TK: Welche größten Herausforderungen gibt es Ihrer Meinung nach in der Pflege in Bayern?

Markus Schick: Eine der größten Herausforderungen in der Pflege ist die Gewinnung von qualifiziertem Personal. Prognosen gehen im Jahr 2030 von bis zu 3,4 Millionen Menschen aus, die Pflege benötigen werden. Um mehr Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen, brauchen wir eine moderne und attraktive Ausbildung und beste Berufsperspektiven mit guter Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Ferner ist die Organisation der Pflege in all ihrer Vielfalt - zwischen ambulanter und stationärer, Kurzzeit- und Langzeitpflege sowie Alten- und Krankenpflege - eine wichtige Zukunftsaufgabe. Dabei gilt es wichtige Themen wie Demenz, Palliativmedizin und Hospizversorgung zu berücksichtigen.

TK: Können Sie schon erste größere Projekte nennen, die Sie nach dem Aufbau des Amtes angehen werden?

Markus Schick: Das neue Landesamt für Pflege in Amberg versteht sich als Kümmerer für die Belange der Pflege in Bayern. Im Mittelpunkt steht die Umsetzung des im April vom Kabinett beschlossenen bayerischen Pflege-Pakets. Als erstes großes Projekt werden wir beim LfP die Abteilung für das neue bayerische Landespflegegeld aufbauen.

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Dr. Dr. Markus Schick

Mit dem Landespflegegeld in Höhe von 1.000 Euro jährlich unterstützen wir Menschen, die in Bayern leben und mindestens Pflegegrad 2 haben. Aktuell liegen bereits rund 230.000 Anträge für das Pflegegeld vor.

Ein weiteres zentrales Projekt wird die Unterstützung des Ausbaus der Pflege-Infrastruktur sein mit der Förderung von mindestens 500 Plätzen in der Kurzzeitpflege zur Entlastung der Familien von Pflegebedürftigen sowie der jährlich rund 1.000 neuen stationären Pflegeplätzen.

Das Landesamt wird auch Aufgaben in den Bereichen Hospiz- und Palliativversorgung, Demenzstrategie, Ehrenamt in der Pflege und beim Bayerischen Hebammenbonus in Höhe von jährlich 1.000 Euro übernehmen.

TK: Welche Lösungen braucht der ländliche Raum beim Thema Pflege?

Markus Schick: Die Zahl der Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf steigt. Für ländliche Regionen bedeutet das eine besondere Herausforderung, denn viele junge Leute ziehen zur Ausbildung oder zur Arbeit in die Ballungszentren - und die Elterngeneration bleibt zurück. Wir brauchen deshalb auch auf dem Land geeignete Angebote vor Ort. Der ländliche Raum braucht eigene Lösungen und das LfP wird dazu auch Konzepte erstellen.

Dazu gehört, die Rolle der Kommunen mit Hilfe von sogenannten Pflegestützpunkten zu stärken. Dort finden Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sowie alle Interessierten Information und Beratung aus einer Hand über Leistungen und wohnortnahe Angebote.

Zur Person

Dr. Dr. Markus Schick ist verheiratet, hat fünf Kinder und ist promovierter Arzt und Tierarzt. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit  an der Universität Ulm und praktischer tierärztlicher Tätigkeit in Schwaben war er bis zu seinem Wechsel in das damalige Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit an drei Landratsämtern in Bayern im Bereich Verbraucherschutz tätig.

Ab 2002 vertrat er sechs Jahre lang in der Bayerischen Vertretung des Freistaats in Brüssel die Belange des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz und des späteren Staatministeriums für Umwelt und Gesundheit bei der Europäischen Union.

Seit 2008 war Dr. Dr. Schick Vizepräsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und leitete dort zuletzt den Aufbaustab für das Landesamt für Pflege. Am 31.07.2018 wurde er zum Präsidenten des neuen Landesamtes für Pflege in Amberg ernannt.

Darüber hinaus setzt sich Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml für den weiteren Ausbau von ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige ein. Gerade für kleine Gemeinden in ländlichen Regionen ist diese Wohnform ideal und eine riesige Chance. Denn die Pflegebedürftigen können so in ihrer vertrauten Umgebung bleiben.

Der Freistaat will den flächendeckenden Ausbau dieser Wohnform in Bayern auch künftig weiter voranbringen. In diesem Jahr stehen dafür Mittel in Höhe von 750.000 Euro zur Verfügung.

TK: Wie schafft es Bayern, mehr Pflegekräfte zu gewinnen?

Markus Schick: Neben der Verbesserung der Einkommenssituation von Pflegekräften wird es entscheidend sein, das Image des Pflegeberufs und die Anerkennung in der Gesellschaft zu fördern.

Neben Ausbildungsinitiativen wird ein Baustein, dem Pflegefachkräftemangel zu begegnen, auch die Gewinnung von qualifizierten ausländischen Pflegefachkräften sein. Diese müssen um gute Weiterbildungsangebote für Quereinsteiger und Wiedereinstiegsprogramme, etwa nach der Kindererziehung, ergänzt werden.

Zur Verbesserung der Pflegeausbildung hat Ministerin Huml einen Fünf-Punkte-Plan vorgestellt und umgesetzt, in dessen Zentrum die HERZWERKER-Kampagne steht. Damit wird seit dem Schuljahr 2009/2010 für den Altenpflegeberuf geworben - mit großem Erfolg: Die Schülerzahlen konnten in den letzten Jahren um bis zu 34 Prozent gesteigert werden.

Die Bayerische Staatsregierung hat in den letzten Jahren auch die Entbürokratisierung vorangetrieben, Verbesserungen bei den Personalschlüsseln unterstützt und eine einheitliche Finanzierung der Ausbildung erreicht und das Schulgeld abgeschafft.

TK: Spielt auch das Thema Digitalisierung in Ihrem Arbeitsbereich eine Rolle?

Markus Schick: Bei allem technischen Fortschritt werden Computer und Roboter Menschen und menschliche Zuwendung nie ersetzen können. Doch die Digitalisierung ist auch im Bereich der Pflege unverzichtbar.

Digitalisierung und Technik können helfen, die Bürgerinnen und Bürger Bayerns noch besser pflegerisch zu versorgen. Insbesondere wird der Wunsch vieler Menschen, trotz Einschränkungen in der Selbständigkeit möglichst lange in der häuslichen Umgebung bleiben zu können, dadurch in vielen Fällen erst ermöglicht. Auch können Pflegende - Fachkräfte und Angehörige - entlastet werden.

Ein Beispiel: Das Bayerische Kabinett hat im Mai 2017 den Masterplan "BAYERN DIGITAL II" zur digitalen Zukunft Bayerns beschlossen. Das Programm umfasst für die nächsten fünf Jahre zusätzliche Investitionen in Höhe von drei Milliarden Euro - auch im Bereich Gesundheit und Pflege.

So fördert das bayerische Pflegeministerium das Modellprojekt "DeinHaus4.0" in allen sieben bayerischen Regierungsbezirken. Das Projekt präsentiert intelligente Assistenztechnik, die einen längeren Verbleib in den eigenen vier Wänden auch bei Einschränkungen im Alter ermöglicht. Beispiele dafür sind Hebevorrichtungen und Sturzsensoren.

Mit der Initiative "CARE REGIO" soll Schwaben mit den Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Augsburg, Kempten, Neu-Ulm und der Universität Augsburg als Leitregion für die "Pflege von morgen", also innovative Pflege mit Technik, entwickelt werden.

TK: Wie sieht Pflege in 20 Jahren aus?

Markus Schick: Fakt ist: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Bayern steigt stark an. Prognosen gehen im Jahr 2030 von bis zu 3,4 Millionen Menschen aus, die Pflege benötigen werden. Digitale Hilfsmittel können Pflegekräfte und pflegende Angehörige entlasten.

Der Pflegemix wird immer wichtiger werden. Mit innovativen Lösungen in den Bereichen Wohnen, Bauen und Zusammenleben zwischen den Generationen kann es gelingen, die Vielfalt der Pflegeanforderungen betreuungsbedürftiger Menschen fachlich und menschlich und in einem selbstverständlichen Miteinander von Jung und Alt zu organisieren.

Die Frage, wie wir in Zukunft die Pflege gestalten, welche Erwartungen wir an die Pflege haben und wieviel uns die Pflege auch finanziell wert ist, müssen wir als Gesellschaft insgesamt beantworten.

TK: Inwiefern betrifft Sie das Thema Pflege persönlich?

Markus Schick: Neben mehrwöchigen Krankenpflegepraktika habe ich mein Medizinstudium über Nachtwachen in verschiedenen Pflegeeinrichtungen finanziert.

Natürlich war und bin ich als approbierter Arzt und in meiner Tätigkeit als Vizepräsident des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit mit vielen Themen der Pflege, wie z.B. Hygiene, multiresistente Keime, Arbeitsschutz oder Versorgungsfragen, befasst.

Auch privat war ich in die Pflege meiner Großeltern über unser sogenanntes "Enkel-Modell" eingebunden: ein Jahr lang habe ich vier Nächte die Woche meine stark pflegebedürftigen Großeltern betreut. Das war für mich eine sehr prägende, bewegende und wichtige Zeit, die mir auch bei meiner neuen Aufgabe helfen wird.