TK: In Hessen ist gesetzlich geregelt, dass Pflegeheime schon heute zwingend ein Konzept zur Gewaltprävention vorhalten müssen. Auch Ihre Einrichtung hatte bereits vor PEKo ein solches Konzept. Wie sah das aus?

Anna Grundel: Unser Konzept zur Prävention von Gewalt gegen Bewohner und Bewohnerinnen und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entstand bereits 2013. Die Hessische Betreuungs- und Pflegeaufsicht hatte bereits 2012, als erstes Bundesland in Deutschland, den entsprechenden Paragrafen (§ 8 HBPG) in das Hessische Betreuungs- und Pflegegesetz aufgenommen. Ein Konzept zur Gewaltprävention wurde darin als Anforderung an die Altenpflegeeinrichtungen definiert.

Unsere Pflegedienstleitung entwickelte das Konzept damals selbst, auf Grundlage der aktuellen Erkenntnisse in der Gewaltprävention. Das Konzept beinhaltete bereits eine umfassende Definition von Gewalt, Beispiele für Situationen, in denen unterschiedliche Gewaltformen in unserem Pflegealltag vorkommen können sowie Maßnahmen zur Intervention und Prävention sowie die Benennung von Ansprechpartnern. 2016 wurde das Konzept von mir überarbeitet und aktualisiert und noch einmal alle Mitarbeitenden geschult. In den Schulungen wurde auch unser Umgang mit "freiheitsentziehenden Maßnahmen" als eine pflegespezifische Form der Gewalt integriert.

Anna Grundel

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Leiterin und Geschäftsführerin des Alten- und Pflegeheims Anlagenring in Frankfurt

TK: Warum war Ihnen - trotz bereits vorhandenem Anti-Gewaltkonzept - eine Teilnahme am PEKo-Projekt so wichtig? Was erhoffen Sie sich vom Projekt?

Grundel: Für mich war das ausschlaggebende Argument, dass unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selbst, mit Hilfe einer professionellen, externen Moderation, das Gewaltpräventionskonzept evaluieren und weiterentwickeln - also das Partizipative in dem Projektdesign.

Das Phänomen von Gewaltentstehung in der stationären Pflege ist hoch komplex und geht weit über die furchtbaren Einzelfälle, die in der Presse häufig für Entsetzen sorgen, hinaus. Gewalt ist in unserem Alltag oft viel subtiler und stiller, meist nicht kriminell oder absichtsvoll, aber eben dennoch ein Problem für die Betroffenen, das über längere Zeit zu gesundheitlichen Problemen und Leid führen kann. Um dies zu verhindern, braucht es hochgradig sensible Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, eine offene Kommunikation über gewaltgeprägte Situationen und die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren.

Dies ist durch ein schriftliches Konzept, das im besten Fall einmal jährlich für alle Mitarbeitenden in einer Schulung kommuniziert wird, nicht zu erreichen. Es braucht eine sehr alltagsnahe Handlungshilfe und ein Bekenntnis der Mitarbeitenden zu dem Thema. Diese Übertragung unseres Konzepts in den Alltag der Menschen im Haus hat uns noch gefehlt. Ich erhoffe mir also, dass das PEKo-Projekt unserem Konzept Leben einhaucht.

TK: Wie haben Ihr Personal, Ihre Bewohnerinnen und Bewohner und deren Angehörige bisher auf das Projekt reagiert?

Grundel: Ich muss sagen, dass ich immer wieder erstaunt bin, mit wie viel Gelassenheit die Beteiligten auf das Thema reagieren. Ich benutze bei Informationen für Bewohner und Bewohnerinnen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Bezugspersonen eigentlich immer das Wort "Gewalt", ohne es zu umschreiben oder abzuschwächen. Ab und zu merkt man dann, dass das Gegenüber verwundert schaut. Dann ergänze ich ein paar erläuternde Sätze, aber mehr ist in der Regel nicht nötig.

Ich denke die Akzeptanz für ein solches Projekt ist gegeben, weil die Menschen eigentlich wissen, dass Gewalt ein alltägliches Thema ist. Wenn sie sich das bewusst machen, wissen sie es zu schätzen, dass wir uns aktiv damit auseinandersetzen, anstatt zu warten, bis etwas Schlimmes passiert.

TK: Die konkreten Maßnahmen und Aktivitäten im Rahmen des Projektes werden in jedem Pflegeheim von einem sog. PEKo-Team diskutiert und erarbeitet. Wie ist das PEKo-Team Ihrer Einrichtung personell zusammengesetzt und wie läuft ein Treffen des Teams in aller Regel ab?

Grundel: Mir war es sehr wichtig, dass das PEKo-Team möglichst frei diskutieren kann und sich jeder und jede traut, etwas beizutragen. Daher habe ich vorgegeben, dass das Team ohne Leitungskräfte arbeiten soll (hierarchiehomogen) und dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus allen Abteilungen vertreten sein sollen. Bei uns sind das Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus der Hauswirtschaft, der sozialen Betreuung, der Verwaltung und natürlich der Pflege. Die Bereitschaft, in dem Team mitzuwirken, war in allen Abteilungen gegeben.

Insgesamt treffen sich die neun Teilnehmer und Teilnehmerinnen einmal im Monat für 1,5 Stunden und arbeiten unter Anleitung einer externen Moderatorin der Hochschule Fulda an dem Gewaltpräventionskonzept. Die Ergebnisse der Sitzungen werden dokumentiert und den Leitungskräften zur Verfügung gestellt. Das PEKo-Team und die Leitungskräfte beraten dann in einer gemeinsamen Sitzung darüber, welche Maßnahmen umgesetzt werden und mit welcher Priorität.

TK: Welche Maßnahmen und Aktionen hat Ihre Einrichtung im Rahmen von PEKo bereits entwickelt oder geplant?

Grundel: Die erste Rückmeldung war, dass das Gewaltpräventionskonzept in seiner ursprünglichen Form als ganz in Ordnung eingeschätzt wurde. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Aber alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen des PEKo-Teams waren sich einig darüber, dass es zu wenig bekannt sei. Um es besser an die anderen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen heranzutragen, sollte es verständlicher, kürzer und alltagsnäher werden.

Bisher wurde sich darauf geeinigt, dass alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Zugang zum gesamten Konzept haben müssen (nicht nur die Pflege), um dort bestimmte Inhalte nachlesen zu können. Darüber hinaus muss es aber eine Kurzfassung als Schaubild geben, die als Aushang in den Dienstzimmern hängen soll. Darauf sollen die wichtigsten Notfallinterventionen zu finden sein und ein Hinweis auf das Gesamtkonzept.

Außerdem entwickeln die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen derzeit eine Ergänzung zu der alten Schulung, in der Szenen aus dem Alltag gespielt werden und die Schulungsteilnehmer und -teilnehmerinnen mit einbezogen werden können. Dies dient u.a. dazu, auch Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die Sprachbarrieren haben, einen Eindruck für die Problematik zu vermitteln.

TK: Ein wesentliches Ziel von PEKo ist es, dass die erarbeiteten Maßnahmen auch über das Ende des Projektes in den Einrichtungen fortgeführt werden. Wie werden Sie sicherstellen, dass die Aktivitäten langfristig in den Alltag Ihrer Einrichtung implementiert werden?

Grundel: Zum einen haben wir die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des PEKo-Teams zu Multiplikatoren und Multiplikatorinnen für das Thema benannt. Die Identifikation mit der Herausforderung einer gewaltfreien Einrichtung ist bei den Teilnehmer und Teilnehmerinnen sehr hoch. Ich hoffe deshalb, dass sie kontinuierlich Maßnahmen zur Weiterentwicklung bei mir einfordern werden.

Zudem haben wir wöchentliche Fallbesprechungen in der Pflege eingeführt, in denen auch Probleme mit Gewalt thematisiert werden können und Mitglieder des PEKo-Teams dazu eingeladen werden können.

Die überarbeitete Schulung für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen soll ab 2020 wieder jährlich durchgeführt werden und neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollen bei Einstellung das Gewaltpräventionskonzept zusammen mit den Einstellungsunterlagen erhalten. Ob das ausreicht, müssen wir im Verlauf sehen. 

Zur Person

Anna Grundel wurde 1984 in Wiesbaden geboren. Von 2003 bis 2006 absolvierte sie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in der hessischen Landeshauptstadt. Anschließend studierte sie Gesundheitsmanagement an der Hochschule Fulda. Ihren Bachelor-Abschluss erhielt sie 2009. Direkt im Anschluss absolvierte Grundel ein Masterstudium "Public Health" an der Hochschule Fulda, wo sie von 2010 bis 2016 auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Ab 2015 war sie Qualitätsbeauftragte und stellvertretende Leiterin des Alten- und Pflegeheims Anlagenring in Frankfurt. Seit 2018 ist sie deren Leiterin und Geschäftsführerin.