Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen und Pflegekräften findet alltäglich statt. In einer Befragung des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung gab jede neunte befragte Pflegekraft an, in den vergangenen drei Monaten mindestens einmal beobachtet zu haben, wie ein Kollege oder eine Kollegin Gewalt gegenüber einem zu Pflegenden ausübte. Aber auch Gewalterfahrungen in die andere Richtung sind keine Seltenheit: Ein Drittel des Personals in Pflegeheimen erlebt mindestens einmal im Laufe des Berufsleben körperliche Übergriffe durch Pflegebedürftige oder deren Angehörige.

Die Gründe für Gewalt sind vielfältig. Zum einen hat die Anzahl von latent-gewaltbereiten Bewohnern in Pflegeheimen zugenommen. Das wiederum liegt an der gestiegenen Rate von Demenzkranken, die häufig Schwierigkeiten haben, ihr Verhalten zu kontrollieren. Außerdem steigt die Anzahl von Pflegeheimbewohnern, die bereits in früheren Jahren - also vor ihrer Pflegebedürftigkeit - psychisch und psychiatrisch auffällig geworden sind. Gleichzeitig müssen immer mehr Pflegekräfte immer mehr Pflegebedürftige betreuen. Viele Beschäftigte fühlen sich deshalb oft gestresst, erschöpft und hilflos. 

Bisher nur wenige Studien über Wirksamkeit von Gewaltinterventionen

Obwohl Gewalterfahrungen im Pflegeheim-Alltag immer wieder vorkommen, gibt es bisher nur wenige Angebote zur Prävention von Gewalt. Darüber hinaus existieren bislang kaum belastbare Studien über die Wirksamkeit entsprechender Interventionen. Das von der TK geförderte Präventionsprojekt "PEKo" geht diese beiden Problemfelder aktiv an. Die Abkürzung PEKo steht für "Partizipative Entwicklung von Konzepten zur Prävention von Gewalt in der stationären Pflege". Bundesweit nehmen an dem Modellprojekt etwa 50 Pflegeeinrichtungen in den Bundesländern Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt teil. 

Mit Unterstützung durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hochschule Fulda sowie der Universitäten Halle-Wittenberg und Lübeck entwickelt jedes am Projekt teilnehmende Pflegeheim sein eigenes, individuelles Gewaltpräventionskonzept. Diese Konzepte könnten z.B. Maßnahmen enthalten wie die Einführung einer systematischen Erfassung von Gewaltvorfällen, eine ansprechendere Gestaltung von Gemeinschaftsräumen oder auch die Durchführung von regelmäßigen Schulungen für das Pflegeheim-Personal. 

Die Experten der Hochschulen unterstützen die Einrichtungen bei der Ausarbeitung und Durchführung der Maßnahmen, und helfen auch dabei, diese langfristig in den Alltag der Heime zu implementieren. Darüber hinaus wird die Wirksamkeit der durchgeführten Aktivitäten wissenschaftlich evaluiert, sodass am Ende des Projektes wichtige Erkenntnisse darüber vorliegen werden, welche Aktionen tatsächlich die Gewaltbereitschaft des Pflegeheim-Personals und der Pflegebedürftigen reduzieren. Es werden Handlungsleitfäden entstehen, von denen Pflegeheime in ganz Deutschland profitieren. Die TK hat PEKo in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Lübeck entwickelt und fördert die Umsetzung des Projektes finanziell - im Rahmen des Präventionsgesetzes und des Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetzes. 

Vorbildliches Engagement der teilnehmenden Pflegeheime

Neun der Pflegeheime, die aktuell das Projekt PEKo durchführen, befinden sich in Hessen - in den Regionen rund um Fulda und Frankfurt. Die hessischen Pflegeheime werden durch Prof. Beate Blättner von der Hochschule Fulda und ihrem Team wissenschaftlich begleitet. Anders als in den meisten anderen Bundesländern ist es in Hessen bereits gesetzlich verankert, dass jedes Pflegeheim ein Konzept zur Gewaltprävention vorhalten muss. Das Projekt PEKo kann in den hessischen Pflegeheimen also bereits auf etwas Vorhandenes aufbauen. 

Es bleibt wichtig festzuhalten, dass die teilnehmenden Pflegeheime keinesfalls ein Gewaltproblem haben. Es handelt sich vielmehr um vorbildliche Einrichtungen, die keine Scheu davor haben, anzuerkennen, dass es überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen - nun eben auch in Pflegeheimen - theoretisch zu Gewalt kommen kann. Die Einrichtungen ergreifen mit dem Projekt die Initiative, um mit geeigneten Methoden möglichen Gewaltereignissen rechtzeitig entgegenzuwirken. 

Wie läuft das Projekt vor Ort konkret ab?

Jedes an PEKo teilnehmende Pflegeheim entscheidet individuell für sich, welche gewaltreduzierenden Maßnahmen und Aktionen es in seiner Einrichtung durchführen will. In jedem Pflegeheim wird dazu ein Entscheidungs- und Planungsgremium - ein sogenanntes PEKo-Team - gegründet. Dieses Team ist interdisziplinär zusammengesetzt. Das heißt, es besteht nicht nur aus Pflegekräften, sondern im besten Falle auch aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung, sozialen Betreuung, Hauswirtschaft und Haustechnik. Die Aktivitäten und Maßnahmen sollen an der Mitarbeiter-Basis entwickelt werden. Im optimalen Fall sind Führungskräfte also nicht Teil des PEKo-Teams.

Das PEKo-Team trifft sich einmal im Monat, um gemeinsam mögliche Maßnahmen und Aktionen zu diskutieren und zu planen. Bei diesen Treffen werden die hessischen Einrichtungen von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Hochschule Fulda unterstützt. Die Expertinnen moderieren die Treffen und geben fachlich-wissenschaftlichen Input. Die aktive Projektdauer beträgt zwölf Monate.

Die Mitglieder der PEKo-Teams müssen zu Beginn des Projektes zunächst einrichtungsindividuell klären, was der Gewaltbegriff für sie genau bedeutet. Das ist essentiell, denn nach dieser Definition richtet das PEKo-Team später alle seine Aktivitäten und Maßnahmen aus. Gleichzeitig erfolgt durch diese intensive Diskussion bereits frühzeitig eine große Sensibilisierung für das "Tabu"-Thema Gewalt.

Um die Wirksamkeit der beschlossenen und durchgeführten Maßnahmen wissenschaftlich auswerten zu können, werden im Laufe des Projektes insgesamt drei Befragungen in den teilnehmenden Pflegeheimen durchgeführt. Die erste Befragung findet vor dem Start von PEKo statt; eine zweite wird ca. sechs Monate nach Beginn des Projektes durchgeführt und die dritte nach dessen Abschluss. Bei diesen Erhebungen werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pflegeheimen darüber befragt, ob sie selbst bereits Gewalt ausgeübt haben oder erfahren mussten bzw., ob sie Gewalt an und von anderen beobachtet haben. 

Regelmäßiger Austausch zwischen allen PEKo-Pflegeheimen

Damit die Pflegeheime auch vom Wissen und den Erfahrungen der anderen am Projekt teilnehmenden Pflegeheime profitieren, gibt es in regelmäßigen Abständen einrichtungsübergreifende PEKo-Treffen, bei denen Vertreter aller Frankfurter Einrichtungen und aller Pflegeheime aus dem Raum Fulda zum Austausch zusammenkommen. Darüber hinaus gibt es im Laufe der Modellprojektphase auch Zusammenkünfte aller am Projekt teilnehmenden Pflegeheime deutschlandweit.

Ein wesentliches Ziel von PEKo ist es, dass die Pflegeheime die entstandenen Anti-Gewalt-Konzepte dauerhaft in ihren Alltag implementieren. Die gewaltreduzierenden Aktivitäten sollen in den Einrichtungen auch über die wissenschaftlich begleitete Projektphase hinaus eigenständig weitergeführt werden. Es ist in diesem Zusammenhang geplant, dass die PEKo-Teams in den Einrichtungen nach Projektabschluss weiterhin bestehen bleiben. Auch einen einrichtungsübergreifenden Austausch soll es nach dem offiziellen Projektende in regelmäßigen Abständen weiter geben.

Wenn die Pflegeheime nach Projektende noch Unterstützungsbedarf bei der Implementierung der Maßnahmen in ihren Alltag haben, können Sie auch über das eigentliche Projektende hinaus noch eine bestimmte Zeit von der TK finanziell gefördert und von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Hochschule beraten werden. 

Da die ersten Erfahrungen mit dem Projekt vielversprechend sind, gibt es aktuell Überlegungen, das Projekt PEKo auch auf die ambulante Pflege und Kliniken auszuweiten. Die TK ist hierfür mit der Hochschule Fulda sowie den Universitäten Lübeck und Halle im Gespräch.

Gesetzlicher Hintergrund:

Im Präventionsgesetz, das 2015 in Kraft getreten ist, haben die Pflegekassen erstmals einen Präventionsauftrag für ihre Versicherten in stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen erhalten. Im Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz, das zum 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist, wurden die Krankenkassen darüber hinaus dazu verpflichtet, in betriebliche Gesundheitsförderungsprogramme zu investieren, die Pflegekräften in Pflegeheimen und Kliniken zugutekommen. Das Projekt PEKo richtet sich an beide Zielgruppen - zu Pflegende und Pflegende. Die TK bedient hier somit beide gesetzliche Aufträge und ist sowohl in ihrer Funktion als Pflege- als auch als Krankenkasse aktiv.