In der Altenpflege ist es in den letzten vier Jahren gelungen, mehr als 100.000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu besetzen. Die Ausbildungszahlen wurden von Jahr zu Jahr um mehr als 10 Prozent gesteigert und waren noch nie so hoch wie heute. Gleichzeitig wächst die Zahl der pflegebedürftigen Menschen so schnell, dass deutliche Versorgungslücken sichtbar werden. Kurzzeitpflegeplätze zur Entlastung der pflegenden Angehörigen fehlen, ambulante Pflegedienste können keine weiteren Patienten annehmen, Pflegeheime führen Wartelisten.

Die Politik reagiert mit dem Versprechen auf bessere Bezahlung, obwohl die Gehälter der Pflegekräfte doppelt so schnell steigen als im Durchschnitt der Branchen. Daneben wird eine stärkere Regulierung bevorzugt, aktuell beim Beharren auf einer nicht wissenschaftlich begründbaren Fachkraftquote oder bei der Absicht, zusätzliches Personal nur dann zu finanzieren, wenn es sich um Fachkräfte handelt. Ganz nach der Devise: Lieber den Pflegeheimen kein zusätzliches Personal geben als auf die anspruchsvollste - aber unrealistische - Variante zu verzichten. Kürzlich wurden auf einer Fachveranstaltung 14 Schlüsselfaktoren zur Personalgewinnung präsentiert. Bundesregierung und Bundestag setzen andere Schwerpunkte.

Zudem brauchen wir eine ehrliche Diskussion über die Arbeitsbedingungen. Sehr prominent ist immer die Forderung nach familienfreundlichen Arbeitszeiten. In den Pflegeunternehmen sind wir mit diesen Fragen jeden Tag beschäftigt und ringen um individuelle attraktive Lösungen. Nicht unerwähnt bleiben darf aber, dass die Arbeitszeiten sich in allererster Linie am Pflege- und Betreuungsbedarf der betroffenen Menschen orientieren müssen. Dieser besteht nicht nur zwischen 8:00 und 16:30 Uhr, sondern mit besonderen Schwerpunktzeiten an 24 Stunden am Tag, in 365 Nächten, an 52 Wochenenden und ja, auch an allen Feiertagen.

Wir müssen uns entscheiden, ob kluge Lösungen unterstützt werden, die eine flächendeckende Versorgung ermöglichen. Werden die jetzigen Pläne umgesetzt, hat dies die Rationierung der Altenpflege zur Folge. Sich von guten Wünschen leiten zu lassen und die Realität zu ignorieren führt nur dazu, dass die Pflegenden vor Ort Kritik ernten statt Unterstützung, die sie allemal verdient haben.