TK: Frau Schulz-Asche, Sie haben sich Anfang November das Projekt PEKo im Alten- und Pflegeheim Anlagenring in Frankfurt angeschaut. Was hat Sie dabei vor Ort besonders beeindruckt?

Kordula Schulz-Asche: Besonders beeindruckt hat mich die Atmosphäre im Haus, die sich offensichtlich wohlfühlenden Bewohner, aber dann auch die Begeisterung, mit der die Pflegekräfte und MitarbeiterInnen über ihre Arbeit im Projekt berichteten. 

Kordula Schulz-Asche

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Pflege- und altenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen.

TK: Was halten Sie insgesamt vom Projekt PEKo?

Schulz-Asche: Tagtäglich sind sowohl die Bewohner als auch das Personal mit Gewalt oder angespannten Situationen konfrontiert - für alle Seiten eine erhebliche Belastung. Das Projekt adressiert allerdings nicht nur konkrete Gewalterfahrungen und deren Prävention, sondern verbessert insgesamt die Kommunikation und die Arbeitsabläufe aller Menschen in der Einrichtung.

TK: Haben Sie sich in Ihrer Funktion als pflegepolitische Sprecherin Ihrer Fraktion bereits zuvor mit dem Thema Gewalt in der Pflege näher beschäftigt?

Schulz-Asche: Ja, leider immer wieder. Von daher war das Projekt für mich besonders interessant: Wie kann man im Alltag der Pflege das Thema Gewalt professionell adressieren und damit auch Gewalt verhindern?

TK: Vor Ihrem Studium und Ihrem Eintritt in die Politik haben Sie eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Haben Sie während Ihrer Tätigkeit als Krankenpflegerin selbst Gewaltsituationen erlebt oder beobachtet?

Schulz-Asche: Ja. Damals war das Bewusstsein, was Gewalt ist, leider noch nicht so ausgeprägt wie heute. Fixierungen waren an der Tagesordnung. Sexuelle Übergriffe konnten damals nur schwer angesprochen werden. Man kann mit Sicherheit sagen: Früher war nicht alles besser.

TK: Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um Gewalt in der Pflege vorzubeugen?

Schulz-Asche: Entscheidend ist, meiner Ansicht nach, dass Gewalt und deren Prävention überhaupt erst einmal zum Thema gemacht werden - dazu braucht man eine systematische, fachliche Begleitung, wie dies bei PEKo der Fall ist. Insbesondere für Gesundheitswissenschaftler ist das Thema Gewalt auch ein wichtiges Forschungsthema. Wir brauchen mehr Erkenntnisse, in welchen Situationen, mit welchen Akteuren und aus welchen Gründen Gewalt entsteht. Diese Erkenntnisse gehören dann auch zurück in die Praxis.

TK: Hessen ist eines von wenigen Bundesländern, in denen gesetzlich verankert ist, dass Pflegeheime Gewalt-Präventionskonzepte vorhalten müssen. Warum gibt es keine Bundesgesetzgebung, die alle Pflegeheime in Deutschland dazu verpflichtet?

Schulz-Asche: Ich würde mir die hessische Regelung in jedem Bundesland wünschen. Das Thema lässt sich nicht einfach von oben vorschreiben. Es gibt viel Überzeugungsbedarf, sich mit dem Thema Gewalt zu beschäftigen - nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Pflegekräften. Dabei helfen Vorzeigeprojekte wie PEKo, vor allem aber auch ein berufsständisches Selbstverständnis der Pflege, welches durch eine Pflegekammer gestärkt werden könnte. Eine Bundesgesetzgebung kann gut auf den konkreten Regelungen und Erfahrungen der Länder aufbauen.

Zur Person

Kordula Schulz-Asche wurde 1956 in Berlin geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst eine Ausbildung als Krankenschwester. Danach studierte sie an der FU Berlin Kommunikationswissenschaften, Geschichte und Politologie. Das Studium schloss sie 1989 ab. 1983 zog Schulz-Asche für die Alternative Liste (heute: Landesverband Bündnis 90/Die Grünen Berlin) ins Berliner Abgeordnetenhaus ein und wurde die jüngste Fraktionsvorsitzende in der deutschen Parteiengeschichte.

Von 1986 bis 1998 war sie in verschiedenen Ländern Afrikas in der Gesundheitsaufklärung tätig. 1999 stieg sie für Bündnis90/Die Grünen wieder in die Politik ein, zunächst im Main-Taunus-Kreis. Von April 2003 bis Oktober 2013 war Schulz-Asche Mitglied im Hessischen Landtag. 2013 zog sie erstmals als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag ein. Dort ist Schulz-Asche Mitglied des Gesundheitsausschusses. Sie ist seit 2017 alten- und pflegepolitische Sprecherin ihrer Fraktion.