TK: Weshalb sehen Sie dringenden Handlungsbedarf im Berufsfeld der Pflege?

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Sören Schmidt-Bodenstein

Schmidt-Bodenstein: In der stationären und ambulanten Pflege und in den Krankenhäusern erleben wir schon heute einen Fachkräftemangel. Weniger Personal muss mehr Arbeit schultern. Die Folgen: Die Pflegekräfte fühlen sich gestresst, erschöpft und hilflos. Die Motivation schwindet und die Beschäftigungspotentiale werden nicht ausgeschöpft. Letztlich leidet auch die Qualität in der pflegerischen Versorgung der Patienten.

Ich begrüße daher, dass CDU/CSU und SPD sich in den Sondierungsgesprächen darauf verständigt haben, die Arbeitsbedingungen und die Vergütung in der Pflege zu verbessern.

TK: Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, um die Pflegeberufe attraktiver zu machen?

Schmidt-Bodenstein: Die durchschnittliche Verweildauer einer ausgebildeten Kraft liegt lediglich zwischen 8,4 Jahren in der Altenpflege und 13,7 Jahren in der Krankenpflege. Zudem übt rund die Hälfte aller Pflegekräfte in Krankenhäusern ihren Beruf nur in Teilzeit aus.

Wir müssen den Pflegekräften Perspektiven bieten. Dies gilt sowohl für Einsteiger als auch für bereits ausgebildete Fachkräfte. Eine bessere Vergütung wäre ein erster Schritt, wird es allein jedoch nicht richten. Die Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern und die Arbeitszeitmodelle müssen flexibler werden. Wir müssen erreichen, dass ausgebildete Fachkräfte länger in ihrem Beruf arbeiten können, häufiger Vollzeit arbeiten und nach einem Ausstieg wieder in den Beruf zurückkehren. Insgesamt braucht es einen richtigen Masterplan für die Pflegeberufe. In diesen Prozess sollten neben Bund, Ländern und Kommunen auch öffentliche und private Kostenträger sowie die Leistungserbringer und -träger eingebunden werden, außerdem die Tarifpartner. Mit unkoordinierten Einzelmaßnahmen kommen wir hier nicht weiter!

TK: Sie sprechen von einem "Masterplan Pflegeberufe". Was genau steckt dahinter?

Schmidt-Bodenstein: Dieser sollte fünf Handlungsfelder umfassen:

1. Eine höhere Vergütung, insbesondere in der Altenpflege - diese ist mittelfristig aufgrund der Knappheit am Arbeitsmarkt ohnehin zu erwarten,
2. eine größere Lohnspreizung, die die Anreize zur Weiterbildung erhöht und die Qualität der pflegerischen Versorgung stärkt,
3. attraktivere Rückkehrangebote nach einer beruflichen Auszeit oder Beschäftigung jenseits der Pflege,
4. eine altersgerechte Arbeitsorganisation, um auch ältere Pflegekräfte im Beruf halten zu können und
5. neue Karrierepfade und Aufgabenfelder, die die berufliche Laufbahn am Bett und im Umfeld interessanter machen.

Wir erwarten von solchen Maßnahmen spürbare Effekte.

TK: Viele Pflegebedürftige werden zu Hause gepflegt - damit sind die "informell" Pflegenden eigentlich der größte Pflegedienst des Landes. Wie kann dieser Entlastung finden?

Schmidt-Bodenstein: Richtig, denn 40 Prozent der pflegebedürftigen Schleswig-Holsteiner werden ausschließlich durch Angehörige betreut. Nicht selten ein harter Knochenjob rund um die Uhr, der an die Belastungsgrenzen geht und deshalb höchste Anerkennung verdient. Die pflegenden Angehörigen dürfen nicht allein gelassenen werden und müssen in ihrem Einsatz unterstützt werden. Der technische Fortschritt kann auch in diesem Bereich Möglichkeiten zur Entlastung bieten.

Smarte Technologien können für Sicherheit bei Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sorgen. Dazu gehören etwa Sensoren, die Aktivitäten oder Stürze melden. Wenn der Betroffene etwa unter Schwindelattacken leidet, können solche Sensoren oder Bewegungsmelder vielleicht eine bessere Ergänzung sein als eine barrierefreie Dusche.

Wir schlagen daher vor, dass der Leistungskatalog entsprechend erweitert wird. Die Leistungen für "wohnumfeldverbessernde Maßnahmen" sollten im Bereich der technischen Hilfen im Haushalt auch für technische Assistenz- und Überwachungssysteme eingesetzt werden dürfen. Hier ist die Politik gefragt. Erst dann können wir als Pflegekasse auch digitale Angebote in der Pflege vorantreiben.