TK: Schwierige Konfliktsituationen zu meistern gehört wohl in jedem Pflegeheim zum Alltag. Vor diesem Hintergrund ist es lobenswert, wenn sich Einrichtungen im Bereich der Gewaltprävention engagieren. Trotzdem gilt Gewalt als gesellschaftliches Tabu-Thema. Wie haben Sie den neun hessischen Pflegeheimen, die bei PEKo mitmachen, die Berührungsängste genommen?

Prof. Beate Blättner

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Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit

Prof. Beate Blättner: Es sind engagierte Heime, die verstanden haben, dass sie ohne eine Auseinandersetzung mit dem Tabu-Thema nicht weiterkommen. Sie wissen, dass das Thema da ist und sich nicht dadurch lösen lässt, dass man es verschweigt. Es sind keine Heime, in denen Gewalt öfters vorkommt als anderswo. Es sind Heime, die besser werden wollen, besser für die Pflegebedürftigen und besser für ihre Beschäftigten.

PEKo unterstützt eine Auseinandersetzung, die die Heime andernfalls alleine führen müssten. Dennoch darf man nicht unterschätzen, dass PEKo für die Heime auch mit einem Zusatzaufwand verbunden ist. Umso höher ist ihr Engagement zu schätzen.

TK: Warum ist es so wichtig, dass im Rahmen von PEKo jedes Pflegeheim den Gewaltbegriff zunächst für sich definiert?

Prof. Blättner: PEKo ist ein partizipatives Projekt, denn die Beteiligung der Beschäftigten ist die Voraussetzung dafür, dass die entwickelten Maßnahmen alltagstauglich sind und auf Dauer auch wirklich umgesetzt werden. Wenn wir die Gewaltdefinition vorgeben, dann geht das zwar schneller, aber die Sensibilisierung für das Thema findet nicht statt. Also wäre das Projekt am Ende nicht wirklich nachhaltig, würde nicht umgesetzt oder die Sensibilisierung müsste auf anderem Wege nachgeholt werden, was möglicherweise sogar länger dauern würde. Die Einrichtungen formulieren dies für sich selbst ganz toll. Sie sagen: "Wir haben einen Grundsatz: Jeder Einzelne weiß eine ganze Menge. Wenn wir aber darüber sprechen und das Thema gemeinsam bearbeiten, wissen wir danach deutlich mehr."

TK: In jedem Pflegeheim, das sich am Projekt beteiligt, wird ein sogenanntes PEKo-Team gegründet, das gemeinsam gewaltpräventive Maßnahmen und Aktivitäten entwickelt. Wo gibt es in den neun hessischen PEKo-Teams Parallelen und an welchen Stellen unterscheiden sich die Teams inhaltlich?

Prof. Blättner: Zunächst gibt es einige Elemente, die zum Konzept von PEKo gehören und deshalb immer in irgendeiner Form dabei sind: Neben der Gewaltdefinition ist es das Arbeiten in Teams aus Beschäftigten mit unterschiedlichen Aufgaben und aus verschiedenen Hierarchiestufen, das Bekanntmachen des Projektes im gesamten Haus, die Situationsanalyse und konkrete Zielformulierung, die Entwicklung eines konkreten Ablaufplanes, was nach einem Gewaltereignisse passieren soll, Schulungen oder Workshops und konkrete Handlungsempfehlungen, die idealerweise in einem in sich schlüssigen Konzept zusammengeführt werden. Aber jede Einrichtung macht dies anders. Die einen arbeiten mit Rollenspielen, andere integrieren Fallbesprechungen in die Dienstversammlungen und den Dritten ist es besonders wichtig, das Thema Gewalt in das Konzept der Einarbeitung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu integrieren. 

TK: Können Sie uns einige Beispiele für Maßnahmen zur Prävention von Gewalt nennen, die die Pflegeheime bereits entwickelt und ausprobiert haben?

Prof. Blättner: Vorweg möchte ich sagen, dass sich die Einrichtungen darin einig sind, dass Personalmangel ein ganz großes Problem ist, das eng mit dem Thema Gewalt zusammenhängt. Ebenso ist aber wichtig zu sagen, dass die Einrichtungen nicht bei der Forderung nach mehr Personal stehen bleiben. Wichtig finde ich, dass in den Einrichtungen konkrete Handlungsanleitungen entwickelt werden, was in Akutsituationen zu tun ist.

Das sind manchmal ganz einfache Dinge. Eine Einrichtung formuliert z. B. "Wenn Bewohner eine Grenze überschreiten, verlasst die Situation und schützt Euch selbst, holt Kollegen zu Hilfe, äußert und zeigt Eure Grenzen, nehmt die Bedürfnisse oder die geäußerte Not der Bewohner ernst und wahrt ihre Würde, erklärt, wenn ihr gerade keine Zeit habt und wann ihr Euch Zeit nehmen könnt, denkt auch immer an das Krankheitsbild der Bewohner, bleibt auf der sachlichen Ebene!“ So einfach das scheint, es ist wichtig, es klar zu formulieren. 

TK: Im Hessischen Gesetz über Betreuungs- und Pflegeleistungen, das 2012 in Kraft getreten ist, wurde bestimmt, dass alle hessischen Pflegeheime bereits heute Konzepte zur Gewaltprävention vorhalten müssen. Welche Konzepte haben Sie in den hessischen Pflegeheimen, die sich nun an PEKo beteiligen, vorgefunden? 

Prof. Blättner: Uns hat positiv überrascht, wieviel die Heime schon tun: Es gibt beispielsweise interdisziplinäre Fallbesprechungen, Pflegevisiten, Teamgespräche, Supervision, Schnittstellenmanagement zur Gewaltprävention. Sicher war dafür hilfreich, dass in Hessen Heime Konzepte zur Gewaltprävention vorhalten müssen, aber ich denke es war auch Eigenmotivation dabei. 

TK: Wie und an welchen Stellen kann PEKo in bereits vorhandene Gewaltpräventionskonzepte eingebunden werden?

Prof. Blättner: In fast jeder Einrichtung wurden von den Beschäftigten Verbesserungsvorschläge eingeholt, wie bereits bestehende Maßnahmen weiterentwickelt oder neue Maßnahmen integriert werden können. Das ist genau in unserem Sinne. Es soll nichts doppelt gemacht werden, sondern das Bestehende gewürdigt und weiterentwickelt werden. Die besondere Stärke von PEKo ist das einrichtungsspezifische Vorgehen: PEKo unterstützt jede Einrichtung, an bestehenden Strukturen anzusetzen und einen eigenen Weg zu gehen.

Zur Person:

Prof. Beate Blättner lehrt seit 2003 an der Hochschule Fulda im Fachbereich Pflege und Gesundheit. Von 2007 bis 2019 war sie Studiendekanin des Fachbereichs. Seit 2017 leitet Blättner den Studiengang Hebammenkunde. Bevor sie zur Hochschule Fulda kam, hatte sie von 2000 bis 2003 eine Professur an der Fachhochschule Neubrandenburg im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit inne. 1985 schloss Blättner ihr eigenes Studium an der Universität Bamberg mit einem Diplom in Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung ab. 1997 hat sie an der Universität Hannover promoviert.