Das zeigt eine Sonderauswertung aus dem aktuellen Gesundheitsreport 2021 der Techniker Krankenkasse (TK). Demnach sind Pflegekräfte in Hamburg im Vergleich zu anderen Berufsgruppen besonders belastet. Mit durchschnittlich 23,4 Tagen pro Kopf und Jahr waren sie im Jahr 2020 mehr als acht Tage häufiger krank geschrieben als der Durchschnitt der Erwerbspersonen in der Hansestadt. 

Im Interview erläutert Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, welche Vorschläge die TK hat, um den Pflegenotstand abzuwenden.

TK: Frau Puttfarcken, welche konkreten Vorschläge hat die TK, um dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenzutreten? 

Maren Puttfarcken: Das übergreifende Ziel muss sein, den Pflegeberuf insgesamt attraktiver zu machen. Dafür müssen wir möglichst viele Menschen für die Arbeit in der Pflege begeistern - aber auch an die denken, die jetzt schon in der Pflege tätig sind: Es gilt, auch ihre Arbeitsbedingungen kritisch zu betrachten.   

Maren Puttfarcken

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Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

Dabei ist es wichtig, diejenigen Fachkräfte im Job zu halten, die der Pflege den Rücken kehren. Die durchschnittliche Verweildauer im Beruf beträgt 13,7 Jahre bei den examinierten Krankenpflegern. In der Altenpflege sind es sogar nur 8,4 Jahre. Das ist zu wenig. Wir müssen den Pflegekräften Perspektiven bieten. Dies gilt sowohl für Einsteiger als auch für bereits ausgebildete Fachkräfte. Eine bessere Vergütung wäre ein erster Schritt, aber kein Allheilmittel. Derzeit arbeitet die Hälfte der Pflegenden in Teilzeit. Auch hier sollte man ansetzen und unterschiedliche Arbeitszeitmodelle anbieten. Wenn man das Berufsbild attraktiver macht und den Pflegenden dabei die Möglichkeit zur flexibleren Zeiteinteilung gibt, wären das sicher Möglichkeiten, um mehr Pflegende in Vollzeit zu bringen. Insgesamt braucht es einen richtigen Masterplan für die Pflegeberufe. 

TK: Sie sprechen von einem "Masterplan Pflegeberufe". Was genau steckt dahinter? 

Puttfarcken: Die TK schlägt den 'Masterplan Pflegeberufe' vor. Dieser sollte fünf Handlungsfelder umfassen: 

1.    Eine höhere Vergütung, insbesondere in der Altenpflege

2.    eine größere Lohnspreizung, die die Anreize zur Weiterbildung erhöht und die Qualität der pflegerischen Versorgung stärkt, 

3.    attraktivere Rückkehrangebote nach einer beruflichen Auszeit oder Beschäftigung jenseits der Pflege, 

4.    eine altersgerechte Arbeitsorganisation, um auch ältere Pflegekräfte im Beruf halten zu können und 

5.    neue Karrierepfade und Aufgabenfelder, die die berufliche Laufbahn am Bett und im Umfeld interessanter machen.

Wir wissen, dass wir diese Ziele nur erreichen können, wenn wir dabei koordiniert handeln. Das ganze Thema ist sehr komplex und letztlich eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Neben Bund, Ländern und Kommunen müssen auch öffentliche und private Kostenträger sowie die Leistungsbringer und -träger eingebunden werden, außerdem natürlich auch die Tarifpartner. 

TK: Ein großes Thema sind ja auch die pflegenden Angehörigen, da der größte Teil der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt wird. Gibt es hier auch Vorschläge? 

Puttfarcken: Es stimmt, der größte Teil der Pflegebedürftigen - mehr als 70 Prozent - wird zu Hause gepflegt. Damit sind die 'informell' Pflegenden eigentlich der größte Pflegedienst des Landes. Diese dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, sie müssen entlastet werden. Als Pflegeversicherung unterstützen wir den Wunsch vieler, möglichst lange ein selbstständiges Wohnen in den eigenen vier Wänden zu führen. Wir glauben, dass der technische Fortschritt auch in diesem Bereich Möglichkeiten zur Unterstützung und Entlastung bietet. 

Smart-Home-Lösungen können für Sicherheit bei Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sorgen. Wenn der Betroffene etwa unter Schwindelattacken leidet, können Sensoren oder Bewegungsmelder, die auf Aktivitäten oder Stürze reagieren, eine bessere Ergänzung sein als eine barrierefreie Dusche. Dies hat das Hamburger Projekt "Vernetztes Wohnen im Quartier" eindrucksvoll gezeigt. 

Derzeit werden Smart-Home-Lösungen aber noch nicht im Leistungskatalog der Pflegeversicherung berücksichtigt. Wir schlagen daher vor, dass die Leistungen für "wohnumfeldverbessernde Maßnahmen" um technische Assistenz- und Überwachungssysteme ergänzt werden. Hier ist die Politik gefragt. Erst dann können wir als Pflegekasse auch digitale Angebote in der Pflege vorantreiben. 

TK: Frau Puttfarcken, was tun Sie konkret in Hamburg? 

Puttfarcken: In der Häuslichen Krankenpflege haben wir uns zum Beispiel mit der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Hamburg (AGFW) darauf verständigt, bei der Steigerung der Personalkosten zwischen tarifgebundenen und nicht-tarifgebundenen Pflegediensten zu differenzieren. Pflegedienste mit Tarifbindung erhalten demnach eine höhere Vergütung, als Anbieter, die keinen Tariflohn zahlen. Dienste ohne Tarifbindung erhalten ein Vergütungsplus, wenn sie belegen, dass sie die Löhne ihrer Beschäftigten erhöhen. Damit verbundenen sind Nachweis- und Prüfverfahren. Wir verstehen das als Anreiz für Anbieter, ihre Pflegekräfte angemessen zu bezahlen. Zugleich senden wir damit natürlich auch ein Signal an jene Anbieter, die bisher noch keine Tarifbindung haben. 

Außerdem fördert die TK ein Projekt des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zur Stress- und Traumaprävention , welches Pflegekräfte in schwierigen und psychisch belastenden Arbeitssituationen unterstützt.  Es ist eines von vier ausgewählten Entwicklungsprojekten des UKE, die seit 2019 aus dem Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse (TK) gefördert werden. Im Projekt werden kollegiale Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, so genannte Peer-Beratende, für Gespräche nach besonders belastenden Arbeitssituationen ausgebildet. So können die Pflegekräfte am UKE zeitnah, niedrigschwellig und fachgerecht unterstützt werden.

Hintergrund

Mit dem " Masterplan Pflegeberufe " schlägt die TK fünf konkrete Handlungsfelder vor, wie der Pflegeberuf wieder attraktiver werden kann. Die  TK-Positionen zur Bundestagswahl 2021 gibt es zum Nachlesen auf tk.de.