TK: Die Pflege erfährt gegenwärtig eine Aufmerksamkeit wie selten zuvor. Wie sehen Sie die öffentliche Debatte zum Thema Pflege? 

Stefanie Drese: Ich bin zunächst einmal froh, dass das Thema Pflege mittlerweile breit diskutiert wird. Es ist wichtig, dass die Pflege nicht mehr nur ein sozialpolitisches Nischenthema ist, sondern zunehmend als eine der zentralen Herausforderungen in unserer Gesellschaft wahrgenommen wird. Die künftige Gestaltung der Pflege gehört angesichts des demografischen Wandels zu den wichtigsten politischen Aufgaben. Als Sozialministerin und Vorsitzende der diesjährigen Arbeits- und Sozialministerkonferenz aller Bundesländer will ich den Diskussionsprozess befördern und Lösungen entwickeln. Für eine gute Pflege auch in der Zukunft sind viele verschiedene Maßnahmen notwendig, die ineinandergreifen müssen. Und es geht auch um eine größere Anerkennung und Würdigung für die anspruchsvolle und gesellschaftlich so wichtige Arbeit der Pflegebeschäftigten. Das ist mir ein großes Anliegen.

Klar ist: das alles kostet Geld. Deshalb müssen wir gesamtgesellschaftlich eine ehrliche und zielführende Debatte über die Finanzierung der steigenden Pflegekosten führen. Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen bereit sind, mehr Geld für die Pflege auszugeben, wenn es gerecht dabei zu geht. Die zusätzlichen Einnahmen müssen zu einer Kostenbegrenzung des Eigenanteils führen und tatsächlich den Pflegebeschäftigten und der Infrastruktur zu Gute kommen.

Stefanie Drese

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Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern

TK: Mecklenburg-Vorpommern ist besonders vom demografischen Wandel betroffen. Wie können politische Entscheidungsträger, Pflegekassen und Pflegedienstleister die Branche fit für die Zukunft zu machen?

Drese: Rund 25 Prozent der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind bereits heute über 65 Jahre. Dieser Anteil wird sich bis 2030 auf etwa 35 Prozent erhöhen. Damit einher geht eine deutlich höhere Zahl an Pflegebedürftigen. Eine gute Pflegepolitik muss angesichts dieser Entwicklungen vor allem drei wesentliche Faktoren beinhalten:

  1. Wir brauchen attraktivere Arbeitsbedingungen. Dazu gehören zuvorderst deutlich höhere Löhne besonders in der Altenpflege. Hier besteht gerade in den ostdeutschen Ländern erheblicher Aufholbedarf. Ohne bessere Bezahlung werden wir den dringend benötigten Nachwuchs in der Altenpflege nicht bekommen. Der Wert der Arbeit bemisst sich aber nicht nur über den Lohn, sondern auch über Angebote zu modernen Arbeitszeitmodellen, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. So arbeiten viele Beschäftigte Teilzeit; könnten bei besseren Rahmenbedingungen sich aber vorstellen, auf Vollzeit aufzustocken.
  2. Es ist überfällig, die Auszubildenden in der Pflege vom Schulgeld zu befreien. Das machen wir in MV ab diesem Schuljahr in allen Jahrgängen. Darüber hinaus ist es richtig, die Ausbildung insgesamt zu reformieren, um die Attraktivität des Pflegeberufes zu erhöhen. Wir sind hier in MV gerade umfangreich dabei, die neue, generalistische Pflegeausbildung umzusetzen.
  3. Wir müssen die pflegenden Angehörigen weiter und stärker entlasten. Sie sind das Rückgrat der Pflege. Denn fast 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden von Angehörigen allein oder durch Unterstützung ambulanter Pflegedienste zu Hause gepflegt. Sie kümmern sich oft über Jahre hinweg um Eltern, Partner oder nahen Verwandten bis zur Grenze der Belastbarkeit. Wir werden deshalb in MV die pflegenden Angehörigen durch den Ausbau von Angeboten der Tages-, Kurzzeit- und Verhinderungspflege unterstützen. Dafür stellen wir künftig mehr Landesmittel zur Verfügung.

Ich möchte ausdrücklich betonen: um die Branche zukunftsfest zu machen, setzen wir bei diesen Plänen auf die weitere gute Zusammenarbeit mit den Pflegekassen und Pflegedienstleistern.

TK: Für eine bestmögliche Versorgung braucht es auch zukünftig innovative Konzepte. Welche Innovationen sind aus Ihrer Sicht abseits verbesserter Arbeitsbedingungen dringend nötig?

Drese: Älter zu werden, heißt nicht automatisch sofort pflegebedürftig zu werden. Viele ältere Menschen sind fit, mobil und engagiert und brauchen z. B. nur eine seniorengerechte Infrastruktur, um selbstbestimmt leben zu können. Daneben benötigen die Seniorinnen und Senioren natürlich auch Hilfen im Alltag, barrierefreie öffentliche Räume, altersgerechten Wohnraum sowie gute Pflegeangebote und Beratung.

Beispielgebend und innovativ sind in diesem Zusammenhang unsere Pflegestützpunkte. Landesweit gibt es 18 dieser Beratungsstellen, die unabhängig und trägerübergreifend Betroffene über Dienstleister, Angebote, Förderungen und weitere Leistungen in der Umgebung informieren. Sie sind die erste Anlaufstation für Pflegebedürftige und deren Angehörige. Bei der Neuausrichtung der Pflege - hin zu einer weiteren Stärkung der ambulanten und teilstationären Angebote - spielen sie eine große Rolle.

Eine weitere innovative Landesmaßnahme ist die ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe, die ich ganz aktuell eingeführt habe. Basisgeschulte Nachbarschaftshelfer/innen können ausgewählte niedrigschwellige Leistungen zur Unterstützung im Alltag für Pflegebedürftige erbringen. Hierbei geht es um ganz praktische Hilfen im Haushalt, beim Einkauf oder um die Begleitung zu Arzt- und Behördengängen. Das entlastet pflegende Angehörige und ambulante Pflegedienste, die sich auf die gesundheitlichen und pflegerischen Aufgaben konzentrieren können.

In unserem Bundesland prämieren wir darüber hinaus seit einigen Jahren herausragende Leistungen von Pflegeeinrichtungen mit dem Altenpflegepreis MV. Tolle Initiativen wie z.B. gemeinschaftliche Unternehmungen wie Kochkurse oder Programme für Auszubildende wurden ausgezeichnet. Das ist übrigens auch eine Kooperation mit den Kassen und zeigt die bestehende Bereitschaft, neue Wege zur Würdigung der Pflege zu gehen.

TK: Gibt es Entwicklungen in der Pflege die Sie mit Sorge betrachten?

Drese: Alle aufgezeigten Maßnahmen für eine gute Pflege in der Zukunft kosten Geld und müssen pragmatisch und zügig umgesetzt werden. Wenn die Diskussionen nicht zielführend verlaufen und nicht eine Kompromissbereitschaft bei allen Beteiligten vorhanden ist, verlieren wir Zeit und Innovationskraft. Das können wir uns angesichts des prognostizierten Anstiegs der Pflegebedürftigen nicht leisten.