Viele fühlen sich in diesen emotional sehr herausfordernden Situationen überfordert und ohnmächtig. Deshalb hat das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) mit seiner Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie das Projekt "Stress- und Traumaprävention" ins Leben gerufen. Eines von vier ausgewählten Entwicklungsprojekten des UKE "INside HR', die seit 2019 aus dem Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse (TK) unterstützt werden. 

Im Interview erklären Michael van Loo, Leiter des Geschäftsbereichs Personal am UKE, und Thomas Holm aus dem Gesundheitsmanagement der TK was das Projekt besonders macht und warum es gerade in Corona-Zeiten wichtig ist, über ein solches Tool zu verfügen.

TK: Herr Holm, warum ist die Vorbeugung von Stress und psychischer Belastung im Pflegeberuf aus Sicht der TK wichtig?

Thomas Holm: Die psychische Gesundheit und persönliche Stabilität ist in der Pflege besonders stark gefährdet. Die Anzahl der zu betreuenden Patienten ist kontinuierlich gewachsen - und der Umgang mit Ihnen  wird vermehrt rauer; es kommt häufiger zu An- und Übergriffen. Kein Wunder, dass selbst bei größtem Idealismus der Gedanke wächst: Warum tue ich mir das eigentlich an? Und setze mich nun auch noch der Ansteckungsgefahr des Corona-Virus am stärksten aus? Es kann deshalb gar nicht genug getan werden, um die motivierten, aber stark belasteten qualifizierten Pflegekräfte auch durch eine gezielte und dauerhafte Gesundheitsförderung zu unterstützen - besser: zu schützen!   

Thomas Holm

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Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse (TK)

TK: Warum fördert die TK ausgerechnet dieses, doch eher ungewöhnliche Projekt?

Holm: Der Prozess, der hier entwickelt wird ist wegweisend. Ziel ist die Erhöhung der individuellen Resilienz der Mitarbeitenden und die der Teams. Im besonders fordernden Bereich der Akutmedizin werden betriebseigene Multiplikatoren qualifiziert und etabliert. Mit einer kollegialen Peer-Beratung stehen sie allen Pflegekräften, die besonders schwere emotionale Belastungen erleben, zur Verfügung. Das geschieht auch vorbeugend. Mittlerweile lassen sich auch Ärzte zu Peers weiterbilden. Das wertet die Struktur noch weiter auf und verändert die Kultur des Miteinanders. Ich werde schon jetzt von anderen Kliniken gefragt, ob man das nachahmen kann. Man kann; man sollte! 

Mittlerweile lassen sich auch Ärzte zu Peers weiterbilden. Das wertet die Struktur noch weiter auf und verändert die Kultur des Miteinanders. Thomas Holm, TK-Gesundheitsmanagement

TK: Herr van Loo, wie unterstützt das Projekt zur Stress- und Traumaprävention Pflegende am UKE, mit psychisch belastenden Situationen besser umzugehen?

Michael van Loo: Das von unseren Expertinnen und Experten aus der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie geleitete Projekt verfolgt vor allem zwei Ziele. Einerseits wollen wir durch Fortbildungen zu den Folgen psychisch stark belastender Arbeitssituationen und einem konstruktiven Umgang das Wissen über und die Sensibilität für chronischen und extremen Stress erhöhen. Das auch schon im Rahmen der Ausbildung - ein weiteres von der TK unterstütztes Projekt - vermittelte Wissen soll präventiv wirken und unterstützen. Darüber hinaus ist es uns wichtig, unsere Beschäftigten nach besonders belastenden Arbeitssituationen zeitnah, niedrigschwellig und fachgerecht zu unterstützen. Dafür haben wir eine Ausbildung und Begleitung von kollegialen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern, also Peer-Beratenden, für Gespräche nach besonders belastenden Arbeitssituationen entwickelt und etabliert. 

Michael van Loo

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Leiter Geschäftsbereich Personal am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE). Nils Lucas

Es ist uns wichtig, unsere Beschäftigten nach besonders belastenden Arbeitssituationen zeitnah, niedrigschwellig und fachgerecht zu unterstützen. Michael van Loo, Leiter Geschäftsbereich Personal am UKE

TK: Als das Projekt 2019 gestartet ist, konnte man das Ausmaß der Corona-Pandemie noch nicht absehen. Konnte das UKE in dieser besonders belastenden Situation von dem Tool profitieren?

van Loo:  Durch die COVID-19-Pandemie begegnen den UKE-Beschäftigten vielfältige Herausforderungen, wie zum Beispiel ein hohes Arbeitsaufkommen, vermehrt kritisch kranken Patienteninnen und Patienten, die Arbeit unter Isolationsbedingungen oder in neuen Bereichen beziehungsweise Teams. Hinzu kommt die Sorge um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen - und die Befürchtung, nicht nach den gewohnten moralischen Standards handeln zu können. Um unsere Mitarbeitenden in dieser Situation bestmöglich zu unterstützen, bieten wir ihnen ein umfangreiches Informations- und Beratungsangebot an. Die erfolgreich erarbeiten Tools des Projekts "Stress- und Traumaprävention" liefern hier einen wichtigen Baustein und geben den Beschäftigten Halt. Oftmals wirkt allein das Wissen, dass ich diese Unterstützung im Fall des Falles in Anspruch nehmen kann, schon beruhigend und unterstützend. Zudem sind die Peer-Beratenden Mitglieder von Teams in zum Teil schwer zugänglichen Bereichen und können psychosozialen Fachkräften den "Wasserstand an der Basis" vermitteln. Damit hat das psychosoziale Krisenmanagement in unserem Haus ein weiteres wichtiges Element gewonnen.

Hintergrund

Der Pflegeberuf muss gestärkt und die Digitalisierung in der Pflege vorangetrieben werden. Die TK  möchte mit ihren Projekten Wegbereiter und Impulsgeber sein. Einen Überblick über aktuelle Hamburger Projekte und Angebote der TK werden auf der Themenseite " Gut gepflegt in Hamburg " zusammengefasst.