TK: Welche Idee steckt hinter POWER-CHILD e. V.?

Elisabeth von Medem-Stadler: Starke und selbstbewusste Kinder, die in Sicherheit heranwachsen, Jugendliche, die ihre Grenzen ziehen und selbstsicher ihren Weg gehen - das ist die Vision von POWER-CHILD e. V.

Wenn Kinder Opfer von sexualisierten Übergriffen werden, entstehen Wunden, die nur sehr schwer heilen. Wir möchten mit unserer Arbeit aktiv dazu beitragen, dass es möglichst erst gar nicht dazu kommt. Deshalb setzen uns dafür ein, Kinder und Jugendlichen vor solchen Erfahrungen zu schützen, aber helfen auch Betroffenen, die Missbrauch und Gewalt erfahren haben.

In Deutschland geht man allein von einer Million Kinder aus, die sexuellen Missbrauch erlebt haben.
Elisabeth von Medem-Stadler

Ich denke, vielen Außenstehenden ist es gar nicht bewusst, dass die Bedrohung meist aus dem nahen sozialen Umfeld kommt - genau dort also, wo Kinder und Jugendliche eigentlich Hilfe finden sollten. Das macht es für Betroffene noch einmal schwerer, über Ängste und Nöte offen zu sprechen und erklärt mit die hohe Dunkelziffer solcher Taten. Deshalb versuchen wir, die Schwächsten zu stärken, bevor etwas passiert. Mit diesem Anspruch sind wir deutschlandweit tätig und gehen mit eigenen Theater-Präventionsprojekten an Kindergärten und Schulen.

Elisa­beth von Medem-Stadler

Elisabeth von Medem-Stadler, Leiterin der Geschäftsstelle von POWER-CHILD e. V. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin der Geschäftsstelle von POWER-CHILD e. V.

Außerdem bieten wir persönliche oder telefonische Beratung für Betroffene, deren soziales Nahfeld sowie für aufmerksame Bürgerinnen und Bürger an und helfen mit eigenen Traumatherapeutinnen und -therapeuten, die Zeit zu überbrücken, bis ein regulärer Therapieplatz für Betroffene verfügbar ist.

TK: Gegen welche Formen von Gewalt und Missbrauch engagiert sich POWER-CHILD e. V.?

von Medem-Stadler: Gleichwohl wir uns auf sexualisierte Gewalt fokussieren, möchten wir betonen, dass wir für sämtliche Formen der Gewalt als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen, da sexualisierte Gewalt zugleich immer körperliche und seelische Gewalt darstellen kann. Wir laden jede und jeden ein, sich bei uns zu melden - egal wie die Gewalttat zu "kategorisieren" ist.

TK: Wie schätzen Sie das gesellschaftliche Ausmaß von Gewalt und Missbrauch bei Kindern ein?

von Medem-Stadler: In Deutschland geht man allein von einer Million Kinder aus, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Laut WHO leben von Gewalt betroffene Kinder mit einem erhöhten Risiko, erneut Opfer von Gewalt zu werden oder selbst gewalttätig zu werden. Nach der MIKADO Studie sitzen in jeder Schulklasse in Deutschland zwei bis drei Kinder, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind.

Jeder kennt mindestens ein Missbrauchsopfer, aber alle kennen auch einen Täter oder eine Täterin.
Elisabeth von Medem-Stadler

Solche Zahlen machen sprachlos und ohnmächtig. Ziehen wir die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes zu Rate, so sehen wir, dass alleine im Jahr 2020 16.686 Kinder sexuell missbraucht wurden. Das sind aber eben nur die Fälle, die bei der Polizei angezeigt wurden und dürften somit einen kleinen Teil der tatsächlichen Fälle ausmachen. Das so genannte Dunkelfeld dürfte demnach deutlich mehr Fälle beinhalten.

Darüber hinaus ist es nicht immer klar abzugrenzen, ab wann man ein Handeln als Gewalt definiert und bei welcher Überschreitung man tatsächlich einschreitet oder das Verhalten gar bei der Polizei anzeigt. So ist beispielsweis körperliche Gewalt auch für Außenstehende leicht zu erkennen, muss aber auch erst mal eingeordnet werden, da häufig andere Erklärungen für sichtbare Verletzungen angegeben werden. Aber selbst in relativ eindeutigen Fällen wird leider nicht unbedingt reagiert.

Und nun kann man sich vorstellen, wie viel schwieriger es wird, wenn Eltern oder enge Bezugspersonen einem Kind emotionale statt körperliche Gewalt antun. So etwas zeigt sich - wenn  überhaupt - erst sehr langfristig an Verhaltensänderungen oder psychosomatischen Beschwerden und ist für Außenstehende so weder direkt erkennbar noch zu einem späteren Zeitpunkt eindeutig zuzuordnen.

Und stellen Sie sich einmal ganz ehrlich selbst die Frage: Wenn Sie emotionale Gewalt beobachten - schreiten Sie wirklich ein, vor allem bei Fremden, wenn Sie hören, wie ein zum Beispiel ein Elternteil das Kind verspottet, abwertet oder entmutigt? Und wenn ja, ab wann würden Sie einschreiten oder sogar eine Behörde einschalten? Kurz: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche findet in so vielen Bereichen des Alltags auf subtile wie offensichtliche Weise statt, ist eigentlich allumfassend und ist oft nicht einfach als solche zu erkennen.

TK: Wo kann die Präventionsarbeit im Bereich Missbrauch und Gewalt ansetzen? Wo liegen die Herausforderungen?

von Medem-Stadler: Je früher wir die Kinder erreichen, desto effektiver und nachhaltiger können wir sie schützen, weshalb unsere Präventionsprojekte bereits im Kindergartenalter ansetzen.

In letzter Zeit hatten wir vermehrt Anrufe zu Übergriffen an Kindern durch Kinder oder Jugendliche.
Elisabeth von Medem-Stadler

Die wichtigsten Botschaften der Präventionsarbeit, die sich bestenfalls im Handeln der Kinder manifestieren, sind: eigene Gefühle wahrzunehmen, ihnen zu vertrauen und diese benennen zu können, eigene Grenzen kennenzulernen, zu definieren und durchsetzen, eben NEIN im richtigen Moment zu sagen, gute und schlechte Geheimnisse zu unterscheiden, zu wissen, dass alle Menschen gleich viel wert sind, zu wissen, dass man sich immer Hilfe holen darf, zu wissen, dass es niemals die eigene Schuld ist und man als Betroffener nicht weniger wert ist.

TK: Welche Erfolge lassen sich erzielen? Wo können Sie mit Ihrer Arbeit am besten ansetzen?

von Medem-Stadler: Erfolge in Zahlen zu messen, ist bei unserer Arbeit natürlich schwierig. Für uns ist es aber bereits ein Erfolg, den richtigen Impuls zu setzen, der einem Menschen hilft sich Hilfe zu holen, seine Perspektive auf das Leben zu ändern und/oder eine missbräuchliche Situation zu verlassen. Es kann ein ebenso großer Erfolg sein, wenn Kinder stärker und selbstbewusster werden, sodass sie sich zu helfen wissen und für sich einstehen - egal ob dies einen Missbrauch verhindert oder sich allgemein im Leben des Kindes äußert.

Wir versuchen den Menschen wichtige Impulse zu geben, ihr Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und ihren Selbstwert zu erhöhen und stehen auf dem individuellen Lebensweg begleitend zur Seite. Es wäre naiv zu denken oder anzustreben, dass wir mit unseren Projekten jede Hilfesuchende und jeden Hilfesuchenden vollkommen "heilen" können. Für uns ist es auch ein Erfolg, das Umfeld so zu sensibilisieren, damit es wachsam bleibt, Hinweise erkennt und Hilfesuchenden sofort glaubt und einfühlsam und kompetent zur Seite stehen kann. Entsprechende Rückmeldungen bekommen wir immer wieder und bestätigen uns in unserer Arbeit. 

TK: Welche politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen benötigen wir, um Missbrauch oder Gewalt zu reduzieren?

von Medem-Stadler: Kein Kind kann sich alleine schützen. Wir finden, dass jede und jeder bei sich selbst und in ihrem und seinem Umfeld beginnen muss, die Verhaltensweisen zu reflektieren und aber auch einzuschreiten. Die Gesellschaft als Ganzes muss die Augen aufhalten und Kindern glauben. Das Thema muss mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen, Menschen müssen bereit sein, sich mit der schmerzhaften Wahrheit auseinanderzusetzen, dass auch in ihrem Umfeld Missbrauch geschieht. Nicht nur kennt jeder Mensch mindestens ein Missbrauchsopfer - es kennen auch alle einen Täter oder eine Täterin.  Doch egal, in welchem Kontext und in welchem Teil Deutschlands wir über unsere Arbeit sprechen - die häufigste Reaktion ist "bei uns gibt es sowas nicht".

TK: Welche Rolle spielt der Medienkonsum beim Thema Gewalt?

von Medem-Stadler: Wir beobachten, dass im Bereich sexualisierte Übergriffe Kinder und Jugendliche sowohl häufiger zu Betroffenen von Übergriffen als auch zu Ausübenden werden. Die sozialen Medien vermitteln dabei eine falsche Lebensrealität, Pornographie ein falsches Bild von Sexualität und die meist fehlenden, funktionierenden Altersschranken führen dazu, dass jeder Mensch jeden Alters sämtliche Inhalte einsehen kann.

Besonders gefährlich sind darüber hinaus die Algorithmen der Plattformen, die Usern auf Basis der vergangenen Suchverläufe und Klicks passende Inhalte anzeigen. So geschieht es ganz leicht, dass sehr einseitige und/oder radikale Bilder und Gedanken konsumiert werden, von denen Nutzerinnen und Nutzer denken, es sei die Wahrheit oder einzige Realität, da sie gar keine anderen Inhalte (mit Gegenpositionen) mehr angezeigt bekommen. Dies ist nicht nur ein Treiber von ideologischen Radikalisierungen, sondern führt auch zu sehr einseitigen Sichtweisen auf Sexualität und Grenzüberschreitungen.

Zusätzlich bietet der Online-Raum Täterinnen und Tätern eine erleichterte und erweiterte Zugriffsmöglichkeit auf arglose Kinder, wodurch im Bereich der Sexualdelikte vor allem Cybergrooming und Delikte im Bereich der sogenannten Kinderpornographie deutlich zunehmen.

Ein weiterer Tatsache ist, dass viele Täterinnen und Täter kinderpornographische Material teilen und somit weiter verbreiten. Das gibt dem Missbrauch einen zusätzlich belastenden Aspekt. Für viele Betroffene kann das Wissen, dass Material ihres Missbrauchs offen zugänglich und meist unwiderruflich im Internet zu finden ist, die Situation deutlich verschlimmern.

TK: Inwiefern hat die Corona-Pandemie das Thema Gewalt und Missbrauch verschärft?

von Medem-Stadler: Eine Studie von Destatis zeigt, dass seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2012 noch nie so viele Meldungen wegen Kindeswohlgefährdungen gemacht wurden wie im Jahr 2020. Trotz dieser extremen Fallzahl dürfte, wie bereits geschildert, auch in dieser Statistik nur die Spitze des Eisberges benannt sein.

Wir können also nur mutmaßen, wie sehr sich die oben angesprochenen Effekte der medialen Gefährdungen verschlimmern, jetzt wo sich das Leben von Kindern und Jugendlichen noch stärker in die virtuellen Räume verlagert hat. Außerdem fällt die  soziale Kontrolle durch Außenstehende durch Home Schooling und Wechselunterricht noch schwerer, was ein Erkennen und Eingreifen noch unwahrscheinlicher macht.

TK: Gibt es hier entsprechende Projekte von POWER-CHILD e. V.?

von Medem-Stadler: Seit Juli 2021 sind wir auf in einem Online-Chatroom unterwegs, bei dem viele Kinder- und Jugendliche ihre Freizeit verbringen - oft aus Langeweile, oft aus Flucht vor der Realität. Wir gehen damit einen Schritt auf die Zielgruppe zu und begeben uns in ihre Komfortzone, was es in der Regel leichter macht, Hilfe anzunehmen. Wir erleben große Wertschätzung und Dankbarkeit von den Userinnen und Usern und ermöglichen pro Monat mindestens 250 Personen den Austausch.

TK: Was berichten die Beraterinnen und Berater am Telefon? Welche häufigsten Fälle begegnen ihnen generell und welche Fälle seit der Corona-Pandemie?

von Medem-Stadler: Die Anruferinnen und Anrufer sind meist Angehörige von Betroffenen, gerade wenn es um Kinder geht. Die Gewalt findet in der Regel intrafamiliär statt und hinterlässt bei den Erwachsenen häufig ebenso tiefe Eindrücke wie bei den Kindern, die die Übergriffe oftmals nicht einordnen können. Deshalb ist es auch besonders wichtig, das soziale Umfeld von Betroffenen zu stützen. In letzter Zeit hatten wir vermehrt Anrufe zu Übergriffen an Kindern durch Kinder oder Jugendliche.

TK: Mit welchen konkreten Maßnahmen können die Beraterinnen und Berater unterstützen?

von Medem-Stadler: Wir richten uns inhaltlich und im Gesprächsangebot ganz nach den Anrufenden. Die Personen können bei uns in der Beratungsstelle vorbeikommen, sich aber auch per Mail, Video-Call oder telefonisch helfen lassen. Die Gesprächsinhalte und die Dauer der Begleitung legen die Hilfesuchenden fest. Wir bieten Betroffenen von Gewalt aber auch eine schnelle und kurzfristige therapeutische Begleitung an, das heißt es besteht die Möglichkeit einer Traumatherapie.