TK: Die Umsetzung des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes läuft - regionale Krankenhäuser gehen bereits in die Offensive, wenn es darum geht Personal abzuwerben. Welcher Pflegebereich wird zu den  Verlierern dieser Entwicklung gehören?

Dr. Marliese Biederbeck: Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Jede zusätzliche Pflegestelle im Krankenhaus wird nun refinanziert und für die stationäre Altenpflege sollen 13.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Verlierer dieser Entwicklung ist die ambulante Pflege und damit die pflegebedürftigen Menschen und ihre Familien, die die Pflege zu Hause organisieren. Die vielen kleinen von Inhabern geführten ambulanten Dienste verfügen häufig nicht über die Mittel für groß angelegte Werbekampagnen, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Vom Gesetzgeber wurden für diesen Bereich keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung gestellt. In manchen Regionen müssen bedürftige Menschen lange suchen, bis sie einen ambulanten Pflegedienst finden. Zukünftig wird diese Suche zum Lotteriespiel.

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Dr. Marliese Biederbeck

TK: Was sind Ihrer Meinung nach wirksame Instrumente gegen den Fachkräftemangel?

Dr. Marliese Biederbeck: Wirksam lässt sich der Fachpersonenmangel in der Pflege nur durch eine deutliche Verbesserung der Attraktivität des Pflegeberufs beheben. Ausbildung und Studium in der Pflege müssen so attraktiv sein, dass sie im Wettbewerb der vielen Bildungsmöglichkeiten zu den Gewinnern zählen. In Dänemark erhalten Studierende der Pflege ein monatliches Stipendium in Höhe von 800 Euro. Nur durch eine sehr gute Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen lässt sich das Ansehen des Pflegeberufs verbessern. Das ist zudem der Garant für eine gute Pflege.

TK: In drei Bundesländern (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz) existieren derzeit Pflegekammern zur Stärkung der Berufsgruppe. Unter den Mitgliedern sind sie wegen ihrer kostenpflichtigen Zwangsmitgliedschaft durchaus umstritten. Was spricht für die Gründung einer Pflegekammer in Thüringen oder Mitteldeutschland?

Dr. Marliese Biederbeck: In Umfragen haben sich Pflegefachpersonen mehrheitlich für die  Pflegekammer ausgesprochen - in Baden-Württemberg fast 70, in Nordrhein-Westfalen sogar fast 80 Prozent. Je besser die Pflegenden über die Pflegekammer informiert sind, desto eher setzen sie sich für die berufliche Selbstverwaltung ein. Wir brauchen Kammern in allen Bundesländern, auch in Thüringen. Denn nur so lassen sich berufsrechtliche Standards etablieren und umsetzen. Und erst mit der verpflichtenden Registrierung aller Pflegefachpersonen erhalten wir auch in Deutschland die Daten, die wir benötigen, um die pflegerische Versorgung qualitätsorientiert steuern zu können.

Ausbildung und Studium in der Pflege müssen so attraktiv sein, dass sie im Wettbewerb der vielen Bildungsmöglichkeiten zu den Gewinnern zählen.
Dr. Marliese Biederbeck

TK: Wie schätzen Sie die Forderung nach einer länderübergreifenden Bundespflegekammer ein, deren Finanzierung ebenfalls "auf dem Rücken der Pflegekräfte" stattfinden soll?

Dr. Marliese Biederbeck: Der Pflegeberuf ist ein Heilberuf, und die Heilberufe sind in Deutschland in Kammern organisiert wie die Ärzte, die Apotheker und die Zahnärzte. Deren Kammern zeichnen sich durch eine sehr starke Lobby und eine unabhängige Finanzierung durch die Beiträge ihrer Mitglieder aus. Bei auskömmlichen Gehältern in der Pflege wäre auch ein durchschnittlicher monatlicher Beitrag von 9,50 Euro kein Problem. Bei rund 1,3 Millionen Pflegefachpersonen in Deutschland wäre eine Bundespflegekammer die größte Kammer. Die professionelle Pflege würde deutlich an Macht gewinnen. Wenn die Pflege tatsächlich gestärkt werden soll und es sich hierbei nicht nur um Lippenbekenntnisse handelt, dann führt kein Weg an der Kammergründung vorbei.

TK: Wie lassen sich die Herausforderungen der Altenpflege meistern, ohne dass die Zuzahlungen für die Pflegebedürftigen unbezahlbar werden?

Dr. Marliese Biederbeck: Anfang des Jahres wurde der Pflegeversicherungsbeitrag angehoben, und es gab kaum Beschwerden und keine Proteste. Die Bevölkerung ist bereit, für gute Pflege Geld in die Hand zu nehmen. Lediglich Arbeitgebervertreter stemmen sich gegen Beitragserhöhungen in der Pflegeversicherung. Die professionelle Pflege muss zudem viel mehr als bisher mit Steuermitteln gestützt werden. Der DBfK fordert seit vielen Jahren, dass gesellschaftliche Aufgaben wie die Ausbildung und das Studium in der Pflege durch Steuern finanziert werden und nicht auf den Schultern der Bedürftigsten unserer Gesellschaft abgeladen werden.

Zur Person

Dr. Marliese Biederbeck ist Geschäftsführerin des DBfK Südost, Bayern-Mitteldeutschland e.V. Zudem ist sie Geschäftsführerin der Gesellschaft für Gesundheits- und Pflegebildung in Bayern mit der Bayerischen Pflegeakademie in München. Die Diplomsoziologin und Kinderkrankenschwester hat im Fachbereich Human-, Gesundheits- und Pflegewissenschaften promoviert. Ehrenamtlich engagiert sie sich als stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Landespflegerats (BLPR) und als Delegierte des Bayerischen Landesfrauenrats. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Landesgesundheitsrat sowie im Landespflegeausschuss in Bayern.