Dr. Claudia Voelcker-Rehage leitet das Projekt PROCARE in Sachsen. Sie ist Professorin für Sportpsychologie mit Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation an der Technischen Universität Chemnitz. Im Interview erklärt sie, wie Prävention im doppelten Sinne helfen kann: bei den körperlichen Einschränkungen der Bewohner und im belastenden Berufsalltag der Pflegenden.

TK: Im Rahmen des Projektes PROCARE implementieren Sie ein Präventionsprogramm in Pflegeeinrichtungen in Sachsen, das sich sowohl an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung als auch an die Pflegebedürftigen in der jeweiligen Einrichtung richtet. Wie muss man sich das Programm in der Praxis vorstellen?

Prof. Voelcker-Rehage: Das Programm für die Pflegekräfte wird nach dem so genannten multimodalen BASE-Konzept erstellt: Wir erstellen für jede Pflegekraft ein individuelles Belastungsprofil - je nachdem in welchem Bereich die Pflegekraft arbeitet. Dazu schauen wir uns die Organisation der individuellen Arbeit sowie den Arbeitsschutz an. Die Ergebnisse dieser Analyse werden den Pflegekräften präsentiert und es werden gemeinsam geeignete Maßnahmen ausgewählt.

Im Anschluss daran werden den Pflegekräften in Kleingruppen über zehn Wochen Bewegungsaufgaben gestellt, die ihnen dabei helfen sollen, ihre Arbeitsanforderungen besser zu erfüllen (sog. AHA-Erlebnisse). Zusätzlich gibt es ein selbstgewähltes Programm an sportlichen Aktivitäten oder Kurse zum Thema Stressmanagement. Die Auswahl der Angebote richtet sich nach den vorher ermittelten Bedarfen und Belastungsprofilen.

Unser Ziel ist es, die Eigenverantwortung der Pflegekräfte zu stärken und sie zu ermächtigen, im Arbeitsalltag besser für sich sorgen zu können. Wir evaluieren diese Maßnahmen auch in Bezug auf diese Aspekte: der Eigenverantwortung und des Empowerments.

Prof. Dr. Claudia Voel­cker-Rehage

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TK: Wie sieht das Präventionsprogramm für die Pflegebedürftigen aus?

Voelcker-Rehage: Bei den Pflegebedürftigen versuchen wir alle gehfähigen als auch nicht gehfähigen Personen zu erreichen. Mit diesen Personen werden vor Beginn des Programms Einzeltests - eine so genannte Testbatterie – zur Ermittlung ihrer Ausgangssituation durchgeführt. Dabei geht es unter anderem um kognitive und motorische Fähigkeiten sowie alters- und krankheitsbedingte Einschränkungen.

Das Präventionsprogramm an sich läuft danach über einen Zeitraum von 16 Wochen mit zwei Einheiten pro Woche. Hauptziele des Programms orientieren sich an den alltäglichen Anforderungen sowie den Wünschen der Pflegebedürftigen. Sie umfassen die Gangschulung, Sturzprophylaxe, Förderung von Beweglichkeit, Denksportaufgaben, Interaktion und Zufriedenheit.

TK: Prävention umfasst viele Bereiche wie Bewegung und Stressbewältigung - wo haben Pflegekräfte den größten Bedarf?

Voelcker-Rehage: Aus Erhebungen der ersten Pflegeeinrichtungen des Projekts am Standort Hamburg bei Prof. Wollesen ist uns bereits bekannt, dass das Heben, Halten und Tragen schwerer Lasten sowie ungünstige Körperhaltungen währenddessen als größte Belastung im Berufsalltag von Pflegekräften empfunden werden. Die Regionen des Ellenbogens sowie der Hüfte sind dabei am stärksten betroffen.

Präventionsmaßnahmen sind auch am Ende der Lebenszeit angebracht und wertvoll.
Prof. Dr. Claudia Voelcker-Rehage
 

Bedarf besteht daher an bewussten körperlichen Ausgleichsübungen, wie zum Beispiel durch Yoga oder Rückenfitnesstraining. Ein weiteres Thema ist Stress durch sehr eng getaktete Dienstpläne und kurze Pausen.

TK: Mit welchen Präventionsangeboten kann man den Pflegebedürftigen am besten helfen? Inwiefern spielen Multimorbidität und Erkrankungen wie Demenz eine Rolle?

Voelcker-Rehage: Reguläre körperliche Aktivität kann bei stationären Patienten zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Knochen- und Muskelschwund vorbeugen oder sogar verbessern. Das haben Studien bereits mehrfach belegt (siehe Crocker et al, 2013; Giangregorio et al., 2014; Moore et al, 2014; Pescatello et al., 2015).

Auch wir versuchen bei unserem Programm, Gesundheitspotenziale und Mobilität zu fördern sowie das Gleichgewicht, die Kraft und Ausdauer zu stärken. Dabei ist auch die soziale Interaktion zwischen den Bewohnern wichtig. Der Erhalt der motorischen, kognitiven und psychosozialen Ressourcen ist insbesondere zur Vorbeugung von Demenz relevant.

TK: Gibt es bereits wissenschaftliche Erkenntnisse über Präventionsmaßnahmen in stationären Pflegeeinrichtungen?

Voelcker-Rehage: Die Ergebnisse zum Einfluss körperlicher Aktivität auf Alltagsfähigkeiten, kognitive Leistungen, Sturzprävention, Despression und die Lebensqualität bei Bewohnern von Pflegeheimen sind heterogen (siehe De Souto Barretto et al., 2015). Allgemeingültige Leitlinien für diese Zielgruppe können noch nicht ausgesprochen werden. Bei der Erstellung des Programms für Pflegebedürftige des PROCARE-Projekts haben wir uns an den Empfehlungen der Internationalen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (IAGG) orientiert.

Diese beinhalten zweimal pro Woche für 35 bis 45 Minuten ein Multikomponenten-Training in Kleingruppen bei moderater Intensität. Es gilt, diese Empfehlungen praktisch in den Pflegeheimen umzusetzen und zu testen. Bisher hat sich gezeigt, dass damit Stürze vermieden werden können. Herauszufinden ist noch, welchen positiven Einfluss der multidimensionale Ansatz zur Prävention motorischer, kognitiver und psychosozialer Ressourcen hat.

TK: Gesund alt werden bzw. die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten, ist der Wunsch vieler Menschen - inwiefern können Präventionsmaßnahmen hierbei helfen?

Voelcker-Rehage: Erhebungen zu den Verweildauern in deutschen Pflegeheimen zwischen den Jahren 2009 und 2014 haben ergeben, dass Männer bis zu ihrem Versterben durchschnittlich 18 Monate im Pflegeheim verweilen, während Frauen ungefähr 35 Monate dort bleiben (siehe Techtmann, Alters-Institut gGmbH, 2015).

Diese Zahlen verdeutlichen, dass bei beiden Geschlechtern Präventionsmaßnahmen auch am Ende der Lebenszeit durchaus angebracht und wertvoll sind. Ziel ist hier auch die Hilfe zur Selbsthilfe: Den Lebensalltag möglichst frei von Gebrechen und Verletzungen durch Stürze und möglichst mobil zu bewältigen.

TK: Wie wird es uns gelingen, dass Fachkräfte in Pflegeberufen so lange wie möglich arbeiten können? Ist die Prävention in der Pflege bisher zu kurz gekommen?

Voelcker-Rehage: Durch das steigende mediale Interesse an dem Thema wird klar, dass eindeutig ein Defizit besteht. Wir sollten versuchen, den Pflegeberuf wieder attraktiv zu machen und zwar durch Maßnahmen, welche den Pflegealltag erleichtern und mehr Zeit für den einzelnen Pflegebedürftigen erlauben.

Wir müssen uns wieder mehr auf die Pflegenden fokussieren, sie mit Hilfe von Experten bei ihrer Arbeit sprichwörtlich entlasten und sie vor allem in der Planung und Durchführung spezieller Maßnahmen im Rahmen des so genannten Setting-Ansatzes einbeziehen. Das  Betriebliches Gesundheitsmanagement wird in Pflegeheimen bisher kaum umgesetzt. Das muss sich ändern.