Wie ein Brennglas hat sich während der SARS-CoV-2 Pandemie die Abhängigkeit von ausreichend Pflegefachpersonen in der Gesundheitsversorgung gezeigt. In Sachsen-Anhalt geht es besonders um die Versorgung älterer pflegebedürftiger Menschen. Im Krisenmodus wurde durch das große Engagement der Pflege Enormes geleistet. 

Prof. Dr. Patrick Jahn

Prof. Dr. Patrick Jahn, Leiter der AG Versorgungsforschung/Pflege im Krankenhaus, Universitätsmedizin Halle (Saale) Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiter der AG Versorgungsforschung/Pflege im Krankenhaus, Universitätsmedizin Halle (Saale)

Für die Zeit nach der Krise fehlt aber eine langfristige Strategie, wie der Fachkräftemangel behoben werden kann. Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) berechnet den zusätzlichen Pflegestellenbedarf bis 2030 für die Krankenhäuser auf 63.000 Vollkräfte (plus 20 Prozent), den stationären Pflegebereich 51.000 (plus 21 Prozent) und für die ambulante Pflege sogar auf 73.000 (plus 49 Prozent). Im Kern geht es daher um die Frage, wie die Attraktivität des Pflegeberufes so gestärkt werden kann, dass genügend junge Menschen für die Ausbildung gewonnen und langfristig gehalten werden können. 

Verbesserte Rahmenbedingungen 

Grundlage ist eine bedarfsgerechte Pflegepersonalausstattung, die durch ein Pflegepersonalbemessungsinstrument bestimmt wird. Mit der vom Deutschen Pflegerat, ver.di und der Deutschen Krankenhausgesellschaft entwickelten Pflegepersonal-Regelung (PPR 2.0) ist ein Instrument verfügbar - seit über 13 Monaten wurde aber kein Einsatz beschlossen, sodass erhoffter Stellenaufbau noch ausbleibt. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz ist ein bedeutender Schritt, führt bislang aber nur zum Wettbewerb der Einrichtungen um das wenige Personal. Die Pflegepersonaluntergrenzen wurden auf einem Niveau angesetzt, das sich an den schlechtesten 20 Prozent der deutschen Kliniken orientiert. Die Ausgangslage der Personalausstattung in deutschen Kliniken ist im OECD Ländervergleich eine der schlechtesten. 

Karrierewege tariflich abbilden 

Ein weiteres Ziel muss es sein, fachliche Karrierewege für Pflegefachpersonen in der Patientenversorgung auszubauen und tariflich abzubilden. Modelle wie Advanced Practice Nurse (APN) belohnen fachliche Spezialisierung und Weiterbildung durch mehr Eigenständigkeit und verbessern die Patientenversorgung, auch durch wissenschaftliche Arbeitsweise. 

Viele verlassen nach einem Aufbaustudium leider die Station, weil sie ihre Kompetenzen nicht in einem neuen Tätigkeitsfeld mit entsprechender Vergütung einbringen können. Wir liegen bei der Akademisierung in der Patientenversorgung bei etwa zwei Prozent in den Universitätskliniken. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft avisiert 20 Prozent. 

Digitalisierung bringt Entlastung für mehr "Zeit am Patienten" 

Die Rahmenbedingen können auch durch Digitalisierung positiv verändert werden, wenn dies Robotik und Prozessautomatisierung der unmittelbaren Patientenversorgung miteinschließt. Es wird diskutiert, dass Roboter die Patientenbetreuung übernehmen, jedoch ist die Mensch-Roboter-Interaktion dazu zu wenig entwickelt. Ein aktueller Ansatzpunkt und Investitionsbereich sollte daher die Automatisierung der Prozesse um die unmittelbare Patientenversorgung herum sein, beispielsweise Reinigungstätigkeiten, Schränke befüllen, Tabletten stellen. Auch aus eigenen Untersuchungen wissen wir, dass darin die größten Entlastungswünsche der Kolleg*innen bestehen und diese so mehr Zeit für ihre Patienten gewinnen möchten. Das kann aber nur gelingen, wenn die Pflege selbst diesen Prozess definiert und steuert. 

Gerade mit Strukturwandel-Projekten wie der "Translationsregion für Digitalisierte Gesundheitsversorgung - TDG“ können wir mit interprofessionellen Forschungsansätzen - mit Perspektive der Pflegeforschung - in Sachsen-Anhalt im Bereich Digital Health Vorreiter werden und ein Innovationsökosystem schaffen, in denen wirtschaftliche und soziale Innovationen zusammenliegen. 

Verbesserte Ausbildung 

Die Ausbildungsreform des Pflegeberufegesetzes bietet die Chance, digitale Kompetenzen in der Ausbildung zu verankern. Das müssen wir nutzen. Wichtig ist ein ergänzendes Investitionsprogramm, dass das Praxislernen für die digital-assistiven Technologien auch in Future Care Labs erlebbar macht. An unserem Dorothea-Erxleben-Lernzentrum haben wir bereits ein solches Labor umgesetzt.   

Mit dem Pflegeberufegesetz wurde auch die akademische Ausbildung regelhaft etabliert. Dass es bisher nur wenige primärqualifizierenden Studiengänge gibt, liegt an vielen Unwägbarkeiten, zum Beispiel fehlende einheitliche Regelung zur Praxisvergütung. Da muss dringend nachgebessert werden. Wir haben mit dem Studiengang "Evidenzbasierte Pflege“ 2016 begonnen. Ein Studium führt zwar zu mehr wissenschaftlicher Reflexion, aber per se nicht zu mehr Eigenständigkeit in Entscheidungen. Unser Studium ist daher das erste in Deutschland, welches mit den Möglichkeiten der Heilkundeübertragung erweitert wurde. Aktuell fehlt es noch an politischer Unterstützung, dies auch in der Fläche umzusetzen und berufliche Perspektiven zu schaffen. Für die Versorgung von Patienten mit Diabetes Mellitus Typ II oder chronischen Wunden in Sachsen-Anhalt wäre dies ein wichtiger Beitrag. 

Stärkung der Eigenverantwortlichkeit 

Letztlich führt das zu mehr Eigenverantwortlichkeit und Sichtbarkeit des Pflegeberufes, weil es auch der Verantwortung entspricht, die viele Kolleg*innen in der täglichen Arbeit bereits übernehmen. Im politischen Prozess gehört dazu auch eine angemessene Interessenvertretung, die es ermöglicht auch entsprechend der Bedeutung der Berufsgruppe für deren Interessen zu streiten. Wir wollen und können dies selbst tun und brauchen weiterhin auch politische Partner, die uns darin unterstützen. 

Zur Person

Patrick Jahn verbindet als Pflegeforscher und neu berufener Professor Forschung und Lehre mit der Krankenversorgung auch für den Bereich der Pflege. Er ist ausgebildeter Krankenpfleger, hat als solcher unter anderem auch in Israel gearbeitet und danach an der Universität Halle und McMaster University Hamilton Kanada, Pflege- und Gesundheitswissenschaften studiert. Seine Schwerpunkte sind Förderung des Selbstmanagements der Patienten und der patientenzentrierten Integration von digital-assistiven Technologien und Robotik in die Gesundheitsversorgung. Er leitet unter anderem das BMBF-geförderte Strukturwandelprojekt „Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung“