TK: Der Supersommer 2018 bescherte der Tourismusbranche im Land Rekordeinnahmen. Wie kann sich die Tourismuswirtschaft in M-V weiterentwickeln, um unabhängig von äußeren Faktoren zu werden?

Wolfgang Waldmüller: Zwei Dinge sind es, die den Rahmen bei dieser Fragestellung setzen: Erstens Konjunkturschwankungen kennzeichnen das Wesen aller Wirtschaftskreisläufe, und zweitens Mecklenburg-Vorpommern ist ein klassisches Sommerreiseziel. Will sagen: An der Tatsache, dass der sommerliche Trubel an Stränden und Seen – und damit einhergehend in Betten und Restaurants – größer ist als der winterliche – darauf werden wir keinen Einfluss haben, solange die Helpter Berge kein Alpenmaß haben. Die nachfragestärksten Monate im Gastgewerbe sind seit Jahren die Sommermonate, insbesondere die Ferienzeiten.

Allerdings: Die Saison hat sich in den letzten Jahren zeitlich ein Stück weit entzerrt. Immer mehr Gäste nutzen den Herbst für einen Kurzurlaub. Knapp ein Viertel aller Übernachtungen fallen inzwischen auf den Zeitraum von September bis November – rund zehn Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Auch im Winter – von November bis April – reisen immer mehr Menschen nach Mecklenburg-Vorpommern. Betrug der Anteil der Übernachtungen 1998 mit 19,3 Prozent noch ein knappes Fünftel des Gesamtaufkommens, war es 2017 mit 26,8 Prozent bereits mehr als ein Viertel. Diese Entwicklung ist auch Ergebnis eines konzertierten Marketings, das unter anderem die Saisonverlängerung im Blick hat. Die Vorzüge des Herbstes und des Winters müssen immer wieder konkret benannt werden. Das machen wir seit Jahren unter anderem mit einer groß angelegten Herbst-Winterkampagne unter dem Titel „Das Schönste am Herbst“, die im Berliner Raum auf aktuelle Kurzreiseangebote und Veranstaltungen in der Nebensaison hinweist. Mit der Kampagne stützen wir auch die beispielgebenden Nebensaisonangebote, angefangen bei Kranichwanderungen über Wellnessangebote mit regionalen Heilmitteln bis hin zu kulinarischen Reihen wie etwa „Kühlungsborn kocht“ oder den Wildwochen auf Usedom. Der Gast braucht klare Anreize für die Nebensaison, dann reist er auch.

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Wolfgang Waldmüller, Präsident des Tourismusverbands Mecklenburg-Vorpommern

TK: Mecklenburg-Vorpommern verfügt über zwei ausgezeichnete medizinische Fakultäten. Der Ruf der Universitätsmedizinen ist exzellent. Wie kann der Tourismus im Land von den starken Impulsen des Gesundheitswesens und der Gesundheitswirtschaft profitieren?

Wolfgang Waldmüller: Grundsätzlich müssen wir hier differenzieren zwischen a) dem Medizintourismus in Verbindung mit Akutkliniken wie den Universitätsmedizinen und b) dem Gesundheitstourismus, der der Prävention dient. Für den Medizintourismus sind, insbesondere bei Gästen aus dem Ausland, spezielle Voraussetzungen zu erfüllen, angefangen bei den Sprachkenntnissen des Personals über eine entsprechende Akquisition und Betreuung bis hin zur Bereitstellung einer Infrastruktur, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Gästegruppe ausrichtet. Wenn es uns gelingt, diese Bedingungen zu erfüllen, können touristische Anbieter unmittelbar von dieser neuen Gästeklientel profitieren.

Im Bereich der Prävention gibt es bereits eine enge Verbindung zwischen Gesundheits- und Tourismuswirtschaft. So gibt es zwischen Ostseeküste und Seenplatte beispielsweise Rehakliniken, die ein breites Angebot für Selbstzahler haben. Hotels beschäftigen Personal mit therapeutischer Expertise, um ihren Gästen einen gesundheitsfördernden Aufenthalt bieten zu können und kooperieren mit örtlichen Gesundheitszentren. Die Landesregierung hat sich eine stärkere Verzahnung der beiden Branchen Gesundheits- und Tourismuswirtschaft im „Masterplan Gesundheitswirtschaft“ auf die Fahnen geschrieben und unterstützt diesen Prozess bereits seit drei Jahren erfolgreich mit der Initiative "Gesundes MV", die federführend vom Landestourismusverband koordiniert wird.

TK: Mecklenburg-Vorpommern hat den Anspruch Gesundheits- und Urlaubsland Nummer Eins in Deutschland zu sein. Wie muss sich das Bundesland entwickeln, um diesem Anspruch gerecht zu werden?

Wolfgang Waldmüller: Den Titel "Urlaubsland Nummer Eins" tragen wir bereits. Nirgendwo anders in Deutschland verbrachten im Jahr 2017 mehr Deutsche ihren Urlaub als in Mecklenburg-Vorpommern. Das ging aus der Reiseanalyse 2018 der Forschungsgruppe Urlaub und Reisen hervor.

Beim Thema "Gesundheitsland Nummer Eins" haben wir uns auf den Weg gemacht. Wir verfügen über beste natürliche Ressourcen, angefangen bei der Rügener Heilkreide bis hin zur Warener Thermalsole. Die Qualität der medizinischen Versorgung ist hervorragend. Allerdings macht sich in diesem Bereich auch in Mecklenburg-Vorpommern der Fachkräftemangel bemerkbar. Einige Kurorte haben bereits Schwierigkeiten, einen Badearzt für die Gäste vorzuhalten, und Termine für ambulante Therapien werden knapper. Hier gilt es, Initiativen zu entwickeln und zu stärken, die Fachkräfte in den Nordosten locken und langfristig binden. Um dies zu erreichen, muss der Gesundheitstourismus ein frischeres Image bekommen, und zwar weg vom "Ich muss zur Kur" hin zu "Ich möchte etwas für meine Gesundheit tun." Dazu gehört auch eine Verjüngungskur einiger Kurorte und Heilbäder selbst.

Eine entsprechende Analyse (Kompetenzanalyse der Heilbäder und Kurorte) und darauf aufbauende Empfehlungen ließen sich bereits rund ein Dutzend Orte, darunter die Ostseebäder Göhren und Warnemünde sowie Waren (Müritz), in den letzten Jahren erstellen.

Die Beispiele zeigten übrigens, dass Maßnahmen, die den Gesundheitstourismus stärken, oftmals auch der einheimischen Bevölkerung zugutekommen und so den Weg zum „Gesundheitsland Nummer eins“ ebnen. So können beispielsweise Gäste des HanseDoms in Stralsund auch Angebote basierend auf traditioneller chinesischer Medizin nutzen. Damit noch mehr Gäste einen Gesundheitsurlaub in MV verbringen, müssen Kompetenzen und Angebote in MV noch bekannter gemacht werden. Wir bauen deshalb weiterhin auf den Ausbau des zielgruppenspezifischen Marketings, unter anderem mit dem Projekt "Gesundes MV". Das Potenzial derer, die einen Gesundheitsurlaub in MV verbringen möchten, ist übrigens mit etwa sechs Millionen sehr hoch.