TK: Die Corona-Pandemie birgt auch für den Pflegebereich immense Herausforderungen. 2.100 Pflegekräfte haben sich hierzulande bereits im Zuge des Kurzqualifizierungsprogramms für Intensivpflege fortgebildet. Können Sie die Inhalte der Qualifizierung etwas erläutern?  

Dr. Markus Mai: In den Fortbildungen werden Pflegefachpersonen, die bereits im Krankenhaus arbeiten oder gearbeitet haben, rudimentär geschult, um zeitnah die fachweitergebildeten Kolleginnen und Kollegen auf den Intensivstationen bei der Versorgung von COVID-19-Erkrankten zu unterstützen.

Dr. Markus Mai

Portrait von Dr. Markus Mai Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

Wir als Landespflegekammer haben unter Einbezug hochqualifizierter Kolleginnen und Kollegen eine Handlungsempfehlung entwickelt. Diese beschreibt genau die Inhalte der 16-stündigen Kurz-Qualifizierung und nennt auch die Voraussetzungen, um diese Fortbildung anzubieten. Hierbei geht es vor allem um die Vermittlung von Grundlagenwissen im Bereich der Versorgung eines Patienten oder einer Patientin auf der Intensivstation, des Infektionsschutzes und der Durchführung einer invasiven Beatmung von Patientinnen und Patienten. 

TK: Für welche Tätigkeiten könnten Absolventinnen und Absolventen eingesetzt werden? 

Dr. Mai: Jeder, der die Kurz-Qualifikation erfolgreich absolviert hat, hat bereits zuvor eine dreijährige Ausbildung zur Pflegefachperson erfolgreich abgeschlossen. Es sind also alles examinierte Pflegende. Trotzdem sagen wir, dass es sich dabei um "qualifizierte Hilfskräfte" in der Intensivpflege handelt, da das vermittelte Wissen nicht annährend an das einer Fachweiterbildung heranreicht. Dennoch sind diese Kolleginnen und Kollegen enorm wichtig. Sie werden hauptsächlich dann eingesetzt, wenn eine starke Personalmangelsituation eintritt oder die Zahl der Patienten drastisch steigt.

Die Hilfskräfte können dann einen wichtigen Teil dazu beitragen, dass die pflegerische Versorgung einigermaßen abgesichert ist. Dabei arbeiten sie nicht eigenverantwortlich, sondern immer unter der Supervision und Verantwortung von Pflegefachpersonen, die eine hohe Berufserfahrung in der Intensivpflege oder eben eine spezielle Weiterbildung vorweisen können.

TK: Auch vor der Pandemie gehörte der Fachkräftemangel in der Pflege zu den dringendsten Themen im Gesundheitswesen. Welche Maßnahmen unternimmt die Pflegekammer, um der Fachkräftelücke zu begegnen? 

Dr. Mai: Aus meiner Sicht muss zukünftig der Fokus auf drei großen Schwerpunkten liegen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Da wäre zunächst der Bereich der Ausbildung zu nennen. Wir unterstützen die Ausbildungsoffensive des Landes, mit dem Ziel, gerade junge Menschen für den Beruf zu gewinnen.

Ein zweiter, immens wichtiger Punkt ist die Rückgewinnung von Pflegenden, die hochqualifiziert sind, jedoch nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Hier gilt es die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sie wieder in ihren alten Beruf zurückkehren.

Der dritte Schwerpunkt liegt bei der Eingliederung von Pflegenden aus anderen Ländern, die gerade was das Sprachniveau angeht, Unterstützung benötigen.

All das wird aber nur funktionieren, wenn wir die Entlohnung in der Pflege deutlich erhöhen. Wir fordern hier schon seit Jahren eine Einstiegsgrundvergütung von 4.000 Euro pro Monat für alle vollbeschäftigten Pflegefachpersonen. Pflege ist uns viel Wert - das soll sich für die Pflegenden auch hier bemerkbar machen. Darüber hinaus sind wir Teil der Fachkräfteinitiative des Landes (FQI 2.0), der "Konzertierten Aktion Pflege" (KAP) auf Bundesebene und bieten Beratung und Unterstützung an, wenn sich unsere Mitglieder im Beruf weiterentwickeln wollen. 

TK: Was sollte seitens der Politik auf den Weg gebracht werden?

Dr. Mai: Im Grunde muss die Politik unter Einbezug entsprechender fachlicher Pflegeexpertise eine nachhaltige Verbesserung der Personalausstattung und deren konsequente Ausfinanzierung auf den Weg bringen. Dazu gehört unter anderem ein flächendeckendes Personalbemessungsverfahren, das sich nicht an den Ist- oder den Vergangenheitswerten orientiert, sondern das ausschließlich die Bedarfe derjenigen, die versorgt werden müssen zu Grunde legt.

Im Krankenhausbereich bedarf es hierzu finanzieller Mittel und mindestens drei Jahre Zeit zur Entwicklung eines gut funktionierenden Instruments. In der Zwischenzeit müssen die jeweiligen Personalkosten im Pflegebereich ohne Einschränkung voll übernommen werden! Daneben müssen die Länder endlich ihrer Verpflichtung zur vollständigen Ausfinanzierung der Investitionskosten für die Krankenhäuser nachkommen. Für den Bereich der Langzeitpflege gilt dasselbe! Darüber hinaus müssen von den Ländern auch deutlich mehr Ausbildungskapazitäten zur Verfügung gestellt werden und die Schulen bei der Etablierung neuer Lernformen technisch und finanziell nachhaltig unterstützt werden. 

TK: Was halten Sie von dem Ansatz, mehr Assistenzkräfte im Pflegebereich zu beschäftigen, so dass höher qualifizierte Pflegekräfte mehr Zeit für die anspruchsvollere Versorgung am Patienten haben? 

Dr. Mai: Grundsätzlich ist dieser Ansatz in der derzeit vorherrschenden Mangelsituation alternativlos. Dass wir diese Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt führen müssen, liegt allerdings daran, dass sämtliche Maßnahmen der verschiedenen Akteure in den letzten Jahrzenten nicht dazu beitragen konnten, die Situation positiv zu verändern.

Die Wirkung auf die Versorgungsqualität dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht unterschätzen. Die Pflege von Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen ist ein sehr komplexes Feld. Es erfordert eine umfassende und spezialisierte Pflegeausbildung. Die Gesamtverantwortung liegt weiterhin bei den Pflegefachpersonen, die mehr in eine übergeordnete Rolle hineingehen müssen.

Assistenzkräfte haben keinen eigenverantwortlichen Handlungsbereich, sondern unterliegen der kontinuierlichen Delegation. Die Verantwortung für die Erbringung aller pflegefachlichen Tätigkeiten liegt dabei ausschließlich bei den examinierten Pflegefachpersonen. Der Skill-Mix, also die Durchmischung von verschiedenen Qualifikationen innerhalb eines Teams, muss sowohl nach unten als auch nach oben gedacht werden. Die akademische Qualifikation spielt hierbei eine genauso wichtige Rolle, wie der Einsatz von Hilfs- und Assistenzkräften. 

TK: Im Zuge einer Pflegereform 2021 sind weitere Regelungen geplant, die zu Mehrkosten im Pflegebereich führen werden - darunter die Deckelung des Eigenanteils auf 700 Euro für höchstens drei Jahre, eine bessere Bezahlung von Pflegekräften oder die Erhöhung des ambulanten Leistungssatzes um fünf Prozent. Wie sollte Ihres Erachtens die Herausforderung "Finanzierung der Pflege" angegangen werden? 

Dr. Mai: Da es sich bei der Pflege um die allgemeine Daseinsvorsorge handelt, muss der Staat aus meiner Sicht wesentlich mehr als bisher in die Finanzierung einsteigen. Es müssen alle Einkommensarten berücksichtigt werden, dazu gehört auch ein wesentlich höherer Steueranteil um die Pflege entsprechend zu finanzieren. Auch die versicherungsfremden Leistungen sind staatlich zu finanzieren. Beitragssteigerungen, so unbeliebt sie auch sein mögen, können bei diesen Debatten nicht ausgeschlossen werden. Man sollte den Versicherten klar und ehrlich sagen, was auf die zukommt. Jeder will ja eine bessere Versorgung, das kostet halt auch viel Geld!

Zur Person

Dr. Markus Mai wurde am 2. März 2016 zum Präsidenten der bundesweit ersten Pflegekammer in Rheinland-Pfalz gewählt. Bereits seit Januar 2015 hatte Mai sich als Vorsitzender des Gründungsausschusses der Landespflegekammer für die Interessen von Pflegenden engagiert. Der 55-Jährige ist selbst examinierter Krankenpfleger, studierte Pflegemanagement in Mainz und promovierte über den Einsatz von Sturzrisikoassessmentinstrumenten.

Berufspolitisch setzt sich der Vater zweier Kinder unter anderem als Vorsitzender in der Landesgruppe Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Pflegemanagement, im Vorstand des DPV sowie als stellvertretender Vorsitzender des Dachverbandes der Pflegeorganisationen (DPO) RLP ein.