TK: Frau Staatssekretärin, kürzlich haben Sie persönlich gemeinsam mit der TK und dem Klinikum Stuttgart auf die Gefahren eines Schütteltraumas bei Babys hingewiesen. Das Thema Geburt steht zudem mit einem Runden Tisch in Ihrem Fokus. Welche politischen Ziele verbinden Sie damit?

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Bärbl Mielich MdL, Staatssekretärin im Sozialministerium Baden-Württemberg

Mielich: Ich erlebe bei vielen schwangeren Frauen derzeit eine große Verunsicherung, insbesondere wenn es darum geht, eine Hebamme zu finden. Und in der Tat ist zum Beispiel die Nachsorge durch eine Hebamme mancherorts schwierig geworden, einfach weil es nicht überall genug Hebammen dafür gibt. Auch Krankenhäuser haben Schwierigkeiten, genug Personal zu finden und können weniger Gebärende aufnehmen.

Deshalb wollen wir gemeinsam mit allen beteiligten Berufsgruppen ein Versorgungskonzept auf den Weg bringen, durch das wir Geburtshilfe so organisieren können, dass Mutter und Kind gut versorgt sind - vor, während und nach der Geburt. Dadurch schaffen wir die Rahmenbedingungen dafür, dass Frauen weiterhin selbst entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringen, ob Zuhause, in einem Geburtshaus oder in einer Klinik. Keine schwangere Frau in Baden-Württemberg soll sich Sorgen machen müssen, dass sie und ihr Kind rund um die Geburt nicht gut versorgt sind.

TK: Im Bereich der Geburtshilfe liegen viele Entscheidungskompetenzen auf der Bundesebene. Zugleich forderte die Bundestagsfraktion der Grünen zuletzt einige Reformmaßnahmen zur Stärkung der natürlichen Geburt und Senkung der Kaiserschnittraten. Wie sehen Sie hier Ihre Rolle?

Mielich: Wir können auf Landesebene in der Tat nicht alle bestehende Probleme rund um die Geburtshilfe lösen. Das gilt gerade auch für die hohen Haftpflichtprämien für Hebammen. Diese haben zwischenzeitlich eine Höhe erreicht, die sowohl von den freiberuflichen Hebammen als auch von den Krankenhäusern kaum noch zu schultern ist. Hier ist der Bund gefordert, zu Lösungen zu kommen.

Aber auch auf Landesebene können wir viel erreichen. Wir schauen uns zum Beispiel ganz genau die Arbeitsbedingungen der Hebammen an und versuchen, Wege zu finden, damit Hebammen länger in ihrem Beruf bleiben, denn jetzt scheiden viele sehr früh aus. Und was Initiativen zur Stärkung der natürlichen Geburt angeht, so waren wir hier im Land Vorreiter. 2014 hat das Sozialministerium auf meine Initiative hin eine entsprechende Kampagne durchgeführt. Auf der guten Zusammenarbeit von Frauenärztinnen und Frauenärzten, Krankenhäusern und Hebammen bauen wir in unserem Runden Tisch jetzt auf. 

TK: Daneben gibt es weitere Vorhaben Ihrer Koalition, wie etwa die Umsetzung der Enquetekommission Pflege. Mit über 600 Handlungsempfehlungen erscheint dies als sehr umfangreiche Aufgabe. Welche strategischen Schwerpunkte werden durch die Landesregierung hier gesetzt?

Mielich: Mit ganz oben auf der Prioritätenliste steht das Thema Quartiersentwicklung. Minister Manne Lucha und mir geht es darum, den sozialen Lebensraum in den Nachbarschaften, Stadtvierteln, Dörfern und Gemeinden in Baden-Württemberg so zu stärken, dass insbesondere ältere Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf so lange und selbständig wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können - und zwar in Ballungsgebieten ebenso wie im ländlichen Raum.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir mit der Erarbeitung einer landesweiten Strategie zur Quartiersentwicklung begonnen. Einen ersten großen Aufschlag machen wir in diesem Jahr mit einem Ideenwettbewerb für Kommunen. Kommunen können bis zu 100.000 Euro für die Umsetzung alters- und generationengerechter Konzepte gewinnen.

Neben der Quartiersentwicklung gibt es viele weitere Bereiche, um die wir uns verstärkt kümmern. Heute ist es unter anderem die Digitalisierung, die Möglichkeiten in der Diagnose und Therapie von Krankheiten sowie in der Krankenversorgung und Pflege eröffnet, die noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen sind. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Möglichkeiten konsequent zum Wohle der Patientinnen und Patienten weiterentwickelt werden. Unser Ziel ist es, dass neue Versorgungsformen, die das digitale Zeitalter ermöglicht, tatsächlich flächendeckend in der medizinischen und pflegerischen Praxis eingesetzt werden können - bisher ist das zu selten der Fall.

Und wir wollen die mittlerweile vorhandene große Bandbreite der verschiedenen Wohn- und Pflegeangebote im Land weiter ausbauen und verfestigen. Jeder Mensch soll so lange wie er will in seiner vertrauten Umgebung bleiben können. Dies ist nur möglich, wenn die Pflegeangebote eng miteinander vernetzt sind und fließende Übergänge zwischen den verschiedenen Versorgungsformen zulassen. Dafür brauchen wir neben häuslicher Pflege und Heimunterbringung weitere Alternativen wie zum Beispiel Wohngruppen für Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf.

TK: Kürzlich gaben Sie zudem den Startschuss für die Quartiersentwicklung. Neue Technologien und der Einsatz von Telematik werden auch die Pflege verändern. Wie wird Ihrer Meinung nach Pflege im Jahr 2030 aussehen?

Mielich: Die pflegerische Versorgung kann und wird stark von der Digitalisierung profitieren. So ermöglicht beispielsweise die Televisite eine enge Zusammenarbeit von Pflegeheimen und behandelnden Hausärzten und -ärztinnen, so dass Patienten und Patientinnen aus einem stationären Klinikaufenthalt früher als heute in ihre gewohnte Umgebung zurück verlegt werden können.

Digitale Unterstützungssysteme wie der automatische Hausnotruf und Apps zur Kontrolle oder der regelmäßigen Weitergabe von Vitalwerten an die behandelnde Hausärztin oder den behandelnden Hausarzt werden die häusliche Pflege vereinfachen. Für Patientinnen und Patienten, die möglichst lange zu Hause bleiben wollen, können digitale Technologien also wesentlich zur Stärkung der Selbstständigkeit und Sicherheit beitragen - gerade auch in strukturschwachen Gebieten.

Doch aller technischen und digitalen Fortschritte und Errungenschaften zum Trotz: Technik wird den Faktor Mensch und die Empathie in der Pflege niemals ersetzen können. Auch in Zukunft werden deshalb gut ausgebildete Fachkräfte im Mittelpunkt einer gut ausgebauten Pflegeinfrastruktur stehen. Diese Fachkräfte des Jahres 2030 bereits heute für eine Ausbildung im Pflegebereich zu gewinnen, sie gut auszubilden und konsequent fortzubilden, ist eine der großen Aufgaben, denen wir uns gemeinsam mit den anderen Akteuren im Gesundheits- und Pflegebereich stellen.

TK: Zum Abschluss eine persönliche Frage. Nach 10 Jahren parlamentarischer Arbeit im Landtag und 20 Jahren im Kreistag sind Sie nun im zweiten Jahr in der Exekutive im Ministerium für Soziales und Integration tätig. Gibt es eine bestimmte Erkenntnis oder ein Erlebnis, an das Sie sich bereits jetzt besonders erinnern?

Mielich: Nach meiner Ernennung dachte ich noch: Wenn ich jetzt Staatssekretärin bin, dann geht politisches Handeln ganz schnell – von der Idee bis zur Umsetzung. Ich musste jedoch schon bald feststellen, dass vieles seine Zeit braucht und nicht so einfach umzusetzen ist, wie ich mir das früher als Oppositionspolitikerin, aber auch noch als Fachabgeordnete während Grün-Rot, gedacht hatte. Auf der anderen Seite ist es enorm zufriedenstellend, Gestaltungsspielräume in so einem breit aufgestellten Haus zu haben. Das empfinde ich nicht nur als Verantwortung, sondern auch als eine große Bereicherung.