Deshalb müssen jetzt tragfähige und innovative Konzepte gefunden werden, die die Sicherung der Pflege - insbesondere der Altenpflege - gewährleisten. Dabei gilt es, Lösungen zu suchen, die einen Pflegenotstand verhindern, die Attraktivität des Pflegeberufs steigern, aber auch die veränderten Bedürfnisse der zu Pflegenden und ihrer Angehören aufgreifen. Digitale Lösungen können dazu beitragen, Pflegekräfte, aber auch Angehörige zu entlasten. Deshalb regt die TK an, die Digitalisierung in der Pflege stärker in den Blick zu nehmen.

Digitale Lösungen im Versorgungsalltag nutzen 

a) Pflegebedürftige und ihre Angehörigen entlasten

Um die Pflege stark und zukunftsfest zu machen, müssen pflegende Angehörige deutlich stärker unterstützt werden. Rund 44 Prozent der Pflegebedürftigen in Hamburg werden nach einer vdek-Auswertung von Angehörigen versorgt. Dies entspricht auch dem Wunsch der meisten Menschen, möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben. Das zeigt der TK-Meinungspuls Pflege. Gerade hier bietet der technische Fortschritt Chancen auf Entlastung und Unterstützung. 

Die TK bietet ihren Versicherten deshalb eine Vielzahl von digitalen Unterstützungsmöglichkeiten. Mit einer neuen Satzungsleistung erleichtert die TK die Nutzung digitaler Hilfsmittel. Hierfür können TK-Versicherte künftig einen Zuschuss von 300 Euro pro Kalenderjahr erhalten. 

Smart Home-Lösungen sollen nach dem Verständnis der TK Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen mehr Sicherheit geben. Sie können Pflegebedürftigen einen längeren Verbleib in der eigenen Häuslichkeit ermöglichen. In einem gemeinsamen Projekt von Philips und der TK, sollen Gesundheitsrisiken, die zu Stürzen führen können, bei Pflegebedürftigen im Vorfeld erkannt werden. Dafür wird ein Hausnotrufsystem mit tragbarem Funksender genutzt.  

Leider sind solche digitalen Lösungen noch nicht Bestandteil des Leistungskatalogs der Pflegekassen.

Die TK schlägt vor: 

Der Leistungskatalog der Pflegeversicherung sollte um Smart Home-Lösungen erweitert werden. Die Pflegeleistungen für sogenannte "wohnumfeldverbessernde Maßnahmen" sollten im Bereich der technischen Hilfen im Haushalt auch für technische Assistenz- und Überwachungssysteme eingesetzt werden dürfen. Dafür braucht es eine klare Definition der Qualitätsstandards und Zulassungsverfahren für solche Anwendungen durch den Gesetzgeber oder die Selbstverwaltung. 

b) Arbeitsalltag von Pflegekräften erleichtern

In der Pflege spielt die Digitalisierung von Arbeitsprozessen, zum Beispiel bei der Pflegedokumentation, bisher kaum eine Rolle. Organisatorische Aufgaben wie etwa die analoge Dokumentation der medizinischen und pflegerischen Tätigkeiten binden erhebliche Ressourcen der Pflegekräfte. Deshalb wäre der Einsatz neuer Technologien in der Pflege ein maßgeblicher Beitrag zur Entlastung. Die Konzertierte Aktion Pflege hat hierzu umfangreiche Vorschläge unterbreitet. Und auch die Gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen haben ein Programm zur Förderung der Digitalisierung in der Pflege aufgelegt (§ 8 Absatz 8 SGB XI). Damit können Pflegeeinrichtungen Mittel für die Anschaffung von neuen Technologien beantragen, deren Einsatz Pflegekräfte entlasten.

Die TK schlägt vor: 

In den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen sollte vorrangig eine elektronische Dokumentation eingesetzt werden. Die Dokumentation sollte dabei auf der Basis von einheitlichen Standards erfolgen, damit sie später auch in einer gemeinsamen Telematikinfrastruktur einrichtungsübergreifend ausgetauscht werden kann. Auch sollten Software-Lösungen zur Abrechnung der Pflegeleistungen mit den Pflegekassen entwickelt werden. Die Pflegeeinrichtungen sollten dazu ermuntert werden, bestehende Fördermittel zur Anschaffung der nötigen Infrastruktur abzufordern und auszuschöpfen.

Insgesamt sollten Pflegeeinrichtungen ermutigt werden, stärker als bisher die Chancen von digitalen Lösungen zu nutzen. Deshalb begrüßt die TK, dass mit dem geplanten "Digitale-Versorgung-Gesetz" (DVG) Pflegeeinrichtungen auch in die Telematikinfrastruktur eingebunden werden sollen. 


Exkurs zu zwei Beispielen aus Hamburg: Länger zu Hause - digital unterstützt

Aktive und Gesunde Quartiere Uhlenhorst und Rübenkamp (AGQua)

Mit dem Projekt AGQua sollen Bewohnerinnen und Bewohner der Quartiere in Uhlenhorst und Rübenkamp in ein nachbarschaftliches Netzwerk eingebettet werden. Ziel ist es, ihnen auch bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Alter die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und einen aktiven Lebensstil in der eigenen häuslichen Umgebung zu ermöglichen. Ergänzt wird dieses Netzwerk durch gesundheitsfördernde Angebote im Quartier, altersgerechte Technik-Assistenzsysteme in den Wohnungen und eine elektronisch unterstützte Gesundheitsberatung vor Ort. 

Zu den technischen Assistenzsystemen gehört beispielsweise ein Fußbodenbelag, der im Falle eines Sturzes einen automatischen Notruf absendet. Oder ein Präsenzmelder, der feststellt, dass niemand mehr zu Hause ist, sodass sich Licht und Herd automatisch ausschalten. 

Ein Quartiersmanager übernimmt die Vernetzungsaufgaben zu lokalen Dienstleistern in die reale Welt. Mit Hilfe einer speziellen App können nachbarschaftliche Unterstützungsmöglichkeiten und Kontakte angebahnt werden.

Das Projekt wird mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz gefördert. Die TK ist Mitglied im Beirat des Projekts. 

NetzWerk GesundAktiv

Das Modellprojekt NetzWerk GesundAktiv (NWGA) ist ein sektorenübergreifendes Hilfs- und Betreuungsnetzwerk im Quartier. Ältere Menschen, die auf absehbare Zeit hilfs- und pflegebedürftig werden können, erhalten eine auf sie zugeschnittene altersmedizinische Unterstützung durch eine sogenannte "Koordinierende Stelle", die im Albertinen-Haus in Hamburg-Schnelsen angesiedelt ist.

Bestandteil des Projekts ist das technische Assistenzsystem PAUL, das den teilnehmenden älteren Menschen den Zugang zu vorhandenen Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten in ihrem Umfeld erleichtern soll. PAUL steht für "Persönlicher Assistent für Unterstütztes Leben" und ist eine Unterstützungs- und Kommunikationsplattform für Senioren, die extra für das Modellprojekt entwickelt wurde.  

Das NetzWerk GesundAktiv ist von der TK konzipiert worden und erhält über insgesamt vier Jahre eine Förderung in Höhe von bis zu 8,9 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses. 

Politische Impulse 

Einiges ist schon auf den Weg gebracht worden: Mit den Pflegestärkungsgesetzen, dem Pflegepersonalstärkungsgesetz, der Pflegeberufe-Reform und den Vorhaben der Großen Koalition (Konzertierte Aktion Pflege) hat die Bundesregierung gezeigt, dass sie die Personalsituation in der Kranken- und Altenpflege nachhaltig verbessern will. 

In Hamburg haben der Senat und die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz eine Vielzahl von Initiativen zur finanziellen und strukturellen Stärkung der Pflege, der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen auf den Weg gebracht. Dazu gehört zum Beispiel die Allianz für Pflege, mit der sich große Arbeitgeber aus dem Pflegebereich auf hohe Standards im Pflegeberuf verständigen. Des Weiteren richtet Hamburg seine Pflegepolitik darauf aus, für ältere Menschen ein quartiersbezogenes Betreuungsnetz zu schaffen. Dazu gehören die Förderung von neuen Wohnformen im Alter, die Ergänzung professioneller Pflege durch nachbarschaftliche Unterstützung oder der Versuch, die Mobilität älterer Menschen so lange wie es geht zu erhalten. Beispiele hierfür sind das Hamburgische Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetz oder der Hamburger Hausbesuch für Senioren. 

Perspektiven 

Die TK begrüßt, dass die Politik - im Bund, aber auch in Hamburg - die Pflege ins Zentrum rückt. Auch die Hamburger Initiativen gehen in die richtige Richtung. Bemerkenswert ist, dass die Hamburger Politik mit dem Demografie-Konzept alle relevanten Politikbereiche wie Soziales, Stadtentwicklung, Verkehr, Gesundheit und Pflege zusammenführt. Es ist ein ressortübergreifendes Konzept für die älter werdende Stadtgesellschaft. Schwerpunkt des aktuellen Demografie-Konzepts 2030 für Hamburg bildet das Quartier.

Aus Sicht der TK schenkt die politische Diskussion den digitalen Lösungen in der Pflege noch zu wenig Beachtung. Diese bieten die Chance, Pflegekräfte zu entlasten, Pflegebedürftige zu unterstützen und die Autonomie alter Menschen zu erhalten. 

TK-Position "Altenpflege: Perspektiven für Hamburg"

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