Das Thüringer Gesundheitsministerium und viele andere Akteure des Thüringer Gesundheitswesens, darunter auch die TK, unterstützen das Projekt. Wissenschaftlich entwickelt und validiert wurde und wird es von der Universität Erfurt, dem Designbüro Lindgrün, dem Universitätsklinikum Jena und dem Robert Koch-Institut. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert impfen60+ über das Konsortium InfectControl2020.

Im Interview erklärt die Leiterin des Verbundprojektes, Prof. Cornelia Betsch von der Universität Erfurt, wie die Kampagne aufgebaut ist und warum sich wissenschaftliche Forschung in der Prävention lohnt.

TK: Frau Betsch, warum gibt es so ein großes Impf-Aufklärungsprojekt, das sich besonders an Menschen der Altersgruppe 60+ richtet?

Cornelia Betsch: Ausgangspunkt waren die zu niedrigen Impfquoten der über 60-Jährigen für Grippe und Pneumokokken. Denn das sind zwei ganz wichtige Impfungen in dem Altersbereich. Der Schweregrad der Erkrankung und auch die Sterblichkeit steigen deutlich, wenn wir älter werden.

Sprich: Wenn es einen erwischt, ist es relativ wahrscheinlich, dass man im Krankenhaus landet. In diesem Alter ist es besonders wichtig, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, denn viele ältere Menschen sind danach deutlich weniger vital als vorher. Natürlich möchten wir auch Todesfälle vermeiden.

Impfen ist verglichen mit allen anderen Maßnahmen immer noch der beste Schutz.
Prof. Cornelia Betsch

Gleichzeitig gibt es viel Forschung dazu, dass Impfen schützt. Es ist klar, dass die Influenzaimpfung keine perfekte Impfung ist. Wir haben ja immer wieder Diskussionen darüber, dass sie nicht so effektiv sei. Aber Impfen ist verglichen mit allen anderen Maßnahmen immer noch der beste Schutz.

TK: Was hat Sepsis mit Grippe und Pneumokokken zu tun?

Cornelia Betsch: Sepsis ist die schwerste Verlaufsform und Reaktion des Körpers auf eine Infektion. Aus so gut wie jeder Infektion kann eine Sepsis entstehen. Das passiert, wenn die Abwehrkräfte des Körpers nicht nur die Erreger der Infektion, sondern auch körpereigene Organe angreifen. Sepsis verläuft oft tödlich oder geht mit lange andauernden Folgen einher.

Eine der häufigsten Ursachen für Sepsis in Deutschland ist eine Lungenentzündung. Grippe und Lungenentzündung können das Immunsystem zudem so schwächen, dass sie andere Infektionen begünstigen, die ihrerseits eine Sepsis auslösen können. Und insgesamt zeigt sich: Die Allgemeinheit weiß darüber zu wenig. Wissen kann hier Leben retten - denn bei einer Sepsis ist höchste Eile geboten.

TK: Was ist der Unterschied von impfen60+ zu anderen Präventionskampagnen?

Cornelia Betsch: Dass wir uns vorher genau angeschaut haben, was unsere Zielgruppe bewegt. Wir müssen Verhalten verstehen, um es zu verändern. Sonst funktioniert Prävention eher als Glückstreffer. Unser Ankerpunkt ist eine Repräsentativbefragung von Thüringerinnen und Thüringern über 60. Darin haben wir die fünf Gründe für Impfmüdigkeit erfasst und geschaut, welche Rolle sie bei der Gruppe 60+ spielen. Generell beobachten wir fünf Gründe, warum Menschen sich nicht impfen lassen:

  • fehlendes Vertrauen in die Impfung, zum Beispiel wegen weit verbreiteter Mythen,
  • praktische Barrieren, wie Alltagsstress, schlechte Erreichbarkeit und so weiter,
  • die Risiken der Krankheit sind nicht bewusst - wie zum Beispiel die Sepsis als schwerwiegende Folge,
  • bei all der Suche zur Kosten-Nutzen-Abwägung stößt man immer wieder auf von Impfgegnern verbreitete Informationen, sodass man am Ende völlig verunsichert ist und das Impfen sein lässt,
  • Gemeinschaftsschutz wird nicht verstanden oder ausgenutzt - also die Tatsache, dass ich mit meiner Impfung auch andere mitschützen kann.

Diese Befragung war sehr wichtig für uns, denn wir hatten erst vermutet, dass praktische Barrieren in einem Flächenland wie Thüringen, wo es gerade für die Älteren vielleicht beschwerlich ist, zum Arzt zu kommen, eine große Rolle spielen. Tun sie aber nicht. Was wir in Thüringen herausgefunden haben ist, dass für die älteren Menschen Vertrauen ein ganz großes Thema ist. Dann haben sie das Gefühl, Grippe sei nicht gefährlich. Drittens ist es ihnen wichtig, auch andere durch ihre Impfung zu schützen.

Wir versuchen mit Mythen aufzuräumen und erklären, warum beispielsweise die Impfung gegen Grippe gar keine Grippe verursachen kann.
Prof. Cornelia Betsch

Diese drei Gründe waren also der Anker für die Kampagne. Wir erklären in einem Flyer und einer Internetseite besonders, wie Gemeinschaftsschutz funktioniert. Zudem stellen wir dar, dass Grippe und Lungenentzündung Krankheiten sind, mit denen nicht zu spaßen ist, und versuchen mit Mythen aufzuräumen und erklären, warum beispielsweise die Impfung gegen Grippe gar keine Grippe verursachen kann - diese enthält nämlich gar keinen lebenden Erreger mehr.

TK: Wie kommt das Material zu den Menschen?

Cornelia Betsch: Über ein sehr breites Netzwerk, für das wir wirklich dankbar sind. Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen, die Ärztekammer und die Apothekerkammer haben ihre Mitglieder aufgerufen, das Material kostenfrei zu bestellen und zu verbreiten. Auch Krankenkassen verbreiten es. Zudem hatten wir Beileger in Garten- und Jägerzeitschriften.

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Cornelia Betsch

Weil Ärzte so wichtige Multiplikatoren sind - für ältere Menschen ganz besonders, auch das hat unsere Befragung gezeigt - haben wir sie gesondert angeschrieben und ihnen zum Beispiel die Impfquoten ihres Landkreises mitgeteilt, zusammen mit dem eigentlich angestrebten WHO-Ziel.

Sie haben auch einen Kühlschrankmagneten bekommen, der sie ans Impfen erinnert. Studien zeigen, dass aufgrund der Fülle der ärztlichen Aufgaben zum Teil schlicht vergessen wird, Patienten auf ausstehende Impfungen hinzuweisen. Wir hoffen, dass Ärzte dadurch eher daran denken.

Wir nehmen Thüringen als Modellregion und vergleichen die Impfquoten und auch die Krankheits- und Krankenhausfälle mit anderen Bundesländern, die vorher ähnliche Impfquoten hatten. Natürlich vergleichen wir auch Vorher-nachher-Impfquoten in Thüringen.

TK: Was haben die Vergleiche ergeben? Wirkt impfen60+?

Cornelia Betsch: Ja, die ersten Ergebnisse sind sehr erfreulich. Wir haben eine weitere Repräsentativbefragung durchgeführt und so erfahren, dass Menschen, die die Kampagne kennen, dem Impfen positiver gegenüberstehen und sich häufiger impfen lassen, weil sie wichtiges Wissen daraus gezogen haben. Die neuesten Zahlen zu Impfraten und Erkrankungen haben wir zum heutigen Zeitpunkt noch nicht.

Zur Person

Prof. Dr. Cornelia Betsch leitet den Master-Studiengang Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Die Psychologin verantwortet außerdem das Verbundprojekt impfen60+. Sie ist Mitglied der Nationalen Verifizierungskommission Masern/Röteln des Robert Koch- Instituts, die das Ziel hat, beide Krankheiten in Deutschland zu eliminieren. Mit ihren Erfurter Kollegen gründete Betsch das Netzwerk GENIA zur interdisziplinären Gesundheitsforschung.