TK: Wie intensiv beschäftigt sich der Sachverständigenrat Gesundheit aktuell mit der Weiterentwicklung der Pflege beziehungsweise der Pflegefinanzierung?

Prof. Dr. Gabriele Meyer: Das aktuelle Gutachten ist der Digitalisierung im Gesundheitswesen gewidmet. Natürlich betrifft das auch die Weiterentwicklung der Pflegeorganisation, die Aus- und Weiterbildung in der Pflege und die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und den Patient*innen. Ein Gutachten des Sachverständigenrats, das allein die Pflege und deren Finanzierung behandelt, gab es bisher noch nicht. Ich würde mir ein solches natürlich wünschen, denn immerhin macht die Pflege die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen aus, und der universelle Bedarf an Pflege nimmt zu. Der Sachverständigenrat entwickelt seine Gutachten immer über einen längeren Zeitraum; so werden in einer Amtsperiode von vier Jahren maximal zwei Gutachten verfasst. Der Rat arbeitet nicht tagesaktuell, und das ist auch nicht sein gesetzlicher Auftrag. 

Es gab in der Vergangenheit tatsächlich etliche Gutachten des Sachverständigenrats, in denen Pflege ausführlich und vor allem wirkungsvoll behandelt wurde, so unter anderem im Gutachten von 2007 mit dem Titel "Kooperation und Verantwortung - Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung“ oder im Gutachten von 2014 zum Thema "Bedarfsgerechte Versorgung - Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche“. Auch das letzte Gutachten mit dem Titel "Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ unterstreicht neuerlich die alte Forderung nach Heilkundeübertragung. Gute Dinge haben Weile und ob ein Vorschlag des Sachverständigenrats aufgenommen wird, politisch prozessiert und ob dieser dann auch wirksam wird, das ist nicht konkret vorherzusagen und liegt außerhalb der Einflussnahme des Sachverständigenrats.

Prof. Dr. Gabriele Meyer

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Mitglied im SVR zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

TK: Was hat sich während der Corona-Pandemie im Pflegebereich verändert und welche Erkenntnisse und Lehren lassen sich daraus ziehen?

Meyer: Die Corona-Pandemie hat wie im Brennglas die Probleme rund um die Zukunftssicherung der Pflege in Deutschland verdeutlicht und Auswirkungen auf alle Arbeitsbereiche der Pflege. Zu den alltäglichen Anforderungen kamen nun die Aufgaben des Infektionsschutzes und sonstige Anpassungen der Arbeitsabläufe sowie die Aufklärung über präventive Maßnahmen. Die Pflegenden in Krankenhäusern unterschiedlicher Regionen Deutschlands waren sicher verschieden stark und lange belastet. In einigen Bereichen wurden umgehend Kurzfortbildungen entwickelt. So erhielten zum Beispiel Pflegefachpersonen ohne Intensiverfahrung Grundlagenwissen zur Beatmung und Symptomkontrolle bei Patient*innen mit COVID-19. 

In der ambulanten Pflege und in den Pflegeheimen war zunächst große Improvisation vonnöten in Anbetracht des Mangels an Schutzkleidung und auch des Wegfalls von Angeboten wie Tagesklinik, von Betreuungskräften aus osteuropäischen Ländern, von zugehenden Angeboten in Heimen und aufgrund sozialer Distanz. Um die Heime zu unterstützen und bei bestem Infektionsschutz auch soziale Teilhabe und Lebensqualität zu ermöglichen, haben Pflegewissenschaftler*innen unter Koordination der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft kürzlich eine Leitlinie entwickelt.

Die Bedingungen, die den Pflegeheimen durch Anordnung zugemutet wurden und von einigen Einrichtungen über das Maß hinaus gestreng durchgesetzt wurden, sind nicht akzeptabel und dürfen sich in der Zukunft nicht wiederholen. Pflegeheimbewohner*innen sind ohnehin in ihren sozialen Kontakten depriviert und in besonderem Maße auf Kontaktpflege mit nahestehenden Menschen angewiesen. Eine Kontaktsperre über mehrere Wochen bis Monate verletzt ihre Persönlichkeitsrechte und in anderer Hinsicht ihre Unversehrtheit. 

Bei aller Vorläufigkeit können einige Lerneffekte für die Pflege abgeleitet werden. So ist beispielsweise nicht nachvollziehbar, warum unter Pandemiebedingungen ganz ohne Not die Befugnis zur Ausübung von heilkundlichen Tätigkeiten auf Pflegende übertragen wird, während ansonsten die Umsetzung des § 63 Abs. 3c SGB V in der letzten Dekade systematisch blockiert wurde. Die Wirksamkeit und Sicherheit der Heilkundeübertragung auf spezifisch ausgebildete Pflegende ist in internationalen Studien belegt. Eine kürzlich publizierte Stellungnahme von zwölf Pflegeorganisationen fordert die regelhafte Etablierung heilkundlicher Kompetenzerweiterung für Pflegende und Versorgungskonzepte, wie sie zum Beispiel mit einer Advanced Practice Nurse möglich und international etabliert sind. 

Deutlich wurde auch, dass die Einrichtung von Pflegeberufekammern jetzt ohne Verzögerung vorangetrieben werden muss. Ein exakter Überblick über die Anzahl, Qualifikation und Erreichbarkeit von Pflegefachpersonen ist unabdinglich. In Pflegeberufekammern wären die Pflegefachpersonen registriert, und die kontinuierliche Qualifikation wäre gesichert. 

Die prekäre Personalunterausstattung in den Pflegesettings wurde durch die Pandemie offenbar. Dieser Problemlage ist nicht nur mit zusätzlichen Hilfskräften zu begegnen, wie es der Referentenentwurf des Versorgungsverbesserungsgesetzes vorsieht. Vielmehr bedarf es eines begründeten Skill-Mix, auch mit akademisch ausgebildeten Pflegenden in allen Pflegesettings, sowie validierter Pflegepersonal-Bemessungsinstrumente und Personalvorgaben, die sich nicht am Mindeststandard orientieren und zudem nicht leicht zu unterminieren sind. 

Komplexe Versorgungsbedarfe, wie sie auch unter nicht-pandemischen Bedingungen bestehen, erfordern hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen. In der Stellungnahme wird daher die regelhafte Einrichtung pflegewissenschaftlicher Professuren an allen Universitätskliniken und medizinischen Hochschulen sowie eine konsequente Erhöhung des Anteils hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen gefordert. Über viele Jahre gab es hierzulande keinerlei spezifische Förderung der universitären Pflegeforschung. Pflegewissenschaftlicher Nachwuchs ist rar, Professuren können kaum besetzt werden, und die Standorte buhlen um die wenigen qualifizierten Bewerber*innen. Die weitere Professionalisierung der Pflegefachberufe benötigt eine leistungsfähige, hochqualifizierte wissenschaftliche Bezugsdisziplin. 

TK: Welche digitalen Anwendungen und Produkte haben aus Ihrer Sicht im Pflegealltag das Potenzial, die Attraktivität des Pflegeberufs generell zu erhöhen?  

Meyer: Die aussichtsreichen Potenziale digitaler Anwendungen in der Pflege liegen nicht nur in Messenger-Diensten für Absprachen im Pflegeteam, wie sie bereits vielerorts in der Pflege ganz selbstverständlich benutzt werden. Auch tragbare Geräte zur Speicherung und zum Austausch von Daten, zum Beispiel Tablets, Smartphones oder Smartwatches zur Erhebung, zum Abrufen und Versenden von Daten in Patientennähe oder für die Erinnerungsfunktion werden sicher bald alltägliche Kommunikationspraxis in der Pflege werden. 

Die Attraktivität des Pflegeberufs kann meines Erachtens durch bisher unterentwickelte digitale Anwendungen gesteigert werden, wie etwa durch den Zugang zu wissenschaftsbasierten Entscheidungshilfen, welche die beste Evidenz für das aktuelle Pflegehandeln niederschwellig digital bereitstellen. Was wirklich Potenzial haben sollte, das sind Fort- und Weiterbildungen, die gleichberechtigt zu Präsenzveranstaltungen digital erfolgen und damit die Zugangsmöglichkeiten entscheidend verbessern.

Eine echte Innovation können auch Modelle werden, in denen spezifisch geschulte Pflegende in ländlichen Gebieten mittels telemedizinischer Konsultation Patient*innen bei Ärzt*innen vorstellen, Echtaufnahmen von Wundbefunden und anderen körperlichen Eindrücken übermitteln, mobile Röntgenaufnahmen zur Interpretation freigeben und so weiter und somit die Versorgungssituation in pflegerischer Verantwortung optimieren. 

TK: In diesem Jahr endet der erste Studiengang "Evidenzbasierte Pflege" an der MLU Halle-Wittenberg. Welches Resümee ziehen Sie aus diesem ersten Jahrgang? 

Meyer: Gerade haben wir die ersten Bachelorarbeiten auf dem Tisch liegen, die auf Begutachtung warten. Inzwischen werden wir darüber hinaus im Herbst den fünften Matrikel immatrikulieren. Wir haben viel gelernt, zusammen mit den Studierenden des ersten Jahrgangs, unsere Prozesse reflektiert, auch mit Unterstützung eines externen Institutes zur Evaluation und eines Beirates. 

Einen neuen Studiengang aufzulegen, das ist immer ein Abenteuer; einen, der eine Ausbildung mit einem Bachelorstudium verbindet und zudem noch durch die Heilkundeübertragung in zwei Bereichen ein Modellstudiengang ist, das ist ein wirklich "dickes Brett“. Es gab keine Vorbilder hierzulande, dafür aber viele regulatorische Anforderungen. Wir mussten uns daran gewöhnen, Studierende, die gerade die allgemeine Hochschulreife absolviert haben, also 18 Jahre und ein wenig mehr sind, zu begleiten. In unserem vorherigen Bachelorstudiengang hatten wir es mit berufserfahrenen Pflegenden zu tun.

Es gab viele Abstimmungsbedarfe zwischen dem Einsatzort Praxis, den Praxisanleiter*innen, dem Ausbildungszentrum, mit den Dozent*innen aus der Medizin sowie mit den externen Einsatzorten. Ich denke, wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem wir sagen können: So geht es! Unsere Studierenden der ersten Stunde haben einige Unsicherheit erdulden müssen, hatten aber auch große Gestaltungs- und Mitbestimmungsspielräume in der Entwicklung der Prozesse des Studienganges. Wir freuen uns auf die Aussicht, in Kürze die Bachelorurkunden überreichen zu dürfen. 

TK: Seit dem Start des Studiengangs wird die Übertragung von heilkundlichen Tätigkeiten von der Ärzteschaft kritisch beäugt. Was braucht es, um die Absolvent*innen  zeitnah in der Versorgung einzusetzen?

Meyer: Die Absolvent*innen unseres ersten Jahrganges haben keine Probleme, in die Pflegepraxis einzumünden. Im Universitätsklinikum Halle wurden entsprechende berufliche Rollenprofile entwickelt und außerdem ein Traineeprogramm konsentiert, das sich an Absolvent*innen richtet, welche die erweiterte Pflegeexpertise und heilkundliche Kompetenz konsolidieren und eine Art Weiterbildungsassistenz absolvieren möchten. 

Unsere Absolvent*innen können mit ihrem Abschluss überall als Pflegefachkräfte tätig sein, Bachelorpositionen in der Pflege einnehmen, prinzipiell auch überall ihre heilkundliche Kompetenz in den Bereichen Typ 2-Diabetes und Versorgung chronischer Wunden anwenden. Ich bin zuversichtlich, dass auch andere Standorte das Potenzial unser Absolvent*innen erkennen und ihre besondere Expertise zum Wohle der Patient*innen wirksam werden kann. Im Übrigen: Die Ärzteschaft entscheidet nicht über die Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsprofessionen. 

Zur Person

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer ist seit 2013 Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie ist schriftführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen Forschungsschwerpunkte in der klinischen und epidemiologischen Pflegeforschung sind Versorgung und Pflege bei Demenz; Mobilität und Gelenkkontrakturen; Vermeidung von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen; Entwicklung und Evaluation komplexer Interventionen.