Hamburg, 16. November 2020. Im laufenden Jahr 2020 sind weniger Kinder zu früh auf die Welt gekommen als im Vorjahr. So lag der Anteil frühgeborener Kinder in der Zeit von Januar bis September 2020 bei der Techniker Krankenkasse (TK) bei 4,7 Prozent - ein Viertel weniger als im Vorjahreszeitraum. 2019 hatte der Anteil in diesem Zeitraum 6,3 Prozent betragen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der TK zum Weltfrühgeborenentag (17. November 2020). 

Effekte genau untersuchen 

"Der Rückgang an Frühgeburten ist sehr erfreulich", sagt TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas. "Jetzt müssen wir die Zusammenhänge besser verstehen." Es bleibe jedoch auch abzuwarten, ob es sich um einen anhaltenden Trend handelt. Seit 2008 liegt Deutschland mit einer Frühgeburtenrate von mehr als acht Prozent auf einem der hinteren Plätze in Europa. Jedoch ist weitgehend unklar, woher die Unterschiede zwischen den Ländern kommen. Einige Risikofaktoren für zu frühe Geburten sind mittlerweile bekannt, beispielsweise mütterliche Infektionen, Bluthochdruck und Depressionen. Baas: "Mit unserem Geburtenreport konnten wir hier bereits 2017 signifikante Zusammenhänge aufzeigen. Es ist wichtig, solchen Hinweisen in Studien weiter nachzugehen und daraus Empfehlungen für die Verbesserung der Versorgung abzuleiten." 

Bringt der Corona-Lockdown neue Erkenntnisse?

Eine dänische Forschergruppe hatte die Zahl der Frühgeburten in der Zeit des "harten Lockdowns" von Mitte März bis Mitte April mit Daten aus den Vorjahren verglichen und festgestellt, dass in Dänemark - bei insgesamt gleichbleibender Frühgeborenenrate - weniger Kinder vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden. In den TK-Daten fand sich dagegen kein Rückgang bei den extrem früh geborenen Kindern. Sollte sich nach Auswertung des gesamten Jahres 2020 ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Pandemie und Frühgeburten zeigen, könnte dies eine Chance sein, weitere Erkenntnisse zu gewinnen. 

"Dabei sollten wir uns fragen, was genau anders ist durch coronabedingte Maßnahmen" sagt Professor Dr. Harald Abele, Uniklinik Tübingen - einer der Experten, der an der im letzten Jahr neu erschienenen Leitlinie zur Prävention und Therapie von Frühgeburten mitgewirkt hat. "Bislang gibt es einige Theorien, aber noch keine konkreten Hinweise, ob sich zum Beispiel das Stressempfinden der Schwangeren verändert hat." Auch über eine andere Inanspruchnahme von ambulanten und stationären Versorgungsleistungen werde bislang nur spekuliert. Letztlich ist unklar, ob es regionale Unterschiede gibt, die sich im Spiegel des Gesamtkollektivs hervorheben, so Abele weiter.

Frühgeborene haben höhere Gesundheitsrisiken als reif geborene Kinder
Etwas Geduld braucht es also noch, bis mehr Daten vorliegen. Dann aber sollten diese auch weiter ausgewertet werden. Dr. Jens Baas: "Je genauer wir verstehen, wie Frühgeburten vermieden werden können, desto besser lassen sich Versorgungsangebote zur Prävention entwickeln." So haben Frühchen nicht nur in den ersten Lebenswochen und -monaten mehr Gesundheitsprobleme als reif geborene Kinder. Verglichen mit Babys, die mit einem normalen Geburtsgewicht und rund um den errechneten Termin auf die Welt gekommen sind, haben sie laut TK-Kindergesundheitsreport auch in den Folgejahren ein deutlich höheres Krankheitsrisiko, zum Beispiel für leichte und mittlere Entwicklungsstörungen (plus 44 Prozent). Auch Sehbeeinträchtigungen treten verstärkt auf (plus 33 Prozent).

Mehr Sehstörungen bei Frühgeborenen 

Eine aktuelle Sonderauswertung zum Kindergesundheitsreport untermauert diesen Befund: Mit acht Jahren leiden früh geborene Kinder häufiger als reif geborene Kinder unter Weitsichtigkeit (plus 49 Prozent), Hornhautverkrümmung (plus 49 Prozent) und allgemeiner Sehschwäche (plus 71 Prozent). Und das unabhängig davon, ob sie bereits als Neugeborene Probleme mit den Augen hatten.

Direkter Draht zur Hebamme

Die TK stellt ihren Versicherten ausführliche, auf die Schwangerschaftswochen zugeschnittene Informationen in der kostenfreien App TK-Babyzeit zur Verfügung, damit werdende Mütter diese Zeit mit mehr Sicherheit meistern können. Schwangere können bei individuellen Fragen auch direkt aus der App heraus per Chat, Videotelefonie oder Anruf mit einer Hebamme vom TK-Ärztezentrum sprechen.

Hinweis für die Redaktion

Der aktuellen TK-Auswertung zu Frühgeburten liegen Abrechnungsdaten zu Entbindungen aus den Jahren 2019 und 2020 zugrunde. 
Der TK-Kindergesundheitsreport und die Vorgängeruntersuchung, der TK-Geburtenreport , der insbesondere Zusammenhänge von mütterlichen Vorerkrankungen und Kaiserschnittgeburten aufzeigt, sind online verfügbar. 
Mit Stand Oktober 2020 hat die TK 10,7 Millionen Versicherte.