TK spezial: Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Schmidtke, was ist für Sie das wichtigste Thema, das sie im Gesundheitsausschuss des Bundestags unbedingt angehen wollen?

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Prof. Dr. Claudia Schmidtke

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Ich bin über den politischen Tatendrang für die Pflege sehr froh. Der Fachkräftemangel ist in der Pflege allgegenwärtig. Der Pflegenotstand ist ein zentrales und natürlich emotionales Thema. Es wurde Zeit, dass etwas passiert. Und es fühlt sich gut an, unsere Wahlversprechen diesbezüglich auch gleich umzusetzen. Mit der Notfallversorgung kann es so auch nicht weitergehen. Die überfüllten Ambulanzen sind mir bestens bekannt und behindern eine qualitativ hochwertige Behandlung. Eine gemeinsame Sicherstellung durch die Landeskrankenhausgesellschaften und die Kassenärztlichen Vereinigungen in gemeinsamer Finanzierungsverantwortung ist bei der Novellierung der Notfallversorgung das Ziel. Die Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist mir persönlich wichtig. Sie sind nach wie vor die häufigste Todesursache in Deutschland und werden politisch wenig beachtet.

Als tragisch empfinde ich den Tiefstand von Organtransplantationen im vergangenen Jahr in Deutschland. Das Thema liegt mir, im wahrsten Sinne des Wortes, besonders am Herzen. Wir sollten eine verbindliche Regelung treffen, die jede und jeden einzelnen von uns dazu verpflichtet, sich zu entscheiden, ob eine Bereitschaft zur Organspende besteht. Weitere unterstützende Maßnahmen sind die Beauftragung von Transplantationsbeauftragten und eine angemessene Vergütung der Explantationen.

TK spezial: Um den Pflegenotstand in Altenpflege und Akutpflege abzuwenden, fordern wir einen Masterplan für die Pflege. CDU und SPD haben der Pflege im Koalitionsvertrag einen großen Stellenwert zugeordnet. Welche Maßnahmen müssen aus Ihrer Sicht vorrangig umgesetzt werden, um dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenwirken?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Wir brauchen dringend Nachwuchs. Wenn Fachkräfte fehlen, bleiben auch die im „Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege“ vereinbarten 13.000 zusätzlichen Stellen unbesetzt. Flächendeckende Tariflöhne in der Altenpflege und eine Angleichung des Pflegemindestlohns in Ost und West sind meiner Meinung nach wesentliche Maßnahmen. Das wird die geplante Ausbildungsoffensive unterstützen. Denn auch eine angemessene Entlohnung trägt maßgeblich zur Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufes bei. Aber auch das geplante Wiedereinstiegsprogramm, mehr Anreize für eine Rückkehr von Teil- in Vollzeit sowie eine bessere Gesundheitsvorsorge für Beschäftigte werden dem Fachkräftemangel gezielt entgegenwirken.

TK spezial: Pflegende Angehörige versorgen in Deutschland einen Großteil der Pflegebedürftigen. Welche Unterstützungsangebote halten Sie für notwendig, um diese stark belasteten Angehörigen zu unterstützen und so eine Pflege von Menschen in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Pflegende Angehörige sind in der Tat eine tragende Säule unseres Pflegesystems. Wir können es uns nicht leisten, diese aus dem Blick zu verlieren. Fehlende Zeit, Versagensängste und die Einschränkung der Privatsphäre sind in hohem Maße seelisch belastend. Hinzu kommt die körperliche Anstrengung durch die Pflege selbst. Die dreistufige Pflegereform hat die Entlastungsmöglichkeiten bereits stark ausgebaut. Das finde ich wichtig. Und hier setzen wir mit einem jährlichen Entlastungsbudget mit Angeboten zur Kurzzeit- und Verhinderungspflege sowie in der Tages- und Nachtpflege fort.

TK spezial: Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe soll bis 2020, ausschließlich orientiert am medizinisch-pflegerischen Bedarf der Patienten, Vorschläge für die Weiterentwicklung zu einer sektorenübergreifenden Versorgung unter Berücksichtigung der telematischen Infrastruktur entwickeln. Welche Vorschläge würden Sie in eine solche Bund-Länder-AG einbringen und welche Erwartungen haben Sie?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Ich erwarte eine praxisnahe Auswahl an Teilnehmern und hoffe deshalb auf gut umsetzbare Lösungsmöglichkeiten. Der Auftrag ist äußerst anspruchsvoll und wird viele Perspektiven benötigen. Ich möchte mich aus diesem Grund mit Empfehlungen zurückhalten. Aber die völlig verschiedenen Finanzierungssysteme sind definitiv reformbedürftig. Die Bund-Länder-AG ist die richtige Methode, das hat die Vergangenheit gezeigt.

TK spezial: Die Digitalisierung ist in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens zu spüren. Auch im Gesundheitswesen schreitet sie unaufhaltsam voran. Für wie wichtig halten Sie digitale medizinische Versorgungsangebote der Telemedizin für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Ich halte derartige Versorgungsangebote für unabdingbar. Besonders natürlich in den ländlichen Regionen. Es wird Zeit, dass das Potenzial der Digitalisierung genutzt wird. Zeitersparnis durch Bürokratieabbau und Fernkonsultationen in strukturschwachen Regionen sind nur zwei von vielen Chancen. Die Ressource Zeit ist in der Medizin ein hohes Gut. Die Digitalisierung verbessert den Zugang zu Behandlungsangeboten und bringt den Arzt in das kleinste Dorf. Auch der Landarzt kann dank digitaler Kommunikation seine Entscheidungen fachärztlich absichern lassen. Untersuchungen zeigen, dass ein solches Angebot, die Entscheidung ländlich zu praktizieren, unterstützt.

TK spezial: Die TK hat kürzlich ihre elektronische Gesundheitsakte "TK-Safe" vorgestellt. Diese soll unter anderem die Daten der Versicherten mit denen anderer Akteure im Gesundheitswesen verbinden und so eine bessere Zusammenarbeit von Ärzten und Kliniken ermöglichen. Dazu muss auch die Telematikinfrastruktur zügig ausgebaut und die Interoperabilität gewährleistet sein, damit Daten effektiv genutzt und werden können. Wie wollen Sie die Voraussetzungen dafür schaffen und welche Standards müssen nach Ihrer Meinung gesetzt werden?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Über die genaue Ausgestaltung der Herstellung von Interoperabilität wird derzeit viel diskutiert, einiges ist möglich. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Alle Möglichkeiten müssen intensiv geprüft werden, das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Deswegen werden wir den Austausch unter Experten systematisch fördern. Die wichtigste Voraussetzung für eine stabile Telematikinfrastruktur ist der Breitbandausbau. In den letzten Jahren gab es bereits milliardenschwere Förderprogramme und auch in der neuen Legislatur wird der Breitbandausbau eine prioritäre Aufgabe. Der Datenschutz ist im Gesundheitswesen von großer Bedeutung. Der Patient muss in jedem Fall die Hoheit über seine sensiblen Daten behalten. Nutzerfreundlichkeit sollte ebenso ein Standard bei neuer Software sein.

TK spezial: Die Koalition will den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) mit dem Ziel eines fairen Wettbewerbs weiterentwickeln und manipulationssicher machen. Die TK fordert faire und einheitliche Wettbewerbsbedingungen. Dazu braucht es eine Veränderung der Krankheitsauswahl hin zu schweren Erkrankungen mit hohen Fallkosten und die Beseitigung von Manipulationsanreizen. In welche Richtung gehen Ihre Vorstellungen zur Weiterentwicklung des Morbi-RSA?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Das aktuelle RSA-Verfahren ist eines der zielgenauesten seit Einführung eines Ausgleichssystems in Deutschland und überzeugt auch im internationalen Vergleich. Trotzdem ist es ein lernendes System und muss weiterentwickelt werden. Eine gesetzliche Verpflichtung zu einer regelmäßigen gutachterlichen Überprüfung wird die stetige Optimierung zukünftig sicherstellen. Das Bundesgesundheitsministerium will zeitnah ein Konzept zur Reform des Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs vorlegen. Dieses ist abzuwarten.

Zur Person

Seit 2017 ist Prof. Dr. Claudia Schmidtke Mitglied im Deutschen Bundestag (CDU) und unter anderem auch Mitglied im Ausschuss für Gesundheit. Die gebürtige Neumünsteranerin ist seit 2015 Mitglied der CDU und stellvertretende Vorsitzende des Landesfachausschusses Gesundheit der CDU Schleswig-Holstein. Die Medizinerin war unter anderem als Oberärztin für Herz- und Gefäßchirurgie am UKSH Campus in Lübeck tätig. Seit April 2014 ist sie Chefarztstellvertreterin und leitende Oberärztin der Herz- und Gefäßchirurgie am Herzzentrum Bad Segeberg.