Fuldatal, 15. Juli 2021. Was ist Cybermobbing? Zum ersten Mal setzt sich die fünfte Klasse der Gesamtschule Fuldatal als Klassengemeinschaft mit dieser Frage auseinander. Es ist der dritte Projekttag im Anti-Mobbing-Programm "Gemeinsam Klasse sein". Das Präventionsprojekt soll die Schülerinnen und Schüler für Mobbingsituationen sensibilisieren und sie sollen lernen, wie sie sich und andere vor Mobbing schützen können - ganz gleich ob in der analogen oder in der digitalen Welt.

Der Baustein "Worte können verletzen" nimmt das Phänomen "Cybermobbing" unter die Lupe. Botschaften, wie: "Keiner mag dich" oder "Alle wollen, dass du gehst" treffen Kinder hart und können auf Dauer krank machen. "Oft leiden die Betroffenen in der Folge unter Übelkeit und Erbrechen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder entwickeln Depressionen. In schweren Fällen ist sogar eine psychiatrische Behandlung in einer Klinik notwendig", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen. "Unsere Studie Cyberlife III, die wir zusammen mit dem Bündnis gegen Cybermobbing in Auftrag gegeben haben, hat ergeben, dass die Opfer vor allem durch Beschimpfungen gemobbt werden, durch Lügen, die andere über sie verbreiten, durch Ausgrenzung oder indem peinliche Fotos oder Filme von ihnen verbreitet werden", so Voß. Das zeige, wie wichtig es sei, mit den Schülerinnen und Schülern auf die Wirkungen solcher Nachrichten einzugehen.

"Wer gemobbt wird und Angst vor seinen Mitschülerinnen und Mitschülern hat, kann weniger gut lernen", ergänzte Kultusminister Lorz. "Deswegen sind Projekte wie "Gemeinsam Klasse sein" so wichtig, die einen präventiven Ansatz verfolgen und Mobbing und Cybermobbing gar nicht erst entstehen lassen. Die steigende Nachfrage unserer Schulen nach dem Projekt zeigt, dass wir mit diesem Thema einen Nerv treffen." 

Über 100 Schulen für Projekt zertifiziert

Laut der Studie ist bundesweit jede sechste Schülerin und jeder sechste Schüler von Cybermobbing betroffen. Und die Opfer werden offenbar immer jünger: Nach Aussagen der Eltern ist bereits jedes zehnte Grundschulkind schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden. "Wir setzen in dem Projekt auf erprobte Werkzeuge, die die Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, sich gegen Mobbing und Cybermobbing zu wehren. Wir tragen dazu bei, die Kinder zu stärken, damit sie gesund bleiben", ergänzt Voß. Dass auch viele Schulen von der positiven Wirkung des Projekts überzeugt sind, zeigt die Nachfrage: Aktuell sind 108 weiterführende hessische Schulen für die Durchführung des Projekts "Gemeinsam Klasse sein" zertifiziert.

Schulleiterin Stephan für Prävention in Präsenz

Schulleiterin Liane Stephan positioniert sich klar zu dem Projekt und den Chancen, die sie darin sieht: "Wir nehmen Präventionsarbeit und damit auch das Thema Mobbing sehr ernst. Die Entscheidung in den Schulgremien für "Gemeinsam Klasse sein" und sich damit hier noch breiter aufzustellen, war sehr eindeutig. Durch die Pandemie hat sich unser Projektbeginn etwas verzögert, wir wollten die Thematik mit den Klassen aber unbedingt in Präsenz bearbeiten. Wir glauben, dass wir im direkten Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern die größten Erfolgsaussichten haben, sie für Mobbing und Cybermobbing zu sensibilisieren, Mobbingfälle zu vermeiden und das Thema nachhaltig wirken zu lassen." 

Fortbildung für Lehrkräfte

Bevor "Gemeinsam Klasse sein" an einer Schule umgesetzt werden kann, erfolgt eine spezielle Fortbildung für Lehrkräfte, die möglichst bereits Vorerfahrungen mit Mobbing- und oder Gewaltprävention haben und das Programm an ihrer Schule betreuen sollen. Die Fortbildungen werden landesweit von den für Gewaltprävention zuständigen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen an den Staatlichen Schulämtern zusammen mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus dem Landesprojekt "Gewaltprävention und Demokratielernen" durch jeweils zwei halbtägige Veranstaltungen angeboten. 

Die jeweiligen Schulen können auf einer Online-Plattform bereitgestellte, umfangreiche und kostenfreie Materialien nutzen und damit beispielsweise eine Projektwoche oder einzelne Projekttage gestalten. Neben den Materialien bietet die Plattform verschiedene Schulungsfilme, die die Lehrkräfte bei der Umsetzung und Kommunikation des Projekts unterstützen. Zudem sind weiterführende Hinweise verfügbar, die aufzeigen, wie es den Schulen am besten gelingt, Mobbingprävention nachhaltig zu etablieren. 

Kinder erarbeiten Anti-Mobbing-Strategien

In den Unterrichtseinheiten lernen die Kinder, wie Mobbing und Cybermobbing definiert sind, und trainieren unter anderem in speziellen Rollenspielen, wie sie positiv und konstruktiv miteinander umgehen. Verschiedene Filme und Erklärvideos machen deutlich, welche Folgen Mobbing für die Betroffenen hat. In Gesprächen erarbeiten die Schülerinnen und Schüler zudem, was sie selbst tun können, um sich zu schützen und Mobbing gar nicht erst entstehen zu lassen. 

Hintergrund

"Gemeinsam Klasse sein" ist ein erprobtes Konzept zur Mobbingprävention. Hervorgegangen ist das Projekt aus dem Anti-Mobbing-Koffer, den die TK bereits 2008 entwickelt und bundesweit in Kooperation mit Kultusministerien für Schulen bereitgestellt hat. Die Beratungsstelle Gewaltprävention der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg und die TK haben das Konzept im Rahmen einer Kooperation für das neue Anti-Mobbing-Projekt komplett überarbeitet und alle Bausteine neu entwickelt.

Im Schuljahr 2018/2019 wurde "Gemeinsam Klasse sein" erfolgreich mit etwa 100 Klassen aus Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein umgesetzt. Seit dem Schuljahr 2019/2020 wird das Projekt gemeinsam mit den zuständigen Fachbehörden und Ministerien auch in den folgenden Bundesländern angeboten: Berlin, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen-Anhalt. Hessen hatte das Projekt ebenso für das vergangene Schuljahr eingeplant. Coronabedingt musste es auf das jetzige Schuljahr 20/21 verschoben werden. Inzwischen kamen noch Thüringen, Baden-Württemberg und Brandenburg dazu, sodass "Gemeinsam Klasse sein" in insgesamt zwölf Bundesländern umgesetzt wird.