Nach der generalistischen Ausbildung sollen sich die angehenden "Pflegefachfrauen" und "Pflegefachmänner" spezialisieren.

Diese Pläne haben, besonders in Thüringen, sehr unterschiedliche Meinungen hervorgerufen. Sie reichen von "längst überfällig" bis "bloß nicht". Prof. Dr. Stephan Dorschner findet die Änderung gut.

Pro: Herausforderungen im interdisziplinären Zusammenspiel aller Gesundheitsberufe lösen

Unsere Gesellschaft steht in der Gesundheitsversorgung vor großen Herausforderungen, die nur im interdisziplinären Zusammenspiel aller Gesundheitsberufe lösbar sind. So führt die steigende Lebenserwartung zu einer Zunahme von chronischen Krankheiten und Pflegebedürftigkeit. Hier gewinnt Pflege rasant an Bedeutung. Gleichzeitig zeichnet sich schon jetzt ein Fachkräftemangel ab. Die Situation wird sich weiter verschärfen, wenn es nicht gelingt, Pflege als Beruf attraktiver zu machen.

Zu einer Attraktivitätssteigerung würde vor allem eine grundlegende Reform des Pflegeberufs beitragen. Kernstück muss dabei die Etablierung eines einheitlichen - generalistischen - Pflegeberufs in Deutschland sein, der gleichberechtigt als berufliche oder als hochschulische Ausbildung erlernt werden kann.

Menschen, die noch vor 30 Jahren mit bestimmten "Kinder"-Krankheiten (zum Beispiel Mukoviszidose) das Erwachsenenalter nicht erreicht haben, können heute mit diesen Krankheiten alt werden. Zunehmend kommen hochaltrige, multimorbide, pflegebedürftige Menschen zur Behandlung ins Krankenhaus, Pflegefachpersonen im Krankenhaus oder in der Rehabilitationsklinik müssen sich deshalb umfassend mit Phänomenen des Alterns und Erkrankungen des Alters auskennen. Demenz ist dafür nur ein Beispiel.

Aktuelle Unterteilung wird demografischer Situation nicht gerecht

Pflegefachpersonen in der Langzeitpflege müssen auch über umfassende Kenntnisse der Erkrankungen des alten Menschen verfügen, um zum Beispiel Krankenhausaufenthalte von Pflegeheimbewohnern zu vermeiden oder zu reduzieren. Eine Einteilung der Pflege in Kinderkrankenpflege, Krankenpflege, Altenpflege wird diesen Entwicklungen nicht mehr gerecht.

Heute wird in unserem Land nicht infrage gestellt, dass eine gute Ärztin oder ein guter Arzt zunächst Medizin studiert und sich erst in einem zweiten Schritt nach dem Staatsexamen im Rahmen einer Facharztausbildung/ Zusatz-Weiterbildung spezialisiert. Eine zukunftsfähige Pflegeausbildung wird genau diesem Muster folgen müssen: erst eine generalistische Grundausbildung und in einem zweiten Abschnitt die Spezialisierung auf bestimmte Bereiche - lebensaltersbezogen, krankheitsbezogen oder dienstleistungsbezogen. In der akademischen Ausbildung von Pflegenden finden die generalistische Ausbildungsphase und gegebenenfalls erste Spezialisierungen im Rahmen des Bachelorstudiums statt, die Spezialisierung erfolgt auf Masterniveau.

Mein Fazit: Wenn Pflegequalität auch zukünftig auf dem bisherigen Niveau angeboten werden soll, gibt es zu einer generalistischen Pflegeausbildung vor dem Hintergrund der demografischen Herausforderungen und der internationalen Entwicklungen des Pflegeberufs keine Alternative.

Zur Person

Der Krankenpfleger und Diplom- Medizinpädagoge Prof. Dr. Stephan Dorschner ist Gründungsdekan des Fachbereichs Gesundheit und Pflege an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Dort lehrt er als Professor Theorie und Praxis der Pflege. Dorschner ist außerdem Direktor des Georg-Streiter-Instituts für Pflegewissenschaft.