Menschen aus dem Ausland zu rekrutieren und hier auszubilden ist eine Möglichkeit. Der Jenaer BWL-Professor Klaus Watzka hingegen schlägt ein anderes Modell vor, um Fachkräfte zu gewinnen: den Aufbau einer staatlichen Pflegefachschule vor Ort im Ausland.

Fachkräftemangel und demografische Entwicklung

Im Freistaat erhielten zuletzt über 115.000 Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung, das entspricht 5,4 Prozent der Thüringer Bevölkerung - zwei Jahre zuvor waren es noch rund 94.000 Personen (4,3 Prozent). Deutschlandweit ist der Anteil der Pflegebedürftigen nur in Mecklenburg-Vorpommern höher (5,7 Prozent). Der Thüringer Arbeitsmarkt kann den enormen Fachkräftebedarf in der Pflege kaum bedienen: Im vergangenen Jahr waren im Freistaat fast 770 Pflegestellen unbesetzt.

Die Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit gibt an, dass in  Thüringen 498 Mitarbeiter in der Altenpflege und 268 Mitarbeiter in der Krankenpflege gesucht wurden. Im Vergleich zum Jahr 2016 habe sich die Zahl der offenen Stellen in der Altenpflege um knapp 24 Prozent und in der Krankenpflege sogar um fast 37 Prozent erhöht.

Prognosen für das Jahr 2030 zeigen, dass das Defizit bei den Pflegekräften weiter wachsen wird. Der steigende Pflegebedarf trifft auf eine kontinuierliche Abwanderung der Pflegekräfte in andere Beschäftigungsfelder. Dort locken Arbeitgeber mit wesentlich attraktiveren Konditionen als im  angestammten Ausbildungsberuf.

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz

Weil die Politik Handlungsbedarf sieht, wurde das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz beschlossen, das seit Januar dieses Jahres greift. Neben einer Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe (zum Beispiel höhere Vergütung, Entlastung durch Digitalisierung von Arbeitsabläufen) ist dort unter anderem die Einstellung von deutschlandweit 13.000 Fachkräften in Pflegeeinrichtungen vorgesehen.

Neben der Frage nach der Finanzierung besteht die große Herausforderung vor allem darin, Ansätze zu finden, wie die zusätzlichen Kräfte rekrutiert werden können.

Brauchen wir Pflegekräfte aus dem Ausland?

"Der steigende Bedarf wird mittel- und langfristig nur gedeckt werden können, wenn auch im Ausland gezielt Fachkräfte für Thüringen gewonnen werden", ist Ministerin Heike Werner überzeugt. Eine aktuelle Fachkräftestudie des Ministeriums zeige, dass die Fachkräftesicherung ohne Zuwanderung künftig nicht mehr gelingen werde.

Schon jetzt sind ausländische Arbeitnehmer extrem wichtig für die Wirtschaft im Freistaat: Laut Arbeitsministerium ist das Beschäftigungswachstum in den letzten zwei Jahren (Stand Juni 2018: plus 12.624 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Vergleich zum Juni 2016) in Gänze auf Arbeitsverhältnisse mit ausländischen Arbeitnehmern zurückzuführen.

Es existieren Institutionen und Programme, die ausländischen Fachkräften den Marktzutritt in Deutschland erleichtern sollen. Dazu zählen unter anderem die Thüringer Allianz für Berufsbildung und Fachkräfteentwicklung sowie der internationale Personalservice Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) und das Programm "Triple Win" der Bundesagentur für Arbeit.

Die Alternative: Pflegefachschule im Ausland

Die bestehenden Systeme hält Prof. Watzka für nicht ausreichend, die Dimension des Fachkräftemangels in der Pflege erfordere unkonventionelle Wege für außergewöhnliche Erfolge. Probleme bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte sieht er nicht nur in der zu geringen Anzahl, sondern auch in mangelnden Sprachkenntnissen und bestehenden Unterschieden in den Ausbildungsinhalten zwischen Deutschland und dem Ausland.

Deshalb schlägt Watzka vor, Pflegekräfte im Ausland zu rekrutieren und vor Ort an einer Pflegefachschule, mit einer Kapazität von 10.000 Plätzen, nach deutschen Standards auszubilden. Nach abgeschlossener Ausbildung wären die Absolventen vertraglich verpflichtet, eine festgelegte Anzahl an Jahren in Deutschland zu arbeiten. Die aufnehmenden Pflegebetriebe könnten im  Nachhinein an den Ausbildungskosten beteiligt werden.

Die Organisation der Pflegefachschulen solle auf Regierungsebene geregelt werden. Bilaterale Staatsverträge auf Augenhöhe sollten absichern, dass Deutschland Lehr- und Prüfungsbedingungen vollständig autonom bestimmen und auch auf dem Arbeitsmarkt aktiv anwerben kann.

Auch die Partnerländer würden profitieren: Vor Ort wäre die Errichtung einer Pflegefachschule ein wichtiger Entwicklungs-und Infrastrukturbeitrag, weil zahlreiche Arbeitsplätze entstünden. Im Auge hat Watzka auch schon ein konkretes Partnerland: Vietnam. Und damit schließt sich der Kreis zu Staatskanzlei und Gesundheitsministerium.

Auswahlkriterien für geeignete Partnerländer laut Watzka

  • Einwohnerzahl >20 Millionen für einen hinreichend breiten Arbeitsmarkt
  • Arbeitslosenquote >8 Prozent für eine hinreichende Verfügbarkeit nicht gebundener Arbeitskräfte und eine grundsätzliche Offenheit der lokalen Regierung für Rekrutierungsaktivitäten ausländischer Akteure
  • Anteil der Analphabeten <25 Prozent, um eine hinreichende Bildungsnähe des  Erwerbspersonenpotenzials sicherzustellen
  • Durchschnittsalter der Bevölkerung <30 Jahre. Bei einer jüngeren Bevölkerung kann eine höhere Mobilität, Flexibilität, Bildungsmotivation und soziale/ökonomische Aufstiegsmotivation vermutet werden
  • Sozialqualifikationen In der Kultur des Landes angelegte hohe Wertschätzung des Alters und gut ausgeprägte Dienstleistungsmentalität

Quelle: Prof. Watzkas Diskussionspapier "Fachkräftemangel in der Pflege - Kritische Situationsbewertung und Skizzierung einer Handlungsalternative"