TK: Was müsste sich ändern, damit Pflegeheime ideale Bedingungen für Pflegende anbieten können? 

Georg Sigl-Lehner: Pflegeheime in ganz Deutschland leiden unter dem zunehmenden Druck des Fachkräftemangels. Die Personalnot lässt sich längst nicht mehr durch einfache Maßnahmen beseitigen. Fest steht: Wir bekommen sie nur in den Griff, wenn wir die Rahmenbedingungen attraktiver gestalten. Dazu müsste von institutioneller Seite der beruflichen Pflege grundsätzlich mehr Vertrauen entgegengebracht werden und die überbordende Regulierung mit unzähligen Kontrollmechanismen endlich aufhören, damit sich Pflegekräfte wieder stärker auf ihre eigentliche Aufgabe, die Pflege, konzentrieren können.

Zudem müssen dringend wissenschaftlich fundierte Instrumente zur Ermittlung des tatsächlichen Pflegepersonalbedarfs entwickelt und implementiert werden, auf deren Grundlage man auch den Personalmix aus Pflegefachpersonen, Pflegehilfs- und Betreuungspersonal sowie anderen Professionen neu denken kann.

Doch nicht nur äußere Faktoren spielen dabei eine Rolle, so sind auch die Führungsstrukturen in den Einrichtungen nicht unwichtig und sollten vor diesem Hintergrund kritisch beleuchtet werden. Verlässliche Dienstpläne sind ebenso entscheidend für eine erfolgreiche Personalarbeit wie flexible Arbeitszeitmodelle. Es gibt also etliche Stellschrauben, die in einem umfassenden Maßnahmenplan dringend berücksichtigt werden müssen.

Georg Sigl-Lehner

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Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern

Von institutioneller Seite müsste der beruflichen Pflege grundsätzlich mehr Vertrauen entgegengebracht werden.
Georg Sigl-Lehner

TK: Wie gelingt es, dass Pflegende bis zum Renteneintritt arbeiten können und wollen?

Sigl-Lehner: Wenn es uns gelingt, neben der Personalknappheit auch der zunehmenden Arbeitsverdichtung ein Ende zu setzen, wäre schon viel zur Entlastung der Pflegenden erreicht. Es gibt außerdem bereits ein paar gute Work-Life-Balance-Konzepte wie zum Beispiel das der AWO, die viel häufiger umgesetzt werden könnten. Großes Potenzial sehen wir auch bei der Gesundheitsförderung und noch mehr bei der betrieblichen Gesundheitsvorsorge. Hilfreich wären in diesem Zusammenhang auch spezielle Altersteilzeitmodelle für Pflegeberufe, die einen früheren Renteneintritt ohne finanzielle Einbußen ermöglichen würden.

TK: Was sollte man beachten, wenn man ausländische Fachkräfte für die Pflege in Deutschland anwirbt?

Sigl-Lehner: In der aktuellen Lage werden wir nicht darauf verzichten können, ausländische Pflegefachkräfte anzuwerben, allerdings nicht ohne schon im Vorfeld etwaige sprachliche Barrieren und bürokratische Hürden zu überwinden. Es muss in den jeweiligen Einrichtungen klar sein, wie die Integration bewältigt wird und wer die damit verbundenen Aufgaben stemmen kann. Die Frage, welches Pflegeverständnis die Kolleginnen und Kollegen aus ihrem Heimatland mitbringen, ist ebenfalls ganz entscheidend für den Erfolg solcher Maßnahmen. Nicht zuletzt spielt auch die Situation im Herkunftsland eine Rolle: Verkraftet die Pflegelandschaft dort dauerhaft die Abwanderung von Fachkräften? Wir dürfen unsere Probleme nicht auf Kosten anderer Länder lösen. Das verbietet im Übrigen auch ICN-Code (International Council of Nursing).

Wir dürfen unsere Probleme nicht auf Kosten anderer Länder lösen.
Georg Sigl-Lehner

TK: Warum ist die Akademisierung des Pflegeberufes auch nicht das Allheilmittel für den Fachkräftemangel?

Sigl-Lehner: Die professionelle Pflege hat in Deutschland keine akademische Tradition, das ist vor allem bei unseren europäischen Nachbarn größtenteils anders. Das notwendige Pflege-Fachwissen hat an Komplexität derart zugenommen, dass eine zunehmende Akademisierung auch in Deutschland zwingend erforderlich ist und insbesondere in Bayern werden die Angebote derzeit massiv ausgebaut. Aktuelle Studien und Vergleiche mit Skandinavien zeigen, dass Investitionen in die akademische Ausbildung sowie in Fort- und Weiterbildung den Beruf attraktiver machen und durchaus ein probates Mittel gegen den Fachkräftemangel sind. Doch abgesehen davon, dass auch der Fachkräftemangel kein deutsches Phänomen ist und die Länder mit ausschließlich akademischer Pflegeausbildung ebenfalls darunter leiden, greifen solche Investitionen nur langfristig. Wir können es uns aber nicht leisten, darauf zu warten, sondern müssen jetzt schon Maßnahmen angehen, die kurz- und mittelfristig wirksam sind.

TK: Würde eine bessere Bezahlung auch die Qualität der Pflege verbessern?

Sigl-Lehner: Eine angemessene Entlohnung trägt allein dadurch zu einer Qualitätsverbesserung bei, dass der Beruf für breite Schichten wieder interessant und attraktiv wird. Mehr gut ausgebildetes Pflegepersonal in den Wohnbereichen und auf den Stationen in den Kliniken bedeutet für die einzelne Fachkraft mehr Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die Pflege des Patienten oder Bewohners. Und weil das keine singuläre Lösung für eine Einrichtung sein kann, muss auch ganz dringend ein Flächentarifvertrag her, der an bestehende Tarif-Vereinbarungen wie beispielsweise den TVöD anknüpft. Es sollte sich von selbst verstehen, dass jemand, der so eine hohe Verantwortung übernimmt, von seinem Gehalt auch gut leben kann.

Es gibt aber durchaus Bereiche, in denen sowohl die Robotik als auch die Digitalisierung unterstützend eingesetzt werden können. 
Georg Sigl-Lehner

TK: Was bringt eine bessere Bezahlung, wenn Pflegekräfte in Städten wie München keine Wohnung finden?

Sigl-Lehner: Das ist in der Tat ein Problem für viele Einrichtungen in den Ballungsräumen. Da sind die Kommunen in besonderer Weise gefordert, für mehr Wohnraum zu sorgen und ihn auch für Pflegende leichter zugänglich zu machen. Dieses Anliegen gehört auch zu den Themen, die wir in unsere Netzwerke und Gespräche mitnehmen. Andererseits ist das ja kein pflegespezifisches Problem, insofern sind hier auch mutige politische Entscheidungen erforderlich.

TK: Unter welchen Voraussetzungen würden Pflege-Roboter und andere digitale Hilfsmittel Pflegende entlasten?

Sigl-Lehner: Ob man nun ein Freund der Digitalisierung ist oder nicht, es lässt sich nicht leugnen, dass sie auch die professionelle Pflege entlasten kann. Allerdings nicht im Pflegeprozess am Bewohner oder Patienten. Denn Pflege ist und bleibt in erster Linie ein Interaktionsprozess von Mensch zu Mensch. Es gibt aber durchaus Bereiche wie die Dokumentation, Hol- und Bringdienste, Reinigung und auch die Erhöhung der Patientensicherheit durch sensorische Hilfsmittel, in denen sowohl die Robotik als auch die Digitalisierung unterstützend eingesetzt werden können. Nicht zu unterschätzen ist auch das Entlastungspotenzial in der ambulanten Pflege durch verbesserte und für Patienten leicht zugängliche digitale Netzwerke, die in Versorgungsstrukturen zum Beispiel in ländlichen Gebieten integriert werden können.

TK: Wer soll all die von der Bundespolitik geplanten Maßnahmen gegen den Pflegenotstand bezahlen? 

Sigl-Lehner: Das ist eine wahre Gretchenfrage: Ist die Gesellschaft bereit, die Lasten der pflegerischen Versorgung nach dem Solidaritätsprinzip zu tragen? Oder werden sie schlicht auf die Schultern derer abgeladen, die auf pflegerische Versorgung angewiesen sind? Auch Angehörigen ist das schon jetzt stetige Wachstum der finanziellen Belastung nicht zuzumuten.

TK: Wie lautet Ihre Lösung gegen den Pflegenotstand?

Sigl-Lehner: Einfache Lösungen oder schnelle Patentrezepte gibt es da nicht. Dazu bedarf es der Zusammenarbeit und Anstrengung aller Akteure aus Politik und Verbänden. Die pflegerische Versorgung muss zwingend ganz neu organisiert werden, zum Beispiel durch die Schaffung regionaler Netzwerke und besserer Infrastruktur und auch durch die Auflösung der noch immer vorhandenen Sektorengrenzen zwischen ambulanter, stationärer und Langzeitpflege. Das darf nicht am Ende an den Finanzen scheitern. Das gesamte Finanzierungssystem gehört neu durchdacht, reguliert und - besonders wichtig natürlich - auch deutlich besser ausgestattet. 

Zur Person

Georg Sigl-Lehner ist Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), die als Körperschaft des öffentlichen Rechts die Stimme der bayerischen Pflegenden ist. Der Niederbayer begann seine berufliche Laufbahn in der Pflege 1983 mit einer Ausbildung zum staatlich geprüften Krankenpfleger. Der Ausbildung folgten einige Jahre in der Anästhesiepflege sowie anschließend als Lehrer für Pflegeberufe. Seit fast 15 Jahren ist Sigl-Lehner inzwischen als Einrichtungsleiter in der Langzeitpflege tätig. Er ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft Geriatrie und Gerontologie (DGGG). Als VdPB-Präsident ist er zudem in zahlreichen pflegefachlichen und-politischen Gremien aktiv.