Herr Bender, wie beurteilen Sie die aktuelle Pflegesituation im Saarland?

Bei der Beurteilung muss man deutlich unterscheiden zwischen der stationären Krankenhauspflege, der stationären Heimpflege und der ambulanten Pflege. 

Im Bereich der ambulanten Pflege gibt es Engpässe in der Behandlungspflege. Viele kleinere Dienste wollen wegen der attraktiveren Vergütung möglichst nur noch Pflegeleistungen nach dem SGB XI anbieten. Dazu scheint es schwierig, Pflegekräfte zu gewinnen, die zur Erbringung von Leistungen auf dem Gebiet des SGB V qualifiziert sind.

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Jürgen Bender,
Pflegebeauftragter der Landesregierung

Ein weiteres Problem ist, dass der nach § 45b SGB XI vorgesehene Entlastungsbetrag in Höhe von maximal 125 Euro monatlich nicht abgerufen werden kann, weil hierfür nicht genug qualifiziertes Personal vorgehalten wird. Hier ist zu überlegen, diesen Betrag ähnlich zu behandeln wie das Pflegegeld, dessen Gewährung und Verwendung  einfacher ist.

In der stationären Heimpflege nimmt das Saarland bundesweit einen Spitzenplatz ein. Hier werden die Pflegekräfte besser vergütet und der Personalschlüssel besser als sonstwo. Gleichwohl ist die Pflege ein Gebiet, auf dem es immer Verbesserungsmöglichkeiten geben wird.

Völlig anders zu beurteilen ist die Situation in der Krankenhauspflege. Hier ist weiter darum zu ringen, dass es stationsunabhängig zu erträglichen Personalschlüsseln kommt. Nur so kann die mit Händen zu greifende Überlastung des Pflegepersonals gemindert und gemildert werden. Hier zeigen sich Ansätze, mehr noch nicht.

Was läuft aus Ihrer Sicht gut, wo gibt es noch Steigerungsbedarf?

Die Antwort ergibt sich spiegelbildlich aus den oben gegebenen Antworten. Man muss jedoch über die aktuelle Pflegesituation hinaus sehen. Es liegt auf der Hand, dass eine alternde Bevölkerung für die Zukunft mit höherem Pflegebedarf rechnen muss. Das heißt, dass auch dort, wo jetzt befriedigende Zustände herrschen, in Zukunft Engpässe auftreten können. Dafür muss man Vorkehrungen treffen. 

Das Saarland hat durch ein Umlagesystem erreicht, dass im Bereich der Altenpflege seit Jahren doppelt so viele Kandidatinnen und Kandidaten ihre Abschlussprüfung absolvieren als früher. Doch darauf wird man sich nicht ausruhen können. Dazu sind die derzeitigen und künftigen Herausforderungen zu groß.

Kliniken und Pflegedienste suchen händeringend nach Pflegepersonal. Wie können freie Stellen besetzt werden und die Branche generell wieder attraktiver werden?

Insoweit haben – wenn auch sehr spät – mittlerweile Bemühungen eingesetzt, und man sucht auf verschiedensten Wegen nach Abhilfe: durch Neugewinnung von Kräften, durch Wiedergewinnung von „Aussteigern“ und auch durch Anwerbung ausländischer Kräfte. Ob all dies ausreicht, um bestehende und künftig aufreißende Lücken zu füllen, wird man sehen müssen.

Insbesondere muss es aus meiner Sicht darum gehen, den Dienst für junge Frauen, die sich um ihre Familie zu kümmern haben, verlässlicher zu machen. Auch hierzu gibt es im Bereich der stationären Heim- und Krankenhauspflege erste Bemühungen, die man ebenso bestärkend wie kritisch begleiten muss.

Viele Pflegebedürftige werden von Angehörigen gepflegt. Wie können diese unterstützt und entlastet werden?

Eine wichtige Maßnahme wäre, die Inanspruchnahme von Betreuungsleistungen zu vereinfachen. Auch das Spektrum der Leistungen muss angesichts eines ersichtlich steigenden Bedarfs ausgebaut werden. 

Wegen der Komplexität des Leistungssystems in der Gesetzlichen Kranken- und der Sozialen Pflegeversicherung muss auch das Beratungssystem, vor allem in Form der Pflegestützpunkte gestärkt und ausgebaut werden.

Viele pflegende Angehörige vermissen einen Ansprechpartner der Kranken- und Pflegekassen vor Ort, der mit der Situation der pflegebedürftigen Person vertraut ist. Sie geraten etwa bei der Beschaffung von Hilfsmitteln in Warteschleifen, finden eine ihnen fremde – bestenfalls freundliche – Stimme vor, die von ihrer besonderen Situation nichts weiß und hierzu in ihrem schwarzen Kasten auch nichts vorfindet. Bei der nächsten Anfrage geht dieses „Spiel“ von vorne los.

Eine weitere Zukunftsaufgabe wird sein, Pflegepersonen, die neben der Pflege eines Angehörigen noch einer Beschäftigung nachgehen, in ihrem sozialen Status zu schützen. 

Gesundheitsminister Jens Spahn ist im Bereich Pflege viele Dinge angegangen. wie beurteilen Sie seine bisherigen Vorstöße und Gesetze?

Vieles, was endlich auf den Weg gebracht worden ist, ist begrüßenswert. Bei anderen Maßnahmen hat man schon den Eindruck, dass vorschnell aus der Hüfte geschossen worden ist und dass man voreilig Verkündetes wieder einfangen muss. Ich vermisse derzeit eine langfristige Perspektive.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung aus Ihrer Sicht für die Entwicklungen in der Pflege?

Meine Erfahrungen auf diesem Gebiet sind sehr begrenzt. Die Problemfälle, die an mich herangetragen werden, haben weder mit Digitalisierung noch mit künstlicher Intelligenz zu tun, sondern vielmehr mit (sehr) natürlicher Unzulänglichkeit. Indessen müssen Instrumente der Digitalisierung natürlich genutzt werden, um Verbesserungen zu erreichen, insbesondere etwa Entlastungen in der Dokumentation.