Es gab ein Pflegestellensonderprogramm und es wurden Personalzahlvorgaben in Aussicht gestellt. Bei der Reform der Pflegeberufe wurde ein umfassender Ansatz gewählt, doch die Auswirkungen werden erst mittel- bis langfristig spürbar sein. 
Doch bereits heute werden zusätzliche Pflegekräfte gebraucht. Die TK hat konkrete Vorschläge, um den Pflegenotstand abzuwenden. 


TK: Frau Puttfarcken, welche Vorschläge hat die TK zum Thema Pflegenotstand? 

Puttfarcken: Das übergreifende Ziel muss sein, den Pflegeberuf insgesamt attraktiver zu machen. Bei der Reform der Pflegeberufe war die Entscheidung, alle Ausbildungswege vom Schulgeld zu befreien, ein entscheidender Schritt. Wir müssen aber auch an die denken, die jetzt schon in der Pflege tätig sind: Es gilt, auch ihre Arbeitsbedingungen kritisch zu betrachten.   

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Maren Puttfarcken


Dabei ist es wichtig, diejenigen Fachkräfte im Job zu halten, die der Pflege den Rücken kehren. Die durchschnittliche Verweildauer im Beruf beträgt 13,7 Jahre bei den examinierten Krankenpflegern. In der Altenpflege sind es sogar nur 8,4 Jahre. Das ist zu wenig. Wir müssen den Pflegekräften Perspektiven bieten. Dies gilt sowohl für Einsteiger als auch für bereits ausgebildete Fachkräfte. Eine bessere Vergütung wäre ein erster Schritt, aber kein Allheilmittel. Derzeit arbeitet die Hälfte der Pflegenden in Teilzeit. Auch hier sollte man ansetzen und unterschiedliche Arbeitszeitmodelle anbieten. Wenn man das Berufsbild attraktiver macht und den Pflegenden dabei die Möglichkeit zur flexibleren Zeiteinteilung gibt, wären das sicher Möglichkeiten, um mehr Pflegende in Vollzeit zu bringen. Insgesamt braucht es einen richtigen Masterplan für die Pflegeberufe. 

TK: Sie sprechen von einem "Masterplan Pflegeberufe". Was genau steckt dahinter? 

Puttfarcken: Die TK schlägt den 'Masterplan Pflegeberufe' vor. Dieser sollte fünf Handlungsfelder umfassen: 


1.    Eine höhere Vergütung, insbesondere in der Altenpflege - diese ist mittelfristig aufgrund der Knappheit am Arbeitsmarkt ohnehin zu erwarten, 

2.    eine größere Lohnspreizung, die die Anreize zur Weiterbildung erhöht und die Qualität der pflegerischen Versorgung stärkt, 

3.    attraktivere Rückkehrangebote nach einer beruflichen Auszeit oder Beschäftigung jenseits der Pflege, 

4.    eine altersgerechte Arbeitsorganisation, um auch ältere Pflegekräfte im Beruf halten zu können und 

5.    neue Karrierepfade und Aufgabenfelder, die die berufliche Laufbahn am Bett und im Umfeld interessanter machen. 


Wir wissen, dass wir diese Ziele nur erreichen können, wenn wir dabei koordiniert handeln. Das ganze Thema ist sehr komplex und letztlich eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Neben Bund, Ländern und Kommunen müssen auch öffentliche und private Kostenträger sowie die Leistungsbringer und -träger eingebunden werden, außerdem natürlich auch die Tarifpartner. 

TK: Ein großes Thema sind ja auch die pflegenden Angehörigen, da der größte Teil der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt werden. Gibt es hier auch Vorschläge? 

Puttfarcken: Es stimmt, der größte Teil der Pflegebedürftigen - mehr als 70 Prozent - wird zu Hause gepflegt. Damit sind die 'informell' Pflegenden eigentlich der größte Pflegedienst des Landes. Diese dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, sie müssen entlastet werden. Als Pflegeversicherung unterstützen wir den Wunsch vieler, möglichst lange ein selbstständiges Wohnen in den eigenen vier Wänden zu führen. Wir glauben, dass der technische Fortschritt auch in diesem Bereich Möglichkeiten zur Unterstützung und Entlastung bietet. 

Smart-Home-Lösungen können für Sicherheit bei Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sorgen. Wenn der Betroffene etwa unter Schwindelattacken leidet, können Sensoren oder Bewegungsmelder, die auf Aktivitäten oder Stürze reagieren, eine bessere Ergänzung sein als eine barrierefreie Dusche. Dies hat das Hamburger Projekt "Vernetztes Wohnen im Quartier" eindrucksvoll gezeigt. 


Derzeit werden Smart-Home-Lösungen aber noch nicht im Leistungskatalog der Pflegeversicherung berücksichtigt. Wir schlagen daher vor, dass die Leistungen für "wohnumfeldverbessernde Maßnahmen" um technische Assistenz- und Überwachungssysteme ergänzt werden. Hier ist die Politik gefragt. Erst dann können wir als Pflegekasse auch digitale Angebote in der Pflege vorantreiben. 

NetzWerk GesundAktiv 


Im Pilotprojekt "NetzWerk GesundAktiv" wird der Einsatz eines technischen Kommunikations- und Unterstützungssystem erprobt. Ziel ist es, älteren Menschen ein möglichst langes und selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Das Projekt wird durch den Innovationsfonds des G-BA gefördert. 
Ende Dezember 2018 wurde mit rund 920 eingeschriebenen Hamburgerinnen und Hamburgern die Teilnehmerrekrutierung im NWGA abgeschlossen.


TK: Frau Puttfarcken, was tun Sie konkret in Hamburg? 


Puttfarcken: In der Häuslichen Krankenpflege haben wir uns zum Beispiel mit der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Hamburg (AGFW) darauf verständigt, bei der Steigerung der Personalkosten zwischen tarifgebundenen und nicht-tarifgebundenen Pflegediensten zu differenzieren. Pflegedienste mit Tarifbindung erhalten demnach eine höhere Vergütung, als Anbieter, die keinen Tariflohn zahlen. Dienste ohne Tarifbindung erhalten ein Vergütungsplus, wenn sie belegen, dass sie die Löhne ihrer Beschäftigten erhöhen. Damit verbundenen sind Nachweis- und Prüfverfahren. Wir verstehen das als Anreiz für Anbieter, ihre Pflegekräfte angemessen zu bezahlen. Zugleich senden wir damit natürlich auch ein Signal an jene Anbieter, die bisher noch keine Tarifbindung haben. 


Außerdem stecken wir derzeit viel Kraft in die Umsetzung unseres Innovationsfondsprojekts "NetzWerk GesundAktiv" (NWGA). Darin erproben wir derzeit den Einsatz eines technischen Kommunikations- und Unterstützungssystems im Alltag älterer Menschen. Wir möchten herausfinden, wie wir ältere Menschen unterstützen und entlasten können, damit sie ein möglichst langes und selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung führen können. Denn Smart-Home-Technologien einzusetzen, könnte möglicherweise ein guter Weg sein.

TK-Position "Masterplan für die Pflege"

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