben gerufen: Sie garantieren den Kindern ihrer Mitarbeitenden einen Ausbildungsplatz in einer ihrer Kliniken. Das Angebot richte sich vor allem an Jugendliche, die unmittelbar vor dem Schulabschluss stünden. Aber auch Eltern, die derzeit noch kleine Kinder hätten, könnten sich darauf verlassen, dass ihr Nachwuchs bei Interesse später eine Ausbildung in den Hochtaunuskliniken absolvieren dürfe. Und das sind nur einige wenige Beispiele dafür, was sich Hessens Kliniken einfallen lassen, um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sich zu gewinnen.

Gesetze mit Auswirkungen auf die Personalsituation in der Krankenpflege

Auf Bundesebene sind in den vergangenen zwei Jahren mehrere Gesetze verabschiedet worden, die Auswirkungen auf die Personalsituation in der Krankenhauspflege haben und haben werden.

Mit dem 2018 auf Bundesebene beschlossenen Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes (PpSG) wurde die Finanzierung der Pflege im Krankenhaus auf völlig neue Beine gestellt. Im Gesetz ist geregelt, dass jede zusätzliche Pflegestelle am Bett vollständig von den Kostenträgern refinanziert wird. Davor gab es im Rahmen eines früheren Pflegestellenförderprogramms einen finanziellen Eigenanteil der Kliniken von zehn Prozent. Dieser entfällt nun. Darüber hinaus entfällt die für das Förderprogramm gültige Obergrenze: Die Kliniken können so viel neues Pflegepersonal einstellen wie sie wollen. Die Mittel sind allerdings zweckgebunden: Die Häuser müssen nachweisen, dass die Finanzmittel tatsächlich in zusätzliches Pflegepersonal geflossen sind. 

Im PpSG ist außerdem vorgesehen, dass die Krankenhausvergütung ab 2020 auf eine Kombination aus Fallpauschalen und Pflegepersonalkostenvergütung umgestellt wird. Die Pflegekosten sind also ab sofort nicht mehr Teil der Fallpauschale. Die Kostenträger vereinbaren nun mit jedem Krankenhaus ein individuelles Pflegebudget. Auch hier müssen die Kliniken nachweisen, dass die mit den Kassen vereinbarten Mittel tatsächlich in die Finanzierung der Pflegepersonalstellen geflossen sind. Nicht zweckentsprechend verwendete Mittel müssen zurückgezahlt werden.

Pflegepersonaluntergrenzen

Insgesamt dürfte mit dem PpSG das Interesse der Kliniken, neue Pflegekräfte einzustellen, deutlich gestiegen sein. Gleichzeitig sorgen Pflegepersonaluntergrenzen dafür, dass viele Häuser nicht nur einstellen wollen, sondern sogar müssen. Für die als besonders pflegeintensiv geltenden Krankenhausbereiche Intensivmedizin, Geriatrie, Unfallchirurgie und Kardiologie hat der Bundesgesetzgeber zur Sicherung einer qualitativ hochwertigen Pflege im Herbst 2018 per Verordnung festgelegt, wie viele Patienten eine Pflegekraft dort maximal betreuen darf. Seit 1. Januar 2019 müssen die Kliniken diese Werte einhalten. Seit Jahreswechsel 2019/2020 gelten Pflegepersonaluntergrenzen für vier weitere Krankenhausbereiche - in der Herzchirurgie, in der Neurologie, für Neurologische Schlaganfalleinheiten und in der neurologischen Frührehabilitation.